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Die Wut über den Betrug

»Der Intellektuelle als Unruhestifter«: Klaus Bittermanns kompakte Biografie über Wolfgang Pohrt

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 7 Min.
Wer ist hier Adorno? Wolfgang Pohrt (l.) und sein zukünftiger Biograf Klaus Bittermann 1994 auf der Frankfurter Buchmesse
Wer ist hier Adorno? Wolfgang Pohrt (l.) und sein zukünftiger Biograf Klaus Bittermann 1994 auf der Frankfurter Buchmesse

So möchte man schreiben können: »Der Autor verstand es, seine Thesen und Analysen mit großer Schärfe und Eleganz zu formulieren, kein Wort klang falsch oder deplatziert, er verwendete keine Schaumsprache und keine Weihrauchvokabeln, seine Argumentation traf genau und er nahm keine Rücksicht auf den Gegenstand seiner Kritik.« So schwärmt Klaus Bittermann über Wolfgang Pohrt schon auf der ersten Seite der Biografie, die er über ihn geschrieben hat: »Der Intellektuelle als Unruhestifter.« Und es stimmt, so schrieb Wolfgang Pohrt, der im Dezember 2018 im Alter von 73 Jahren starb, tatsächlich. Es stimmt auch, dass er heute toll gefunden wird von Leuten, die ihn jahrelang totschwiegen, für abgedreht und eingebildet hielten und keinesfalls für druckbar. Postum ist Pohrt eine Art Autoren-Autor geworden, sehr geschätzt, aber nicht sonderlich bekannt oder auch schon wieder vergessen.

Deshalb hat sein Verleger Klaus Bittermann eine elfbändige Werkausgabe seiner Schriften herausgegeben, auf eigene Rechnung, ohne jede öffentliche Unterstützung, aber mit ein paar Subskribenten. Sie sehen so ähnlich aus wie die oft »blaue Bände« genannten Werke von Marx und Engels. Das ist gleichermaßen Scherz wie Verneigung. Und nun auch noch eine ziegelsteinartige Biografie über Pohrt, gewissermaßen sein eigenes Opus magnum. Ist das nicht irgendwie übertrieben? Nein, diese 678 Seiten sind sehr lesenswert, ja ziemlich kompakt gehalten. Aus Briefen, Erinnerungen, Archiv-Materialien und Gesprächen mit Pohrts wenigen Freunden hat Bittermann eine überaus feinsinnige Schreib- und Wirkungsgeschichte von Pohrt geformt, auch als Bilanz der Holz- und Irrwege der deutschen Linken seit der 1968er Rebellion.

Pohrt hat die Linken ständig kritisiert. Dafür wurde er gehasst. Robert Jungk bezeichnete ihn als »verwirrten Typen«, der mit seiner »Aggressivität« nicht fertig würde, für Reinhard Mohr war er ein »deutscher Apokalyptiker« und Hermann L. Gremliza nannte ihn einen »bürgerlichen Marxisten«, weil er weder von der »Bourgeoisie« noch von der »Arbeiterklasse« schreibe. Gedruckt hat ihn »Konkret« trotzdem immer wieder gern, er war dort auch kurzzeitig als Kultur-Redakteur tätig. Pohrt ging es weniger um die Bourgeoisie, als um den Gebrauchswert. Über diesen marxistischen Begriff hatte er Mitte der 70er Jahre in Bremen promoviert. Und der hängt für ihn unmittelbar mit den Mißerfolgen der Arbeiterbewegung zusammen, wie er in seiner Doktorarbeit festhält: »Das Versäumen der proletarischen Revolution gestattete der kapitalistischen Entwicklung ihre zentrale Aporie: Produktion des Reichtums als Zerstörung des Gebrauchswertes ganz auszubilden und dadurch zu sprengen. Übrig bleibt am Ende die widerspruchsfreie Produktion von einfachem Schund.«

Weil nur der Tauschwert zählt und der Gebrauchswert hinüber ist, kaufen die Menschen begeistert blöde Dinge: das schlechte Essen, den elektronischen Unterhaltungsquatsch und die ganzen Autos, für die es keine Parkplätze aber jede Menge Staus gibt. Es kommt zu einer »Regression der Bedürfnisstruktur« und Pohrt spürt eine »Wut über den Betrug am richtigen Leben«, wie er später schrieb.

So wurde er zu einem fulminanten Ideologiekritiker. Mit guten Absichten sei der Weg in die Hölle gepflastert, schreibt er zu Beginn der der 80er Jahre und wirft der damals starken westdeutschen Friedensbewegung vor, eine »deutschnationale Erweckungsbewegung« zu sein, da sie ihren Widerstand gegen die Stationierung von Atomraketen nur als »übergeordnetes nationales Interesse« zu formulieren in der Lage sei. Kämen die Raketen, sei das deutsche Volk dem Untergang geweiht. Den hatten die Nazis auch schon befürchtet und Massenmord an den Juden begangen. Deshalb ist es obszön, vom atomaren Genozid zu fabulieren: »An Auschwitz aber, und nirgends sonst, findet der Begriff Genozid seine Bestimmung: als systematisch betriebener, fabrikmäßiger Mord an Millionen Menschen, mit welchem sich keinerlei Absicht als nur die Vernichtung verbindet«.

Bittermann weist darauf hin, dass die systematische Ermordung der Juden für die bundesdeutsche Protestbewegung bis Ende der 70er Jahre kaum eine Rolle spielte: »Und daran änderten weder die Bilder der Leichenberge aus Bergen-Belsen noch Alain Resnais’ Film ›Nacht und Nebel‹ etwas.« Stattdessen wurde der Staat Israel unermüdlich zur Ordnung gerufen, wie Pohrt verdeutlichte: »Der Massenmord an den Juden verpflichte, so meint man, Deutschland dazu, Israel mit Lob und Tadel moralisch beizustehen, damit das Opfer nicht rückfällig werde.« Genauso könnte man einen vorbestraften Kinderschänder für besonders befähigt halten, als Erzieher zu arbeiten, schrieb er. In der »Taz« fragte daraufhin eine Wohngemeinschaft per Leserbrief: »Ist Wolfgang Pohrt Jude?«

Mit solcherlei Reaktionen setzten sich Pohrt und sein Freund und Kollege Eike Geisel in den 70ern und 80ern auseinander. Sie hatten sich Mitte der 70er an der Pädagogischen Hochschule in Lüneburg kennengelernt, wo beide wissenschaftliche Mitarbeiter waren und Soziologie unterrichteten. Professoren wollten sie nicht werden, weil ihnen der Lehrbetrieb nicht geheuer war.

Pohrt wollte lieber ein freier Autor sein, frei in einem emphatischen Sinn: ohne Rücksicht auf Leute, die einem irgendetwas versprachen oder die glaubten, sie könnten einen damit unter moralischen oder finanziellen Druck setzen. »Der Kritiker als Defätist«, so überschrieb er 1987 seinen Nachruf auf Christian Schultz-Gerstein und so wollte auch er es halten. »Die Unerträglichkeit der Verhältnisse war für Pohrt das Normale«, schreibt der Verleger Bittermann, der in Pohrts Person auch den Anspruch seines Verlags Tiamat beschreibt.

Pohrts Privatleben war weniger spektakulär als seine Texte, auch zog er sich für Bittermanns Geschmack geradezu langweilig an. Am wildesten war noch sein Kettenrauchen. Geboren am 5. Mai 1945 in Torgau, Sachsen, wuchs er vaterlos in Bad Krozingen im Breisgau auf und las als Kind gerne »Jerry-Cotton«-Hefte. Er träumte davon, nach Marseille oder in die USA auszuwandern, fuhr dann aber als Erwachsener nur nach Jugoslawien in den Urlaub, mit seiner Ehefrau, der Tänzerin Maria Schmidt, die er als Jugendliche kennenlernte und mit der er bis zu ihrem Tod 2004 fast vierzig Jahre zusammenblieb. Er hatte sein Abitur abgebrochen und arbeitete unter anderem auf dem Bau, bis er nach Westberlin zog, an der Abendschule das Abitur nachholte und Soziologie studierte.

Als Schreiber bewegt er sich in den 80ern »an der Grenze zur Prominenz«, wie Bittermann urteilt. Doch es ist sehr anstrengend, ununterbrochen geistreich und elegant zu schreiben. Und dann musste er bei Aufritten immer ablesen, als Redner war er verspannt und schüchtern. Ganz anders als zum Beispiel der analytische Entertainer Henryk M. Broder, der zeitweise mit ähnlichen Themen wie Pohrt unterwegs war. Als das Jahrzehnt zu Ende geht, hört er mit den Essays auf, weil er darin keinen Sinn mehr sehen kann. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks hat er das Gefühl, »dass eine bestimmte Entwicklungsphase nun am Ende ist. Der Ideologiekritiker braucht Ideologien, und die gibt es – vorläufig – nicht mehr«, schreibt er. Er verfasst nun Studien für Stadtplaner und für das Stuttgarter Jugendamt, aber auch für das Institut für Sozialforschung von Jan Philipp Reemtsma ein Update von Adornos Studie »Authoritarian Personality« aus den 40er Jahren, die er als »Elemente des Massenbewusstseins 1990« veröffentlicht.

Freunde macht er sich weiterhin keine. Im ersten Golfkrieg der USA 1991 ist er mit der »Konkret«-Redaktion auf der Seite der Amerikaner gegen den Irak, der Kuwait annektiert hatte und im Falle eines westlichen Angriffs damit gedroht hatte, Israel mit Giftgas anzugreifen. Pohrt beschimpft die gegen den US-Krieg protestierenden Autonomen als »Volkssturmabteilungen der Hitlerjugend«, bereut dann aber diesen »Wutartikel«, der nur ein »Gesinnungsbekenntnis« gewesen sei, von denen es »viel zu viele« gebe. Später enttäuscht er die Antideutschen, die ihn zu ihrem Vordenker erklären wollen. In seinen letzten Jahren ärgert er dann die Linken, egal, welcher Richtung sie zuneigen, indem er den Kapitalismus dafür feiert, dass er noch jede Krise überlebt habe, denn »Untergänge wirken aufs Kapital wie ein Jungbrunnen«.

Pohrt gehörte nie einer Partei an und unterschrieb auch keine offenen Briefe. Sein ursprüngliches politisches Programm lässt sich vielleicht mit dem der frühen RAF vergleichen, nur ohne Morde und Militarismus. Weil diese Gruppe komplett gescheitert ist, trat er Anfang der 80er für eine Amnestiekampagne ein, die aber versandete. Eine Voraussetzung wäre gewesen, dass die RAF ihre Niederlage erklären sollte, damals undenkbar für die Hardliner. 1997 stellte sich für Pohrt die bürgerliche Herrschaft als eine von Banden dar, die er in seinem letzten großen Buch »Brothers in Crime« beschreibt, analog zur Racket-Theorie von Max Horkheimer. Aber worum ging es ihm grundsätzlich? »Jede Herrschaft steht und fällt mit der Frage, ob irgendwo Menschen im Elend gehalten, ob sie eingesperrt oder physisch gequält werden, ob sie hungern. Solange sich daran nichts ändert, bleibt – Strichcode hin, Computer her – alles beim Alten.«

Klaus Bittermann: Der Intellektuelle als Unruhestifter. Wolfgang Pohrt, eine Biografie. Edition Tiamat, 687 S., geb., 36 €.

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