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Unerschrocken linksradikal

Zum Tode von Inge Viett

  • Von Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 5 Min.
Inge Viett während einer Gerichtsverhandlung im November 2011 vor dem Amtsgericht Tiergarten in Berlin. Ihr wurde damals vorgeworfen, Brandanschläge auf Bundeswehrfahrzeuge gutgeheißen zu haben.
Inge Viett während einer Gerichtsverhandlung im November 2011 vor dem Amtsgericht Tiergarten in Berlin. Ihr wurde damals vorgeworfen, Brandanschläge auf Bundeswehrfahrzeuge gutgeheißen zu haben.

Klein, schlank, durch­trai­niert, ener­gisch: So wirk­te Inge Viett auf mich, als ich sie am Ran­de der Rosa-Luxem­burg-Kon­fe­renz der »jun­gen Welt« Anfang 2011 sah. Fast 67 war sie damals. Ihre Wor­te auf einer Podi­ums­dis­kus­si­on der Tagung gin­gen damals »viral«. Ange­sichts des lan­ge vor­her ange­kün­dig­ten The­mas »Wege zum Kom­mu­nis­mus« waren die Medi­en lan­ge vor­her auf die Ver­an­stal­tung auf­merk­sam gewor­den. Was Viett dort sag­te, hat ange­sichts immer lau­ter wer­den­der Rufe nach einer direk­ten Betei­li­gung Deutsch­lands an der mili­tä­ri­schen Ver­tei­di­gung der Ukrai­ne gegen die rus­si­sche Inva­si­on – und des gewal­ti­gen Pro­fits, den hie­si­ge Rüs­tungs­kon­zer­ne aus dem 100-Mil­li­ar­den-Auf­rüs­tungs­pro­gramm der Bun­des­re­gie­rung zie­hen – eini­ge Aktua­li­tät: »Wenn Deutsch­land Krieg führt und als Anti-Kriegs­ak­ti­on Bun­des­wehr-Aus­rüs­tung abge­fa­ckelt wird, dann ist das eine legi­ti­me Akti­on, wie auch Sabo­ta­ge im Betrieb an Rüs­tungs­gü­tern.« Das sorg­te nicht nur für wüten­de Kom­men­ta­re in der Pres­se, son­dern auch für eine Anzei­ge wegen der Bil­li­gung von Straf­ta­ten und eine Geld­stra­fe von 1200 Euro.

Das media­le Inter­es­se an dem dar­aus resul­tie­ren­den klei­nen Pro­zess war enorm. »Bizar­rer Auf­tritt einer unbe­lehr­ba­ren RAF-Rent­ne­rin« beti­tel­te damals Sprin­gers »Welt« ihren Gerichts­be­richt. Tat­säch­lich hat Viett vie­le Jah­re ihres Lebens im Gefäng­nis, auf der Flucht und im Unter­grund ver­bracht. Ab 1968 gehör­te sie zur West­ber­li­ner links­ra­di­ka­len Sze­ne. 1971 wur­de sie von der links­ter­ro­ris­ti­schen Bewe­gung 2. Juni ange­wor­ben, die Sabo­ta­ge­ak­te, Anschlä­ge und Bank­über­fäl­le ver­üb­te und Gefan­ge­ne der eige­nen Grup­pe und der Roten Armee Frak­ti­on (RAF) befrei­te. Zu letz­te­rer »wech­sel­te« Viett 1980 in Paris. Dort kam es im sel­ben Jahr zu jener Ver­fol­gungs­jagd auf dem Motor­rad, an deren Ende sie in einer Gara­ge auf den jun­gen Poli­zis­ten Fran­cis Viol­leau schoss. Er war ihr auf den Fer­sen gewe­sen, weil sie kei­nen Helm trug. Viol­leau war von da an quer­schnitts­ge­lähmt und starb im Jahr 2000 mit nur 54 Jah­ren an den Fol­gen der Verletzung.

Die Tat und das Schick­sal des Poli­zis­ten haben Viett ver­folgt. In ihrer 1997 erschie­ne­nen Auto­bio­gra­fie »Nie war ich furcht­lo­ser« schil­dert sie das Hadern mit sich selbst und mit dem Agie­ren der RAF. Gleich­wohl hielt sie mili­tan­tes Agie­ren für eine soli­da­ri­sche Gesell­schaft als »Klas­sen­kampf von unten« wei­ter für legi­tim – sofern sie eine Mas­sen­ba­sis habe. In ihrem Fall ist zumin­dest das »von unten« eine berech­tig­te Selbst­zu­schrei­bung, denn Viett wuchs als Pfle­ge­kind in düs­te­ren, kon­ser­va­ti­ven, von Gewalt gepräg­ten Ver­hält­nis­sen in einem Dorf bei Eckern­för­de in Schles­wig-Hol­stein auf. Gegen die bedrü­cken­den gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se in der BRD begehr­te sie früh auf.

Für die Schüs­se auf Viol­leau wur­de Viett 1992 zu 13 Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt. In Unter­su­chungs­haft saß sie schon seit dem Som­mer 1990, 1997 wur­de sie ent­las­sen. 1982 war Viett mit Hil­fe des Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit in der DDR unter­ge­taucht. Dort wur­de sie 1990 von einer Nach­ba­rin als gesuch­te Ter­ro­ris­tin der Poli­zei gemel­det, ver­haf­tet und an die Bun­des­re­pu­blik ausgeliefert.

Die Jah­re in der DDR hat Inge Viett als die erfül­lends­ten ihres Lebens bezeich­net – ohne das Pro­vin­zi­el­le, das in Tei­len denun­zia­to­ri­sche Kli­ma und Demo­kra­tie­de­fi­zi­te klein­zu­re­den. Zugleich schmerz­te es sie, wie gering vie­le Bür­ger der DDR deren Errun­gen­schaf­ten und Wer­te wie Anti­fa­schis­mus und Soli­da­ri­tät schätzten.

Am Mon­tag ist Inge Viett im Alter von 78 Jah­ren gestor­ben, wie die Edi­ti­on Nau­ti­lus am Diens­tag mit­teil­te. In dem Ver­lag waren meh­re­re Bücher von ihr erschie­nen. Sie sind berüh­ren­de Selbst­be­fra­gun­gen einer Frau, die ihr eige­nes Han­deln sehr kri­tisch beur­teil­te – und zugleich dafür plä­diert, den ers­ten Sozia­lis­mus-Ver­such auf deut­schem Boden nicht in Bausch und Bogen zu ver­dam­men, son­dern aus den so gemach­ten Erfah­run­gen zu lernen.

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