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Linkes Herz und rechtes Knie

50 Jahre Lyrik schreiben: Ein neuer Band von Thorwald Proll

  • Jochen Knoblauch
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Name Thorwald Proll wird heute immer noch mit denen von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Horst Söhnlein Verbindung gebracht, mit denen er 1968 in Frankfurt am Main nachts ein Kaufhaus ansteckte, um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren. Aber er entschied sich für einen anderen Weg als die späteren RAF-Gründer. Zwar war Proll mit ihnen nach der Verurteilung, als sie vorübergehend auf freien Fuß gesetzt worden waren, nach Paris geflohen, doch Proll setzte sich ab, stellte sich 1970 den Behörden und trat – wie auch Söhnlein – seine Haftstrafe an. Im Luchterhand-Verlag erschien dann 1972 sein erster Gedichtband »sicherheit und (m)ordnung«, da war er schon wieder in Freiheit.

Geboren 1941 in Kassel, hatte er in Marburg und Westberlin Germanistik und Theaterwissenschaften studiert, als er durch die APO (Außerparlamentarische Opposition) politisiert wurde. Im Gegensatz zu seiner Schwester Astrid Proll war ihm aber der Preis für den Weg in den bewaffneten Kampfzu hoch. Er hat sich dagegen entschieden, ohne seine Freunde und Genossen zu verraten. Sein Weg war, auch gegenüber seinen eigenen Erwartungen, trotzdem kein leichter, und schon gar keiner, der finanziell sorgenfrei verlief. Um seine Literatur zu finanzieren, arbeitete er in diversen Jobs, ab 1977 in Hamburg, wo er unter anderem den Nautilus-Buchladen betrieb und als Verleger des »Verlags auf hoher See« tätig war.

Spaß und Verantwortung

Olga Hohmann versteht nicht, was Arbeit ist und versucht, es täglich herauszufinden. In ihrem ortlosen Office sitzend, erkundet sie ihre Biografie und amüsiert sich über die eigenen Neurosen. dasnd.de/hohmann

Seit seinem ersten Gedichtband vor genau 50 Jahren veröffentlichte Proll rund 20 Publikationen, größtenteils Lyrik. Durch alle seine Gedichte zieht sich ein dadaistischer Blick auf den Alltag und das politische Geschehen, ohne verhärmt oder zynisch zu wirken. Er behält immer seinen Humor und bleibt bei seiner Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Seine oft minimalistischen Wortspielereien sind Ausweis seiner Menschenfreundlichkeit, wie auch seines Wissens um unser aller Unzulänglichkeit, ohne jeden bösen Hintergedanken.

Wenn es gerecht zuginge, wäre er eine der wichtigen Stimmen im Land der »Dichter und Denker« geworden, vorausgesetzt, dieses Land würde tatsächlich existieren und es wäre von öffentlichem Interesse, was die Intellektuellen zu sagen haben. Doch die Narren wurden in den 70er Jahren vom Hofe verbannt, und er war auch nie jemand, der sich in die Öffentlichkeit drängelte.
Nach der Trilogie von »gebrauchten und neuen Gedichten« (2019–2021) im Duisburger Trikont-Verlag ist jetzt sein neuer Gedichtband »Doggin’ Around. Mein delyrisches Tagebuch« erschienen, in dem der 80-jährige Proll in drei Kapiteln – »Balkon«, »Klinik«, »Reha« – seinen Krankenaufenthalt nach einer schweren Knie-OP verarbeitet. Hier geht es nicht um Krankenhaus- oder Schmerztherapie-Lyrik, sondern wie gewohnt auch um politische Fragen: »Im Senat | arbeitet die / Opposition / unter / ohrenbetäubendem /Lärm / am Hörsturz / der Regierung«. Oder ganz kurz, zwei Wochen nach der OP: »Steckbrief /Linkes Herz / rechtes Knie«.

Man sollte Prolls Produktivität und Beharrlichkeit als Lyriker endlich anerkennen, statt ihm ständig biografisch den Moment der politischen Kaufhausbrandstiftung in Rechnung zu stellen. In diesen aufwühlenden Tagen ist seine politische Lyrik, verfasst mit einem subversiven Schmunzeln, ergiebiger als der Trend zur Garten- und Wiesen-Lyrik, abseits der »sozialen Medien«. Denn Lyrik ist Geistesnahrung. Und die brauchen wir alle.

Thorwald Proll: Doggin’ Around. Mein delyrisches Tagebuch. Trikont Duisburg/Dialog-Edition, 51 S., br., 10 €.

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