Ein Leben zwischen Poesie und Bergbau

Friedrich von Hardenberg, der sich als Dichter Novalis nannte, wurde vor 250 Jahren geboren

  • Von Klaus Bellin
  • Lesedauer: 6 Min.
Novalis stand "fest mit beiden Beinen in der Gedankenwelt und Lebenspraxis seiner Tage", meint der Biograf Gerhard Schulz.
Novalis stand "fest mit beiden Beinen in der Gedankenwelt und Lebenspraxis seiner Tage", meint der Biograf Gerhard Schulz.

Im April 1791 erschien mit den »Klagen eines Jünglings« sein erstes Gedicht. Da war er 19 Jahre alt, Absolvent des Luther-Gymnasiums in Eisleben und seit kurzem Student in Jena. Vorher, 1790, hatte er in einem Tagebuchblatt notiert: »Von unsrer Wiege an verfolgen uns Vorurtheile, Schwachheiten und Mängel, die uns das Drückende des Lebens in seiner ganzen Schwere fühlen lassen. Alle unsre Wünsche bleiben unerfüllt, unsre Pläne scheitern, unsre schönsten Hoffnungen, unsre blühendsten Aussichten verschwinden.« Er schrieb, »in elende, drückende menschliche, bürgerliche Verhältnisse« gespannt, Verse und Verserzählungen, übte sich auch als Übersetzer, hatte schon Gottfried August Bürger getroffen, um dessen Freundschaft er inständig warb, und nun auch Schiller, den Geschichtsprofessor und Dramatiker, den er verehrte und von dem er später sagen wird: »Sein Blick warf mich nieder in den Staub und richtete mich wieder auf.«

Noch war er Friedrich von Hardenberg, Spross eines alten Adelsgeschlechts, geboren am 2. Mai 1772 auf einem Gut in Oberwiederstedt und bestimmt, sein Auskommen einmal im sächsischen Staatsdienst zu finden. Er selber liebäugelte früh mit den schönen Wissenschaften, las, was seine namhaften Zeitgenossen publizierten, schrieb schon mit zwölf Jahren die ersten Verse. Sein Debüt als Poet feierte er im »Neuen Teutschen Merkur«, einer Gründung Christoph Martin Wielands, aber noch verschleierte er seine Verfasserschaft, indem er sein Gedicht nur mit dem ersten und letzten Buchstaben des Familiennamens zeichnete. Sieben Jahre dauerte es noch, bis Friedrich von Hardenberg 1798 mit seiner Fragmentsammlung »Blütenstaub« in der Zeitschrift »Athenäum« der Brüder Schlegel auftauchte. Jetzt nannte er sich als Dichter Novalis, der Neuland Bebauende. Und blieb dabei.

Hermann Hesse, der früh in seinen Bann geriet, hat ihn zu den »edelsten Gestalten« der Deutschen gerechnet, wie Hölderlin, wie Nietzsche, nur dass Novalis nicht im Wahnsinn endete, sondern früh, mit nur 28 Jahren, am 25. März 1801 starb. Da kannten ihn wenige. Ludwig Tieck war der Erste, der 1815, in der Vorrede zur dritten Auflage der Novalis-Schriften, über die Lebensumstände Hardenbergs berichtete. Seitdem ist viel über ihn geschrieben worden, sein Bild wurde klarer und ist dennoch seltsam undeutlich geblieben. Ein Frühvollendeter mit feinem Gesicht und schwarzen Augen, ein schwärmerisch-sensibler Magier, ein Träumer, der sich wie sein Held im Romanfragment »Heinrich von Ofterdingen« in der Sehnsucht nach der blauen Blume verzehrt, der Jüngling mit den mädchenhaften Zügen und der »gewissen Keuschheit«, wie Friedrich Schlegel beobachtete und wie ihn das einzige Bildnis zeigt, das wir besitzen, dazu ein Dichter voller Geheimnisse: So ist er gern dargestellt und geliebt worden, trotz aller Bemühungen, ihn aus der behaupteten Erdenferne zu befreien.

Sein kurzes Leben verlief im Spannungsfeld von Poesie und Wissenschaft, philosophischem Denken und praktischer Tätigkeit. Eine Kindheit und Jugend in gesicherten Verhältnissen, Schule und Studium in Jena, Wittenberg und an der Bergakademie Freiberg, eine frühe (für seine Poesie folgenreiche) Liebe zu der blutjungen Sophie von Kühn, die bald starb, später Tätigkeit als Verwaltungsjurist. Aus der Region, in der er heranwuchs, ist er nie herauskommen, aber geistig, in seiner Dichtung, hat er sie früh schon verlassen. In Jena, wo er den kranken Schiller pflegte, geriet er in den Bann der Brüder Schlegel (später auch Tiecks), die ihn förderten und druckten, und schließlich erlebte er, wie Johann Gottlieb Fichte unter Vorwänden von der Jenaer Universität vertrieben wurde (»Ich bin ihnen ein Demokrat, ein Jakobiner, dies ist’s«). Novalis, der die Geschehnisse in Frankreich nach der Revolution aufmerksam verfolgte, hat über diesen Willkürakt wie alle Frühromantiker gedacht. In einem Brief des Freundes August Wilhelm Schlegel steht der Satz: »Der wackere Fichte streitet eigentlich für uns alle, und wenn er unterliegt, so sind die Scheiterhaufen wieder ganz nahe herbeigekommen.«

So traumverloren und entrückt, wie man ihn sehen wollte, ist Novalis nicht gewesen. In seinen Dichtungen, den »Hymnen an die Nacht« oder im Ofterdingen-Roman artikulierte er das geistige Ungenügen in der Gegenwart, die lähmende Stagnation und den Mangel an Visionen. Wie alle Romantiker erhoffte er Veränderungen, jedoch nicht von Taten, sondern von der Kraft der Poesie, dem magischen Wort, das Liebe, Glück und Unsterblichkeit bringen sollte. Die blaue Blume wurde das Sinnbild aller Sehnsucht nach einer harmonischen Welt, dem erträumten, märchenhaften Goldenen Zeitalter, das Mensch und Natur wieder vereint. Im verklärten Mittelalter, das als mythischer, geschichtsloser Raum, als Resonanzboden aller Erwartungen erscheint, wurde der Aufbruch in die Moderne gesehen, in die Welt des grenzenlos Möglichen.

Die Traumbilder des Novalis, seine poetologischen Reflexionen, philosophischen Schriften und Gedankenexperimente, die Versuche, Poesie und wissenschaftliches Denken seiner Zeit zu verbinden, haben lange Arbeit und Leistungen des Geologen Hardenberg verdeckt. »Die Schriftstellerei«, schrieb er 1799 an Rahel Just, »ist eine Nebensache … Sie beurteilen mich wohl billig nach der Hauptsache - dem praktischen Leben … Ich behandle meine Schriftstellerei als ein Bildungsmittel - ich lerne etwas mit Sorgfalt durchdenken und bearbeiten - das ist alles, was ich verlange.«

Im selben Jahr wurde er höherer Salinen-Minen-Beamter, nahm trotz labiler Gesundheit lange Fußmärsche und enorme körperliche Strapazen auf sich, war ständig zwischen Weißenfels, Artern, Kösen und Dürrenberg unterwegs, inspizierte Steinbrüche, Hüttenwerke und Lagerstätten von Kohle, befasste sich mit der Fabrikation von Düngesalz, entwarf Pläne zum rentablen Betrieb der Bergwerke und war im Juni 1800 an einem Unternehmen beteiligt, das zwischen Leipzig, Zeitz und Borna »brennbare Fossilien« aufspürte und kartografisch verzeichnete, die erste große Leistung dieser Art.

Gemeinsam mit einem Freiberger Bergstudenten brach er morgens um vier auf, um zu Fuß durchs Tal der Elster, über Kuppen und Höhenzüge ins Altenburgische und weiter nach Leipzig zu ziehen. Man sammelte Gesteinsproben, sprach mit Eingesessenen und hielt an den Abenden alles, was man gefunden und erfahren hatte, in ausführlichen Berichten fest. Er war ein praktischer, tatkräftiger, hochqualifizierter und umsichtiger junger Mann, dem auf seinen Erkundungstouren nicht verborgen blieb, unter welch katastrophalen Bedingungen Braunkohle gefördert wurde: »Auch ist die Arbeit äußerst beschwerlich, schmutzig und ungesund. Hautschäden und Gichtübel sind unter diesen Leuten sehr häufig.«

In seinen Protokollen, Gutachten und Notizen tauchen nicht nur Minister und Geheime Räte auf, Inspektoren und Kontrolleure, sondern auch Salzverwalter, Gerichtsdiener, Knechte und Kuhmägde. Hier gibt es Informationen über die Arbeitswelt seiner Zeit, über Werkzeuge, Transportmittel oder Preise in Hülle und Fülle.

Die deutsche Literatur um 1800, sagt sein Biograf Gerhard Schulz mit Recht, kennt keinen anderen Autor, »der derart fest mit beiden Beinen in der Gedankenwelt und Lebenspraxis seiner Tage stand«.

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