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Kampf um die Deutungshoheit

Auch am 9. Mai gedenken Hunderte Menschen in Berlin des Sieges der sowjetischen Armee

  • Von Nora Noll und Patrick Volknant
  • Lesedauer: 6 Min.
"Unsterbliches Regiment" steht auf dem großen Banner, das die russischen Demonstrierenden tragen.

Rote Nel­ken, Schwarz-Weiß-Foto­gra­fien von sowje­ti­schen Sol­da­ten und ein paar ver­lo­re­ne Stim­men, die rus­si­sche Wal­zer mit­sin­gen – der »Rot­ar­mis­ten-Gedächt­nis-Auf­zug« zele­briert am Mon­tag das jähr­li­che Geden­ken an die sowje­ti­sche Armee und ihren Sieg über Nazi-Deutsch­land. Die­ses Jahr beglei­ten zahl­rei­che Journalist*innen und ein Poli­zei-Groß­auf­ge­bot den Marsch vom Bran­den­bur­ger Tor bis zum sowje­ti­schen Ehren­mal im Tier­gar­ten. Denn im Kon­text des Ukrai­ne-Krie­ges wird mit Kon­flik­ten gerechnet.

Es sind vor allem rus­sisch­spra­chi­ge Men­schen unter den etwa 500 Teil­neh­men­den, die Fotos und Blu­men zum Mahn­mal tra­gen. Und eini­ge sind von weit­her ange­reist, um am Geden­ken in Ber­lin teil­zu­neh­men. Wie Anna Sosin und ihr Mann Jurij, die aus Kre­feld in Nord­rhein-West­fa­len in die Haupt­stadt gekom­men sind. Er trägt ein Bild sei­nes Vaters in der Hand, »Gekämpft, aber nicht gefal­len«, sie Blu­men. »Wir sind zum ers­ten Mal hier«, sagt sie zu »nd«, »denn uns allen tut die See­le weh. Seit acht Jah­ren wei­ne ich schon.«

Seit 2014 also, als Russ­land die Krim annek­tier­te und der nun eska­lier­te Expan­si­ons-Krieg begann. Die­ses Jahr sei der 9. Mai ihr beson­ders wich­tig, um sich klar gegen Krieg und Faschis­mus zu stel­len, so die Deutsch-Kasa­chin. Sie ver­ur­teilt also Putins Angriffs­krieg? Sosin rudert zurück, »per­sön­lich ste­he ich hin­ter Putin«, die Ukrainer*innen wür­den sich ja lei­der gegen­sei­tig umbrin­gen. »Wir sind gegen Krieg!«, schiebt sie noch ein­mal hinterher.

Die­ses frag­wür­di­ge Nar­ra­tiv taucht im Gespräch mit den Teilnehmer*innen wie­der und wie­der auf. Wenn sich Anwe­sen­de über­haupt dazu bereit erklä­ren, mit der Pres­se zu reden. »Zei­tun­gen ver­trau­en wir nicht«, geben zwei von ihnen zu ver­ste­hen – dann stel­len sie Putins Angriffs­krieg und sei­ne Kriegs­ver­bre­chen in der Ukrai­ne als Kampf gegen den Faschis­mus dar.

Nach einem gemäch­li­chen Spa­zier­gang zum Denk­mal wer­den die Anwe­sen­den schub­wei­se durch die Git­ter­ab­sper­rung und zur Blu­men­ab­la­ge geschleust. Zwi­schen den blu­men­be­deck­ten Ste­len kommt es zu einem Hand­ge­men­ge, als der Kame­ra­mann eines ukrai­ni­schen Medi­ums mit einem rus­sisch­spra­chi­gen Teil­neh­mer anein­an­der­ge­rät. Etwa fünf Men­schen wer­den nach Anga­ben der Poli­zei dar­auf­hin poli­zei­lich festgehalten.

Ansons­ten blieb es uner­war­tet fried­lich, was ver­mut­lich an der Abwe­sen­heit der »Nacht­wöl­fe« lag. Die rechts­ex­tre­me und Putin-nahe Rocker­grup­pe hat­te sich mit 150 Mann aus Frank­furt am Main ange­kün­digt und die Ber­li­ner Poli­zei in Alarm­be­reit­schaft ver­setzt. Aber noch am spä­ten Nach­mit­tag ließ die Biker-Gang auf sich war­ten. Nur ver­ein­zelt tauch­ten Män­ner in Motor­rad-Mon­tur auf und leg­ten Krän­ze nieder.

Am Ein­gang zum Sowje­ti­schen Ehren­mal im Trep­tower Park hin­ge­gen sol­len ein­zel­ne Mit­glie­der der »Nacht­wöl­fe« von der Poli­zei abge­wie­sen wor­den sein. An der offi­zi­el­len Gedenk­ver­an­stal­tung nah­men laut Behör­den­an­ga­ben rund 200 Men­schen teil. Bei gutem Wet­ter schlen­dern Besucher*innen anschlie­ßend über das Gelän­de des Sowje­ti­schen Ehren­mals, das die Ber­li­ner Beam­ten mit gro­ßem Auf­ge­bot sichern. »Ich woh­ne in der Nähe und bin vor­bei­ge­kom­men, um mir das Gan­ze mal anzu­se­hen«, sagt Ali Khet­tal. Der Alge­ri­er steht vor einem Stand der Reichs­bür­ger-Grup­pie­rung »Staatenlos.Info«.

»Mit die­sem Revi­sio­nis­mus kann ich nichts anfan­gen«, sagt Khet­tal. »Aber dass hier alle fried­lich mit­ein­an­der reden und jeder sei­ne Mei­nung sagt, ist eine Errun­gen­schaft. In Mos­kau könn­te so etwas heu­te nicht statt­fin­den.« Über den Krieg in der Ukrai­ne sei er ent­setzt: »Was Putin da macht, mar­kiert einen Bruch in der Geschich­te der Ver­ein­ten Nationen.«

Wei­ter vor­ne, neben einer der sti­li­sier­ten Sowjet­fah­nen aus rotem Gra­nit, die den Blick auf die gro­ße Sta­tue des Befrei­ers ein­rah­men, lie­gen jun­ge Frau­en und Män­ner reg­los auf dem Boden. Ihre wei­ßen Hem­den sind mit roter Far­be beschmiert, man­che von ihnen haben die Hän­de auf den Rücken gebun­den. Der Anblick soll an die Bil­der von Kriegs­ver­bre­chen in der Ukrai­ne erinnern.

»Es ist lächer­lich, wie Putin heu­te Blu­men für Odes­sa und Kiew nie­der­legt, wäh­rend er genau die­se Städ­te wei­ter bebom­ben lässt«, sagt die Akti­vis­tin Mari­ia Merz­lia­ko­va nach der Akti­on. Beim Spre­chen bebt der rus­si­schen Stu­den­tin die Stim­me. Für ihren stil­len Pro­test sei die Grup­pe mehr­fach belei­digt wor­den – unter ande­rem auf Rus­sisch. »Ich glau­be, die wuss­ten gar nicht, dass hier auch Rus­sin­nen liegen.«

Auch die Ukrai­ne­rin Lika Petrychen­ko hat sich aus Pro­test gegen den Krieg eine Stun­de lang auf den Boden gelegt. »Es kamen Frau­en, die uns gesagt haben, dass wir lie­ber auf­ste­hen und Kin­der krie­gen sol­len«, sagt sie. Ihre Fami­lie und Freund*innen leb­ten noch in der Ukrai­ne. Mit der Akti­on ist sie im Gro­ßen und Gan­zen zufrie­den: »Wir haben hier für Dis­kus­sio­nen gesorgt und das war auch das Ziel der Performance.«

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