Integrationscrashkurs

Immer mehr ukrainische Schüler kommen an die deutschen Schulen, die nicht darauf vorbereitet sind

  • Stefan Otto
  • Lesedauer: 3 Min.

Die jüngste Schätzung der der Kultusministerkonferenz (KMK) hat es in sich. Bis zu 400 000 Kinder und Jugendliche könnten im Verlauf des Ukraine-Krieges nach Deutschland flüchten, erklärte das Bund-Länder-Gremium unlängst. Viele von ihnen werden eine dramatische Flucht hinter sich haben und kaum ein Wort Deutsch verstehen. Dennoch sollten alle Kinder und Jugendlichen so bald wie möglich nach ihrer Ankunft eine Schule besuchen, erklärte Olaf Köller, Ko-Vorsitzender der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der KMK Ende März. »Dort können sie Deutsch lernen, ihren Bildungsweg fortsetzen, Kontakte zu Gleichaltrigen knüpfen und Hilfe bei der Bewältigung möglicher Traumata erhalten.« Dabei wird die Aufnahme von so vielen Kindern und Jugendlichen das Schulsystem vor immense Probleme stellen. KMK-Präsidentin Karin Prien (CDU) glaubt, dass rund 24 000 Lehrkräfte gebraucht werden.

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, sieht bereits jetzt eine sich zuspitzende Lage an den Schulen. Rund 61 000 Schüler aus der Ukraine werden nach KMK-Angaben derzeit an deutschen Schulen unterrichtet. »Aber es fehlen schlüssige Konzepte, wie diese Herausforderung bewältigt werden kann«, sagte er gegenüber »nd«. Es brauche Lehrer, Unterrichtsräume und Schulcontainer. »Die Schulen fühlen sich mit der Aufgabe weitgehend alleine gelassen. Das schafft natürlich Frust.«

Immerhin werden jetzt vermehrt Willkommenskräfte eingestellt. In Bayern etwa arbeiten bereits 200 Menschen mit ukrainischen Sprachkenntnissen, in Berlin 30 und in Sachsen 122, berichtete die »Welt am Sonntag«. Bundesfamilienministerin Lisa Paus dringt darauf, Geflüchteten aus der Ukraine die Arbeit an Schulen und Kitas zu erleichtern. Viele Ukrainerinnen, die nach Deutschland kommen, seien bestens qualifiziert. Eine Hürde sei aber die Anerkennung von Abschlüssen, so die Grünen-Politikerin gegenüber den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Darüber wolle sie kurzfristig mit Kollegen im Bund und auf Länderebene sprechen.

Die meisten Schulen fangen bei der Aufnahme von geflüchteten Kindern nicht bei null an. Erfahrungen gibt es bereits mit den Willkommens- oder Vorbereitungsklassen, die im Zuge der Flüchtlingsbewegung 2015 entstanden sind. An der Fridjof-Nansen-Schule in Flensburg etwa wurde ein teilintegratives Modell entwickelt. Die neu ankommenden Schüler besuchen erst das DaZ-Zentrum - DaZ steht für Deutsch als Zweitsprache. So heißen in Schleswig-Holstein die Vorbereitungsklassen, in denen die Kinder und Jugendlichen Deutsch lernen. Von dort aus können sie individuell in reguläre Unterrichtsstunden wechseln. Alle Schüler bekommen also einen eigenen Stundenplan. »Das hat sich bewährt und ist auch jetzt sehr gut geeignet für die Aufnahme ukrainischer Schülerinnen und Schüler«, so der Leiter des Zentrums, Stefan Brömel, gegenüber dem »Deutschen Schulportal«.

Auch Meidinger hält ein differenziertes Schulkonzept für sinnvoll. Oft sei es möglich, dass die Geflüchteten noch Anschluss an das ukrainische Schulsystem halten könnten. »Wenn es Fernunterricht gibt, dann macht es Sinn, dass die Schüler daran teilnehmen.« Darüber hinaus brauche es aber auch eine reale Integration an den Schulen; insbesondere eine soziale und psychologische Betreuung der jungen Menschen aus den Kriegsgebieten sei wichtig. Ein großes Problem sieht Meidinger bei den fehlenden Lehrkräften. Er rechnet nicht damit, dass so viele neue Stellen besetzt werden können, wie es eigentlich nötig wäre. »Insbesondere Lehrkräfte, die Deutsch als Fremdsprache unterrichten, fehlen.«

Auch Anja Bensinger-Stolze aus dem Vorstand der Bildungsgewerkschaft GEW sieht einen gravierenden Personalmangel auf die Schulen zukommen und regte gegenüber dem »nd« zu einem Fachkräftegipfel an. Dort müsse nach Wegen gesucht werden, wie ukrainische Lehrkräfte eingesetzt werden können. Zudem müsse über ein größeres finanzielles Engagement des Bundes gesprochen werden. Denn die bislang dafür zugesagte Summe von einer Milliarde Euro reiche nicht aus, so Bensinger-Stolze.

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