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Abenteurer und rasender Reporter

Jürgen Seidel über den Jahrhundertzeugen Walter Kaufmann und dessen Bücher

Walter Kaufmann, verstarb im vergangenen Jahr im Alter von 97 Jahren
Walter Kaufmann, verstarb im vergangenen Jahr im Alter von 97 Jahren

Weil ich mich mit ihm und Lis­sy gut ver­stand, etli­che Bücher von ihm rezen­siert, Ver­an­stal­tun­gen mode­riert und ein aus­führ­li­ches Video-Gespräch mit ihm geführt hat­te, mein­te ich, mit Wal­ter Kauf­mann eng befreun­det gewe­sen zu sein. Wie ver­mes­sen! Die­se Über­zeu­gung müs­sen vie­le Men­schen haben.

Wal­ter war der stärks­te Men­schen­ma­gnet, der mir je begeg­net ist. Davon zeugt – nach­dem er uns vor einem Jahr ver­las­sen hat – noch immer sei­ne Lite­ra­tur, die als unend­li­che Abfol­ge von Begeg­nun­gen gele­sen wer­den kann. Wal­ter kam unge­wöhn­lich leicht mit Leu­ten ins Gespräch und wirk­te so ver­trau­en­er­we­ckend, dass sie ihm schnell ihre größ­ten Sor­gen mit­teil­ten. Dass die­se größ­ten Sor­gen immer kom­plex und vol­ler Wider­sprü­che sind, ist eine Binsenweisheit.

Damit aus einer mehr oder weni­ger zufäl­li­gen All­tags­be­geg­nung eine Sto­ry wird, muss der Schrei­ben­de Men­schen­kennt­nis und Inter­pre­ta­ti­ons­fä­hig­keit besit­zen. Das erfor­der­li­che empa­thi­sche Talent war Wal­ter ange­bo­ren. Aber wie schuf er die erzäh­le­ri­sche Span­nung? Sei­ne Geschich­ten begin­nen mit unspek­ta­ku­lä­ren Beschrei­bun­gen der All­tags­si­tua­ti­on, in die er sich selbst bege­ben hat, schil­dern die Begeg­nung und tref­fen dann plötz­lich auf den explo­si­ven Fokus des ihm anver­trau­ten Gewirrs von – meist gesell­schaft­li­chen – Wider­sprü­chen, in denen sein Gegen­über gefan­gen ist.

Kapi­ta­lis­mus­kri­ti­sches Bewusst­sein ist ihm zuge­wach­sen als Matro­se in der Gewerk­schaft der aus­tra­li­schen Han­dels­ma­ri­ne, die wir­kungs­mäch­ti­ge Klas­sen­kämp­fe aus­focht. Hin­zu kam sei­ne Erfah­rung als aus Deutsch­land ver­trie­be­ner jüdi­scher Jugend­li­cher, der auf sich allein gestellt, erwach­sen wer­den muss­te. Sei­ne Welt­sicht war – wie man heu­te sagen wür­de – authen­tisch. In der See­manns­ge­werk­schaft, in der auch ein Lite­ra­tur­club gedieh, wur­de er zum »schrei­ben­den Matro­sen«. Schon im fer­nen Aus­tra­li­en konn­te er einen äußerst span­nen­den Roman ver­fas­sen über die Bedräng­nis­se, in die Men­schen im nazis­ti­schen Duis­burg gerie­ten, wenn sie arm oder ras­sis­tisch ver­folgt waren. Bereits die­ser Erst­ling »Voices in the storm« wur­de ein gro­ßer Erfolg.

Die meis­ten von Wal­ters Büchern sind ver­grif­fen und ste­hen in Gefahr, ver­ges­sen zu wer­den. Da ist es gut zu wis­sen, dass vie­le von der Edi­ti­on Digi­tal als E‑Books zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Und wer sich erst ein­mal einen Ein­druck von Wal­ter Kauf­manns Gesamt­werk machen möch­te, dem sei ein in die­sem Ver­lags­haus publi­zier­ter Wer­be­band emp­foh­len. Der als Jour­na­list und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­trai­ner täti­ge Jür­gen Sei­del hat mit glück­li­cher Hand Lese­pro­ben aus Wal­ters Büchern aus­ge­sucht und zu einem über­aus packen­den Lese­er­leb­nis gebündelt.

Nach der Lek­tü­re kommt mir der Gedan­ke, dass Wal­ter durch­aus als Heming­way der DDR bezeich­net wer­den kann. Denn er behielt zeit­le­bens das Flair eines See­manns, ja, eines Aben­teu­rers. Wal­ter war zu einem Zeit­punkt in die DDR gekom­men, als den soge­nann­ten West­emi­gran­ten nicht mehr auf­er­legt wur­de, ihre Päs­se gegen einen DDR-Pass zu tau­schen. Genau das hat­te ihm sel­ber vor­ge­schwebt, aber er wur­de über­zeugt, sich mit einem Frem­den­pass zufrie­den­zu­ge­ben und sei­nen aus­tra­li­schen Pass zu behal­ten. Damit konn­te er die Schwie­rig­kei­ten umge­hen, die DDR-Bür­ger bei der Beschaf­fung von Visa für west­li­che Län­der hat­ten. Pass und sei­ne eng­li­schen Sprach­kennt­nis­se prä­de­sti­nier­ten ihn, zum »flie­gen­den Repor­ter« der DDR in der anglo­pho­nen Welt zu wer­den – was mich jetzt natür­lich dazu bringt, ihn auch dem »rasen­den Repor­ter« Egon Erwin Kisch anzunähern.

Sei­del stellt nicht die viel­leicht bekann­te­ren Gesprä­che von Wal­ter mit der afro­ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­recht­le­rin Ange­la Davis vor, son­dern Begeg­nun­gen mit ein­fa­chen US-Bür­gern: eine 70-Jäh­ri­ge, die im Ves­ti­bül sei­nes Hotels Zei­tun­gen ver­kauft, um die Mie­te für eine Bruch­bu­de auf­zu­brin­gen, wo sie nicht ein­mal der eige­ne Sohn besucht. Oder ein Pfar­rer aus Bir­ming­ham, der ihm erzählt, dass er einem Ver­ein vor­steht, der unehe­lich schwan­ger gewor­de­nen Mäd­chen und Frau­en zur Abtrei­bung in New York ver­hilft, weil die­se in Ala­ba­ma streng geahn­det wer­de. Ergrei­fend sind auch Wal­ters Repor­ta­gen aus dem Kri­sen­ge­biet Nord­ir­land. Sei­ne dor­ti­gen Erleb­nis­se goss er, ohne etwas von der grau­sa­men Wirk­lich­keit abzu­schnei­den, sogar in zwei Kin­der­bü­cher. Wich­tig waren auch Wal­ters »Rei­sen ins gelob­te Land«. Nach Isra­el konn­ten auch jüdi­sche DDR-Bür­ger nicht ohne Wei­te­res gelan­gen. Wal­ter führt in das Wider­spruchs­knäu­el von Neu- und Alt­ein­ge­wan­der­ten, Kib­buz­niks, Frie­dens­be­weg­ten und Paläs­ti­nen­sern, die um Recht und Wür­de kämpften.

Mit sei­nem Pass und der – aus der Not der Ver­trei­bung geerb­ten Welt­läu­fig­keit – war Wal­ter Kauf­mann in der DDR pri­vi­le­giert. Er war sich des­sen bewusst und brach nicht den Stab über Men­schen, die das Ein­ge­schlos­sen­sein nicht ertru­gen und beson­ders dann aus dem Land streb­ten, wenn sie unter Unge­rech­tig­kei­ten lit­ten, so ein lang­jäh­ri­ger Freund, ein Arzt. Wal­ter hielt ihm die Freund­schaft auch nach­dem die­ser in die Bun­des­re­pu­blik gegan­gen war. Das war das The­ma des groß­ar­ti­gen Romans »Flucht«, der 1984 (!) vom Mit­tel­deut­schen Ver­lag publi­ziert wur­de. Er han­delt auch von einer per­sön­li­chen Flucht Wal­ters, der sich von sei­ner Ehe­frau, der Schau­spie­le­rin Ange­la Brun­ner, zeit­wei­lig getrennt hat­te und mit der im Ber­li­ner »Lin­den­kor­so« auf­tre­ten­den afro­ame­ri­ka­ni­schen Blues-Sän­ge­rin Etta Came­ron zusam­men­leb­te. Sie wie­der­um war vor ihrem Mann geflo­hen; bei­de hat­ten Kin­der zurückgelassen.

Ach ja, Wal­ter Kauf­mann und die Frau­en – auch noch so ein The­ma! Ein andermal.

Jürgen Seidel: Begegnung mit einem Jahrhundertzeugen. Walter Kaufmann und seine
Bücher. Edition Digital, 236 S., br., 14,80 €.

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