Goldstaub gesucht

Der Lehrkräftemangel an Berlins Schulen verschärft sich von Jahr für Jahr. Ein Hauptproblem: Es kommt zu wenig pädagogischer Nachwuchs von den Hochschulen

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 7 Min.
Wie hier im Herbst vergangenen Jahres geht die Kampagne »Schule muss anders« auch am kommenden Samstag, dem 19. März, wieder auf die Straße, um für bessere Lern- und Lehrbedingungen zu demonstrieren.
Wie hier im Herbst vergangenen Jahres geht die Kampagne »Schule muss anders« auch am kommenden Samstag, dem 19. März, wieder auf die Straße, um für bessere Lern- und Lehrbedingungen zu demonstrieren.

Weniges sorgt im Berliner Schuluniversum so verlässlich für schlechte Laune wie Neuigkeiten zum Thema Lehrkräftebedarf. Was wenig verwundert, handelt es sich in der Regel doch um Hiobsbotschaften. Und die Not ist groß. So schätzt die Senatsbildungsverwaltung die Zahl der »Abgänge« aus Alters- und anderen Gründen zum Ende dieses Schuljahrs auf rund 1600 Vollzeitstellen. Dem stehen an den Berliner Hochschulen aber gerade mal gut 900 Lehramtsstudierende gegenüber, die derzeit ihren Master machen, um dann als - potenzielle - Referendare an die Schulen zu wechseln. Man muss kein großer Rechenkünstler sein, um die Dimension der Lücke zu erkennen.

»Wir brauchen Kolleginnen und Kollegen. Wir nehmen auch Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. Ich kann sie nur auffordern: Gehen sie und werden sie Lehrerinnen und Lehrer, sie haben ja studiert!«, hatte Berlins Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) jüngst auf der Senatspressekonferenz den anwesenden Journalisten nahegelegt. Schon im Sommer vergangenen Jahres, als Busse noch als Grundschulleiterin in Neukölln tätig war, hatte die jetzige Senatorin über Lehrkräfte in Berlin gesagt: »Die sind so knapp wie Goldstaub. Und es wird jedes Jahr enger.«

Damals wie heute scheint Busse auf den Mangel an qualifiziertem Personal nur eine Hauptantwort zu haben: die Wiedereinführung der 2004 abgeschafften Verbeamtung der Lehrkräfte. So hat es Rot-Grün-Rot im Koalitionsvertrag vereinbart. Und so soll es zum Beginn des Schuljahrs 2023/2024 wieder sein. Die Senatsfinanzverwaltung hat bereits grünes Licht gegeben, auch mit Blick auf die versprochenen Kompensationsleistungen für Lehrkräfte, die nicht verbeamtet werden wollen oder aus Altersgründen nicht verbeamtet werden können. »Die dafür notwendigen Mittel sind im Haushaltsplanentwurf des Senats vorgesehen«, sagt Finanzsenator Daniel Wesener (Grüne) zu »nd«.

Die mit der Verbeamtung verbundene Hoffnung der Bildungsverwaltung: Einerseits kehren weniger Lehrkräfte und Absolventen Berlin den Rücken, andererseits wird die Hauptstadt für Personal aus anderen Bundesländern attraktiver. Der Bildungskampagne »Schule muss anders«, die sich unter anderem für bessere Lern- und Arbeitsbedingungen und mehr Personal an den Schulen einsetzt, sollte das eigentlich zupass kommen. Sollte. Philipp Dehne, der sich bei »Schule muss anders« engagiert, bezweifelt jedenfalls, dass die Maßnahme einen spürbaren Entspannungseffekt im Lehrerzimmer nach sich ziehen wird. »Die Rückkehr zur Verbeamtung löst das Problem nicht«, sagt Dehne zu »nd«. »Das ist nicht die Lösung«, sagt auch die Landeschefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Martina Regulin. Beide verweisen dabei darauf, dass überhaupt nicht statistisch erhoben wird, weshalb Lehrkräfte ihren Dienst quittieren, in Teilzeit wechseln, in andere Bundesländer gehen. Für Letzteres hatte Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) immer wieder die Zahl 700 genannt. Belegt ist auch das nicht. Aber es ist Giffeys Argumentationskette dienlich, der zufolge die Lehrkräfte abwandern, weil sie dort - anders als in Berlin - verbeamtet werden.

In der Bildungsverwaltung hält man sich mit Prognosen zum Einfluss der Verbeamtung auf die Personalgewinnung zurück. Nur so viel: »Alle Länder außer Bayern haben einen erheblichen Lehrkräftemangel. Woher sollen diese Lehrkräfte denn auch in Menge kommen?« Aber es gebe »politische Hoffnungen zur langfristigen Wirkung« der Verbeamtung und »sicher Einmaleffekte, die aber im Verhältnis zu den notwendigen Einstellungen eher marginal sind«, heißt es auf nd-Anfrage.

Philipp Dehne sagt, die Diskussion setze an einem völlig falschen Punkt an. Denn das Problem sei nicht die Verbeamtungsfrage. Es seien die Lehr- und Lernbedingungen an den Berliner Schulen - und die zu geringe Zahl der Lehramtsabsolventen. Die vier lehrkräftebildenden Hochschulen des Landes Berlin hatten sich in der vergangenen Legislatur zwar verpflichtet, die Ausbildung so anzukurbeln, dass am Ende 2000 Absolventen pro Jahr die Universitäten verlassen. Angesichts der derzeit tatsächlich nur 900 Masterabschlüsse sei es bis dahin aber »noch ein gutes Stück hin«, gibt Wissenschaftssenatorin Ulrike Gote (Grüne) unumwunden zu. Grund dafür seien aber auch die pandemiebedingten Probleme der Studierenden. »Dann brauchen solche Aufwüchse nun einfach auch einige Zeit«, sagt Gote.

Eine vor Kurzem durchgeführte Umfrage der studentischen Initiative Kreidestaub zeigt zusätzlich noch ganz andere Probleme, die weit über Corona hinausgehen. »Im Vergleich zu den fachwissenschaftlichen Lehrstühlen haben die fachdidaktischen Lehrstühle viel zu wenige Ressourcen und Mitarbeitende, das Desinteresse an den Lehramtsstudierenden wird hier stark deutlich«, heißt es etwa von Studierenden der Humboldt-Universität. Aus dem Mittelbau anderer Universitäten wird von Raummangel, übervollen Seminaren und miesen Betreuungsrelationen berichtet, die unter den Mitarbeitenden für Überlastungsanzeigen sorgen würden.

»Uni-intern haben Lehramtsstudiengänge nicht den höchsten Stellenwert«, sagt Philipp Dehne. Das sei keine Pauschalkritik. Eher die Aufforderung, den Auftrag bei der Lehrkräftebildung ernst zu nehmen. »Darin müssen die Hochschulen unterstützt werden, zugleich muss es aber auch politisch durchgesetzt werden.« Bei der Gewerkschaft sieht man das genauso. »Wir verlieren die Studierenden vor allem im Bachelorstudium«, sagt GEW-Chefin Martina Regulin zu »nd«. Es brauche »eine bessere Betreuung der Studierenden«, auch und vor allem, damit diese später auch ihren Master machen. »Der Aufwuchs der Studierendenzahl findet ja statt, jetzt muss aber auch die Qualität des Studiums verbessert werden«, sagt die Gewerkschafterin. »Wir hoffen hier auf ein Umdenken der Uni-Leitungen.«

Die freilich sind bemüht, den Ball flach zu halten. So betont Günter M. Ziegler, eben erst wiedergewählter Präsident der Freien Universität, welch »großes und wichtiges Thema« und wie profilbestimmend die Lehrkräftebildung für sein Haus sei. Die FU habe »in den letzten Jahren immens viel unternommen, um ihrer Verantwortung im Bereich der Lehrkräftebildung gerecht zu werden«, sagte Ziegler jetzt im Bildungsausschuss des Abgeordnetenhauses. Und ja, es gebe auch eine »Raumnot in der Lehrkräftebildung«. Aber man arbeite daran, diese Not zu »mildern«.

Bei alldem weiß im Grunde niemand genau, wie viele Absolventen eigentlich vonnöten wären, um mittelfristig dem Lehrkräftemangel zu begegnen. Ein Grunddilemma, sagt Philipp Dehne von »Schule muss anders«, sei hierbei die von der Bildungsverwaltung herausgegebene und zuletzt im Sommer 2021 auf den neuesten Stand gebrachte Lehrkräftebedarfsprognose. »Das sind unrealistische Zahlen, mit denen da gerechnet wird«, sagt Dehne. So gibt das Haus von Senatorin Busse den Einstellungsbedarf bis zum Schuljahr 2028/2029 mit rund 2000 Vollzeitstellen pro Jahr an. Damit sollen jeweils die »Abgänge« kompensiert und ein zusätzlicher Personalaufwuchs von im Schnitt 200 bis 300 Vollzeitstellen gewährleistet werden.

Insgesamt prognostiziert die Verwaltung, dass der Lehrkräftebedarf an den öffentlichen Schulen bis 2028/2029 von aktuell rund 31.600 auf 33.400 Vollzeitstellen steigt, ein Aufwuchs um 1800 Stellen beziehungsweise knapp sechs Prozent. Zugleich geht man aber davon aus, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler im gleichen Zeitraum von derzeit 401.700 auf gut 446.300 hochgeht, ein Plus von rund elf Prozent. Hier sechs, dort elf Prozent: Wie geht das zusammen? »Erstens ist nur ein Teil des Lehrkräftebedarfs schülerzahlabhängig zugemessen, zweitens gibt es Verschiebungen zwischen den Jahrgangsstufen«, heißt es zur Erklärung aus der Bildungsverwaltung. So würden Grundschulen in dem Zeitraum stärker wachsen als Gymnasien oder Sekundarschulen.

»Das macht keinen Sinn«, sagt Philipp Dehne dazu. »Wir reden doch von einem Gesamtaufwuchs. Die Diskrepanz wird mit dem Hinweis auf die Verschiebungen überhaupt nicht aufgelöst.« Er lese darüber hinaus aus dieser Antwort vor allem eines: »Qualitätsverbesserungen sind hier gar nicht erst eingepreist.« Dazu zählt die Kampagne »Schule muss anders« unter anderem Stundenreduzierungen für Lehrkräfte an allen Schulen in besonders herausfordernder Lage, Verkleinerungen von Klassengrößen, Verbesserungen im Inklusionsbereich. Für all das braucht Berlin mehr Lehrkräfte als bisher. Daher geht »Schule muss anders« auch von einem sehr viel höheren Einstellungsbedarf aus. Mit rund 2000 Vollzeitstellen im Jahr käme man hier nicht weit, sagt Dehne. Benötigt würden mindestens 3000.

Und auf ebendiese 3000 müsste auch die Zahl der jährlichen Hochschulabsolventen angehoben werden, fordert Dehne. Die mit den Unis vereinbarte 2000er-Zielmarke sei definitiv zu niedrig gegriffen und dürfe in den im Herbst anlaufenden Verhandlungen um die nächsten Hochschulverträge nicht fortgeschrieben werden. Bildungsaktivist Dehne warnt jedoch schon jetzt davor, dass die Verhandlungen wie in der Vergangenheit geführt werden: durchweg intransparent. »Es gibt hier einen ganz klaren Mangel: Hier wird öffentliches Gut verhandelt, nämlich die Frage, wie viel Lehrkräfte die Berliner Hochschulen ausbilden sollen - und das sollte nicht hinter verschlossenen Türen verhandelt, sondern öffentlich gemacht werden.« Hier sei nun vor allem Wissenschaftssenatorin Gote gefordert.

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