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Hertha BSC redet schön, der HSV spielt besser Fußball

Der Berliner Erstligist fährt mit einem 0:1 und vielen Problemen zum Relegationsrückspiel nach Hamburg

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 5 Min.
Torschütze Ludovit Reis (l.) und der HSV waren zu gut für Hertha um Niklas Stark.
Torschütze Ludovit Reis (l.) und der HSV waren zu gut für Hertha um Niklas Stark.

Sollte Felix Magath im Umgang mit seiner Mannschaft so wechselhaft sein wie bei seinen öffentlichen Auftritten, dann wird es schwer, das dringender denn je benötigte Selbstbewusstsein in die Köpfe der Spieler zu bekommen. Am Donnerstagabend fehlte es ihnen. Auch deshalb haben die Erstligafußballer von Hertha BSC das Relegationshinspiel mit 0:1 (0:0) verloren. Der Hamburger SV gewann mit der Kraft der »Überzeugung« – so beschrieb es Magaths Trainerkollege Tim Walter. Damit ist der Zweitligist dem Startplatz in der 1. Bundesliga ein gutes Stück näher gekommen.

Magath hatte einen »erstklassigen HSV« gesehen, wie er später sagte. Was nach einem Kompliment für den Gegner klingt, war jedoch nicht mehr als ein hilfloser Versuch, die vielen Schwächen der Berliner samt eigener Fehler zu vertuschen. Wie schon vor dem Duell, pocht Herthas Trainer weiterhin darauf, sein Team sei der Bundesligist. Formal hat Magath damit recht. Seine Schlussfolgerung, dass in der ersten Liga der bessere Fußball gespielt werde, erwies sich in diesem Spiel jedoch als falsch. In nahezu jeder messbaren Statistik waren die Hamburger überlegen: Sie hatten mehr Chancen und Ballbesitz, sie gewannen mehr Zweikämpfe, spielten weniger Fehlpässe, liefen mehr. Und sie schossen ein Tor – durch Ludovit Reits nach 57 Minuten.

Wenn ein als Flanke gedachter Schuss im Netz landet, ist viel Glück im Spiel. Der Hamburger Torschütze blieb bei der Wahrheit. »Meine Absicht war, den Ball auf den langen Pfosten für jemand anderen zu spielen«, erzählte Reis mit einem Lächeln im Gesicht. Den Sieg des HSV deshalb zwangsläufig als »glücklich« zu beschreiben, wie Magath es tat, geht an der Realität vorbei. Es sind nicht nur die Zahlen dieses Spiels, nach denen sich die Berliner die Niederlage verdient haben. Das Auftreten des Teams vermittelte nicht wirklich, dass es gewinnen will – und dass es für den Verein um alles geht.

Kein Pressing und eine extrem defensiv aufgestellte Mannschaft. Felix Magath hatte eine Elf auf den Platz geschickt, in der samt Torwart acht Spieler standen, deren Talent und Ausbildung im Abwehrbereich liegt. Und das gegen einen »Zweitligisten«, wie Herthas Trainer die Hamburger zuvor fast schon despektierlich betitelt hatte. Mit dem gewählten 4-4-2-System konnten die Berliner den Gegner bei dessen Ballbesitz kaum unter Druck setzen. Die Folge: Ein guter Spielaufbau beim HSV; etliche, daraus resultierende Angriffe; ein Tor. Andererseits entwickelte Hertha BSC nur schwer Torgefahr. Weil im zentralen Mittelfeld mit Lucas Tousart und Niklas Stark zwei Abräumer gesetzt waren. Weil mit dem 19-jährigen Luca Wollschläger ein zweiter Stürmer nominiert wurde, der nach einer Halbzeit ohne nennenswerte Aktion wieder auf der Bank Platz nahm. Weil der durchaus begabte, vierfache deutsche Nationalspieler Suat Serdar im rechten Mittelfeld eine Fehlbesetzung ist. Es bleibt also viel zu tun, bis sich beide Teams am Montagabend in Hamburg wiedertreffen.

»Wir wollen spielen, wir wollen gewinnen, wir freuen uns darauf.« Diese positive Entschlossenheit, mit der Hamburgs Trainer Tim Walter auf das Rückspiel blickte, hatte zuvor jeder seiner Spieler auf dem Platz ausgestrahlt. Selbst die ungewohnte Atmosphäre dieses Auswärtsspiels konnte Walter anscheinend als zusätzliche Motivation einbauen. Natürlich die »grandiose Unterstützung« der rund 20 000 HSV-Anhänger. »Ansporn« seien aber auch die gegnerischen Fans in der Kulisse des mit 75 500 Zuschauern ausverkauften Olympiastadions gewesen. Im Volksparkstadion wird sein Team mehr als 50 000 Fans hinter sich haben.

Wer Walter nach dem Abpfiff gesehen hat, der glaubt ihm jedes Wort. In der Mitte des Mannschaftskreises hielt er mit wildem Blick eine emotionale Ansprache. Seine Spieler glauben ihm auch, mit Sicherheit. Und sie glauben an sich – alle brennen für den Erfolg. Die wichtigsten und auch in Berlin erfolgbringenden Eigenschaften seines Teams – »Mut« und »Überzeugung« – betonte der Hamburger Trainer mit Blick auf den Montag erneut. »Es geht nicht darum, was Hertha spielt. Wichtig ist, was wir machen.«

Was Hertha BSC machen wird, weiß Magath selbst noch nicht so richtig. Fakt ist, dass sein Team gewinnen muss. Mit einer defensiven Ausrichtung hat er die Berliner in der Bundesliga in die Relegation gerettet. Gegen den HSV hat das schon im Hinspiel nicht gereicht. »Wir haben ja jetzt noch drei Tage, das Offensivspiel zu üben«, sagte er nach der Partie – und wirkte dabei wenig überzeugend. Noch hält er sich jedenfalls an schnell umstößlichen Fakten fest: »Wir sind noch immer Erstligist.« Dass sein Team seiner Meinung nach auch so gespielt habe, darüber kann man trefflich streiten.

Schönrednerei hilft jedenfalls nicht. Dies hatte Magath ja den Hamburgern vorgeworfen, die mit dem Selbstbewusstsein von fünf Siegen laut Walter das »Momentum« vor dem Anpfiff der Relegation auf ihrer Seite gesehen haben. »Karlsruhe, Regensburg, Ingolstadt, Hannover und Rostock, das sind ja alles Teams, die dem Abstieg näher als dem Aufstieg waren«, hatte Magath die Qualität des HSV mit Blick auf dessen letzte Gegner in der 2. Bundesliga infrage gestellt. Nun ist zumindest klar, bei wem der Vorteil liegt.

»Die Spieler aufrichten und ihnen helfen, das Erlebte zu verarbeiten«, das sieht Magath als seine »Hauptaufgabe« an. Allein das wird schwer genug. Die Enttäuschung über die Niederlage war so groß, dass die meisten Spieler nach dem Abpfiff sofort in den Katakomben verschwunden waren. Mangelnde Identifikation mit dem Verein kann auch eine Rolle spielen: Die prallgefüllte Ostkurve hatte die Mannschaft laut und leidenschaftlich unterstützt. Ein Schuss Zustimmung vor dem Rückspiel hätte sicher nicht geschadet. Als wären das der Probleme bei Hertha BSC nicht genug, stellte sich Felix Magath schließlich nicht vor, sondern über sein Team. »Es gibt Spieler, die sind zweikampfstark. Und dann haben wir Spieler, die vielleicht nicht zweikampfstark sind.« In die erste Kategorie zählte er den Argentinier Santiago Ascacibar – der gelbgesperrt gefehlt hatte. Weitere Namen nannte er nicht. Und fügte noch an, dass er sich Fußballer ja nicht backen könnte.

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