Sittenbild des Kapitalismus

In »Die Saat« kämpft sich eine Familie durch den ständigen Druck, für ein Stück vom Glück funktionieren und performen zu müssen

  • Von Frank Schirrmeister
  • Lesedauer: 5 Min.
Für das bisschen Wohlstand muss sich Rainer (Hanno Koffler) ziemlich krumm machen.
Für das bisschen Wohlstand muss sich Rainer (Hanno Koffler) ziemlich krumm machen.

Auf den ersten Blick klingt die Geschichte nach solider Unterhaltung und nicht allzu überraschend: Eine prototypische Mittelschichtfamilie, Vater Bauleiter, Mutter Krankenschwester, zieht mit der pubertierenden Tochter und in Erwartung eines späten Nesthäkchens aus der Stadt ins eigene Häuschen, übernimmt sich dabei, die finanziellen Probleme häufen sich, am Ende steht der Absturz.

Doch »Die Saat« ist vielschichtiger und zeigt uns in der Summe nichts weniger als ein Sittenbild des gegenwärtigen Kapitalismus. In seiner geradlinigen und schnörkellosen Erzählung des verzweifelten Kampfes einer Durchschnittsfamilie um den Erhalt des sozialen Status wirkt der Film wie eine Versuchsanordnung unter Laborbedingungen, um exemplarisch vom Ende des Aufstiegsversprechens der ehemals sozialen Marktwirtschaft zu erzählen.

Dabei bleibt die Geschichte eng am Puls der Zeit. So zieht die Familie nicht etwa in den Vorort einer nicht näher bestimmten Stadt, weil sie sich den klassischen Traum vom eigenen Häuschen im Grünen erfüllen will, sondern weil sie sich die Wohnung in der Stadt nicht mehr leisten kann, Stichwort Gentrifizierung. Mit den seit einigen Jahren explodierenden Wohnkosten in den Ballungsräumen hat sich in der Tat der Druck auf Gering- und Mittelverdiener um Potenzen erhöht; der Verlust einer Wohnung kann heute für eine Familie schnell der Beginn einer Abwärtsspirale sein.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Rainer (Hanno Koffler), der sich in einer alteingesessenen Firma zum Bauleiter hochgearbeitet und damit die Basis für einen bescheidenen Wohlstand gelegt hat. Wie zerbrechlich diese Basis ist, zeigt sich, als der Sohn des Patriarchen das Geschäft übernimmt und alte Loyalitäten nichts mehr zählen. Rainer, der in den Augen des neuen Chefs ein bisschen zu viel Verständnis für die ihm unterstellten Kollegen hat, wird als Bauleiter abgelöst; sein Nachfolger gibt den Druck von oben ungefiltert nach unten durch. Druck herrscht in jeder Hinsicht, alle Protagonisten des Films stehen unter einem permanenten Druck, der sie krank und aggressiv macht. Sei es der gnadenlose Konkurrenz-, Kosten- und Termindruck auf der Baustelle, der Druck, unter dem Rainer steht, schnell viel Geld herbeischaffen zu müssen, familiärer Druck, der Druck, der auf der Tochter lastet, die sich in einer neuen Umgebung behaupten muss und darunter leidet, dass ihre Eltern keine Zeit mehr für sie haben, weil jene unter dem Druck der Kredite und Schulden immer schneller im Hamsterrad rotieren.
Vielleicht ist dieser Druck, dem ausnahmslos alle unterworfen sind, das deutlichste Sinnbild für die Gewalt der Verhältnisse. Zeit oder gar Muße hat hier niemand; alle hetzen durch ihr Leben auf der fiebrigen Jagd nach etwas; nach lukrativen Aufträgen und noch höheren Profiten die einen, nach ein bisschen Sicherheit und dem Erhalt des sozialen Status die anderen, zu denen Rainers Familie zählt.

Die vermeintlichen Bedürfnisse des »Marktes« diktieren jeglichen Lebensrhythmus. »Vielleicht wollen wir zu viel?«, fragt Rainer zu einem Zeitpunkt, an dem die Schuldenfalle endgültig zuzuschnappen droht, und man weiß nicht recht, was darauf zu antworten wäre. Zweifellos sollte eine Familie wie jene im Film dasselbe Recht auf das kleine Glück im Grünen haben wie das wohlhabende Ekelpaket von nebenan. Aber heute kennen wir eben auch die ökologischen Folgekosten der ungebremsten Expansion der Städte in ihr Umland und die Verheerungen, welche das Zustellen der Landschaft mit Einfamilienhaussiedlungen und die damit verbundenen Pendlerströme anrichten.

Wir alle wollen zu viel, das sollte inzwischen klar sein. Aber kann man deshalb jemandem verwehren, seinen Traum zu erfüllen beziehungsweise müssen wir akzeptieren, dass die Erfüllung solcherart Träume nur jenen zusteht, die skrupellos genug und in der glücklichen Lage sind, von einer immer ungerechteren Wirtschaftsordnung zu profitieren?

»Die Saat« ist auch ein Film über die Rückkehr der Klassengesellschaft, falls sie überhaupt je verschwunden war (im Osten durchaus, im Westen wahrscheinlich nie wirklich). »Menschen wie du fallen immer auf die Fresse, gewöhn dich schon mal dran«, muss sich Tochter Doreen (beeindruckend gespielt von der erst 14-jährigen Dora Zygouri) von ihrer bessergestellten Mitschülerin und vermeintlichen Freundin sagen lassen.
Man muss gar nicht das Modewort Klassismus bemühen, um im verzweifelten Kampf Rainers gegen den Abstieg ein Muster zu erkennen. Rainer hat sich vom einfachen Fliesenleger hochgearbeitet, wirklich dazugehört hat er nie. Das zeigt sich im arroganten Dünkel des besser verdienenden Nachbarn, der in Rainer instinktiv den Emporkömmling erkennt und ihm mit stiller Verachtung begegnet. Auch die vermeintliche Jovialität des Chefs (schön ölig gespielt von Robert Stadlober) und dessen Gerede vom selben Boot, in dem man doch säße, kann die soziale Kluft zwischen ihnen nur mühsam übertünchen. Die Tünche bröckelt denn auch recht schnell, und am Ende hat Rainer in dem Versuch, seine Würde zu bewahren, alles falsch gemacht und alles verloren.

»Die Saat« ist der zweite Langfilm der 1981 geborenen Regisseurin Mia Maariel Meyer. Ihr Interesse an sozial-realistischen Themen bewies sie schon mit ihrem No-Budget-Debütfilm »Treppe aufwärts«. Das Drehbuch verfasste sie zusammen mit Hanno Koffler (mit dem sie praktischerweise auch verlobt ist), der sich damit die Rolle des Rainer auf den Leib schreiben konnte. Das hat dem Film und seiner Darstellung des sympathischen, aber letztlich chancenlosen Aufsteigers zweifellos gut getan. In der dramaturgischen Stringenz seiner Erzählung und der Parteinahme für die »kleinen Leute« erinnert »Die Saat« an die besten Filme von Ken Loach. Mehr Ehre geht eigentlich nicht.

»Die Saat«: Deutschland 2021. Regie: Mia Maariel Meyer. Mit: Hanno Koffler, Dora Zygouri, Anna Blomeier. 100 Minuten, Start: 28. April.

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