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Hochmut kommt vor dem Schwall

Es ist gruselig, mit wie viel Arroganz und Vernichtungswillen manche Medien-Promis in der Ukraine-Frage argumentieren, meint Christoph Ruf.

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 5 Min.
Auch Medien-Promi Jan Böhmermann äußert sich immer wieder zum Ukraine-Krieg.
Auch Medien-Promi Jan Böhmermann äußert sich immer wieder zum Ukraine-Krieg.

Die­ser Tage gibt es ja vie­le Men­schen, die erst­mals in ihrem Leben mer­ken, dass man sich auch um ande­re Din­ge sor­gen kann als um das unmit­tel­ba­re per­sön­li­che Umfeld oder die jüngs­te Heim­nie­der­la­ge des Lieb­lings­ver­eins. Die Bil­der aus der Ukrai­ne sind jeden Tag real; je mehr man das Gan­ze an sich her­an­lässt, des­to nach­denk­li­cher wer­den manche.

Die Fra­ge, ob man die Ukrai­ne mit schwe­ren Waf­fen ver­sor­gen soll­te, ist viel­leicht nicht zuletzt eine der Per­spek­ti­ve. Wenn die Leit­schnur die ist, die Über­fal­le­nen gegen den Aggres­sor zu ver­tei­di­gen, dann fällt die Ant­wort anders aus, als wenn die obers­te Sor­ge der Fra­ge gilt, was zu tun wäre, um eine glo­ba­le Eska­la­ti­on zu ver­mei­den. Dass die mit einer hohen Wahr­schein­lich­keit zu einem drit­ten Welt­krieg füh­ren könn­te, kann einen nicht beru­hi­gen. Schon gar nicht, wenn man mit­kriegt, wie non­cha­lant auch Regie­rungs­men­schen plötz­lich über die Mög­lich­keit eines Nukle­ar­krie­ges sprechen.

Bes­tens gelaun­te Selbst­er­göt­zung ist auch bei vie­len TV-Men­schen zu beob­ach­ten, für die die Welt gera­de immer noch so ein­fach ist, wie sie im eige­nen qua­dra­tisch-prak­ti­schen Welt­bild immer schon war. Hier die­je­ni­gen, die auf der rich­ti­gen Sei­te ste­hen. Dort die Idio­ten, die nichts kapie­ren und in die nächst­bes­te Schub­la­de gesteckt wer­den, wenn sie sich erdreis­ten, den Kanz­ler zu abge­wo­ge­nem Han­deln auf­zu­for­dern, anstatt den Zu-den-Waf­fen-Jubel­fan­fa­ren nach­zu­ge­ben. »Wenn Putin Deutsch­land mit Atom­ra­ke­ten angreift, wird sich der intel­lek­tu­el­le Scha­den jeden­falls in Gren­zen hal­ten«, twit­ter­te danach Jan Böh­mer­mann und erklär­te somit bei­spiels­wei­se Lars Eidin­ger, Ali­ce Schwar­zer, Juli Zeh, Edgar Sel­ge, Ran­ga Yogeshwar und Ger­hard Polt wegen ihres offe­nen Brie­fes kur­zer­hand für so dumm, dass ihre Aus­lö­schung kein intel­lek­tu­el­ler Scha­den wäre. Das war schon eine ziem­lich anma­ßen­de Replik.

Und eine ver­rä­te­ri­sche dazu: Dass in der Poli­tik die ent­schei­den­de Kate­go­rie die Unter­schei­dung zwi­schen Freund und Feind sei, hat ein­mal Carl Schmitt begrün­det. Der Staats­recht­ler war einer der wich­tigs­ten Vor­den­ker der Neu­en Rech­ten und dürf­te bei Men­schen wie Alex­an­der Gau­land, Ali­ce Wei­del oder Mari­ne Le Pen hoch im Kurs stehen.

Das eigent­lich Unsym­pa­thi­sche an den Böh­mer­män­nern und ihren Twit­ter-Cla­queu­ren – das ist mir tat­säch­lich erst in den letz­ten Tagen klar gewor­den – ist die pene­trant-gocke­li­ge Gewiss­heit, dass die Welt ganz ein­fach zu erklä­ren ist, dass es unnö­tig ist, über eine Fra­ge mal län­ger als bis zum nächs­ten Piep­sen des Han­dys nach­zu­den­ken. Wes­halb für sie der ein­zig rich­ti­ge Weg immer der ist, auf dem sie sel­ber ste­hen. Und sei es nur, weil sie sich seit Jah­ren nicht mehr vor­wärts­be­wegt haben. Muss­te man sich im Mit­tel­al­ter noch ent­schei­den, ob man am Fürs­ten­ho­fe Hof­narr oder Hen­ker sein will, so geht heu­te bei­des in Personalunion.

Betrach­tet man das so, dann ver­schwin­det plötz­lich das Stirn­run­zeln, wenn man liest, dass Robert Habeck ein euro­pa­wei­tes Öl-Embar­go vor­be­rei­tet und dabei selbst aus­führt, dass es der hei­mi­schen Wirt­schaft zwar scha­den, dafür aber auch Putin nicht schwä­chen wer­de, weil er durch die Ver­knap­pung wesent­lich höhe­re Prei­se auf­ru­fen kön­ne. Oder wenn Frau Strack-Zim­mer­mann im Inter­view mit der »Süd­deut­schen Zei­tung« sagt: »Wir soll­ten uns das Nar­ra­tiv des drit­ten Welt­krie­ges oder eines Atom­kriegs nicht zu eigen machen. Natür­lich ist die Lage extrem ernst. Wir wis­sen, dass Putin in kei­ner Form bere­chen­bar ist.«

Mit ande­ren Wor­ten: Putin ist kom­plett unbe­re­chen­bar, und die Voll-Eska­la­ti­on des Kon­flikts droht tat­säch­lich. Ansons­ten soll­ten wir uns aber kei­ne Sor­gen machen. Auch das ist, rich­tig inter­pre­tiert, völ­lig logisch. Und wenn die Luft in Euro­pa dann halt doch etwas mehr strahlt als gewöhn­lich, lag’s nicht an der Atom­bom­be. Son­dern eben an dem alber­nen Nar­ra­tiv des ollen Putin.

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