Warnung vor Cannabis-Legalisierung

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte kritisiert bisherige Gesundheitspolitik der Ampel-Koalition

Seit Pandemie-Beginn gibt es wegen der psychoemotionalen Folgen in den Praxen von Kinder- und Jugendärzten einen großen Nachfrageanstieg.
Seit Pandemie-Beginn gibt es wegen der psychoemotionalen Folgen in den Praxen von Kinder- und Jugendärzten einen großen Nachfrageanstieg.

»Die Gesellschaft hat die Kinder und Jugendlichen in der Pandemie im Stich gelassen, und die Folgen sind gravierend«, erklärt Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) am Freitag in Berlin. So ist laut Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK die Zahl der Einweisungen von Jugendlichen in Kliniken aufgrund einer emotionalen Störung im Jahr 2021 gegenüber 2020 um 42 Prozent gestiegen. »Besonders dramatisch« seien die Zahlen der Krankenhausversorgung von sehr jungen Kindern im Alter von fünf bis neun Jahren, erläutert Fischbach auf der BVKJ-Pressekonferenz zum Kinder- und Jugendärztetag. Depressive Episoden hätten im selben Zeitraum um 28 Prozent bei Jugendlichen, bei Schulkindern um 27 Prozent zugenommen. Auch wegen Essstörungen hatte es viel mehr stationäre Behandlungen gegeben.

»Wir wissen nicht, ob die Resilienz der Kinder reicht, ihre Störungen und Defizite zu überwinden«, so Fischbach. Die Pandemie und die damit verbundenen Lockdown-Maßnahmen hätten als Verstärker bereits zuvor bestehender Ungleichheiten und Entwicklungsrisiken gewirkt. Mit der neuen Bundesregierung habe es starke Hoffnungen gegeben, dass sich im gesundheitspolitischen Bereich vieles zum Positiven wenden wird. »Bislang ist davon aus unserer Sicht wenig zu bemerken«, stellt Fischbach fest. Der BVKJ fordert die Etablierung täglicher Bewegungs- und Sportangebote in Kitas und Schulen, um die gravierenden Auswirkungen der Pandemie künftig besser auffangen zu können. Außerdem sollten Erzieherinnen und Erzieher sowie Grundschullehrkräfte stärker für psychische Probleme sensibilisiert werden. Zudem sei ein Ausbau der Schulsozialarbeit wichtig.

Mit dem ersten Lockdown habe es, bezogen auf psychoemotionale Folgen der Pandemie, einen immensen Nachfrageanstieg in den Arztpraxen gegeben. »Und das hält bis jetzt stabil auf einem sehr hohen Niveau an«, berichtet die Kinder- und Jugendärztin Tanja Brunnert auf der Pressekonferenz. »Das hält die Praxen wirklich in Atem.« Die lange Dauer der Pandemie bewirke, dass auch Familien mit guten Ressourcen an ihr Limit kämen. Der BVKJ forderte daher auch den Ausbau von Therapieplätzen für Kinder und Jugendliche, um hier die langen Wartezeiten zu verkürzen.

Adipositas, keine Bewegung, schlechte Ernährung, psychiatrische Erkrankungen, all die Folgestörungen der Lockdown-Maßnahmen seien noch einmal doppelt so schlimm bei Kindern aus »sozial sozial schwachen Bereichen«, betont Kinder- und Jugendarzt Jakob Maske. Sie seien in allen Bereichen doppelt so schwer betroffen. Diese Kinder müssten besonders gefördert und im Blick behalten werden, fordert Maske, der auch Bundes-Pressesprecher des BVKJ ist. So gebe es aktuell mit rund 200 000 doppelt so viele Schulabbrecher wie in den Jahren zuvor. »Das ist für unser Land, für uns, aber auch ganz speziell für die einzelnen Kinder und Jugendlichen eine ganz immense Bedrohung«, so Maske.

Auch die Cannabis-Legalisierung war Thema auf der Pressekonferenz des BVKJ. Der Verband sprach sich gegen die von der Ampel-Koaltion angekündigte Legalisierung aus. In den Bundesstaaten in den USA, in denen Cannabis legalisiert wurde, habe sich gezeigt, dass dort ein »gewaltiger Anstieg des Cannabiskonsums bei Jugendlichen entstanden ist«, erklärt Klaus-Michael Keller, Leiter des diesjährigen Kinder- und Jugendärtztetages. Ebenso nach der Legalisierung in Kannada. Man müsse sich das so vorstellen, dass junge Erwachsene Cannabis legal erwerben und dies dann an Jugendliche weitergeben, mit denen sie zu tun haben. Zudem sei es von der Bundesregierung naiv zu glauben, dass sich der illegale Markt nach einer Legalisierung verkleinere.

Auch das von Legalisierungs-Befürwortern vorgebrachte Argument von weniger Streckmitteln und geringerem THC-Gehalt sei damit hinfällig. »Wir Kinder- und Jugendärzte befürchten wirklich, dass dann mehr Jugendliche Cannabis konsumieren.« Je jünger die Konsumenten, desto größer das Risiko einer Abhängigkeit und einer Psychose, erklärt Keller. Zudem sei etwa in Colorado der Anteil von Suiziden mit Cannabis-Beteiligung seit der Legalisierung auf das Doppelte gestiegen. Lag vorher der Alkoholkonsum in Zusammenhang mit Suiziden an erster Stelle, ist es bei den 10- bis 17-Jährigen nun der Cannabiskonsum.

Erst vor rund einer Woche hatten sich Ärztinnen und Ärzte eines anderen Fachbereichs für ein anderes Vorgehen ausgesprochen. Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) forderte, Cannabis solle legalisiert und über staatlich lizenzierte Geschäfte abgegeben werden. »Von keiner Drogenpolitik ist zu verhindern, dass Drogen ausprobiert und gebraucht werden. Deshalb sollten Erwachsene wie Jugendliche auch lernen, Drogen so zu nutzen, dass sie ihre Gesundheit nicht gefährden und das Risiko für Missbrauch und Abhängigkeit gering bleibt«, erklärte der Präsident der BPtK, Dietrich Munz.

Bezogen auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sei für die kommenden Monate laut Fischbach am wichtigsten, dass künftig – selbst bei erneut deutlich steigenden Corona-Inzidenzen – Bildungseinrichtungen wie Kitas und Schulen im Herbst und Winter dauerhaft geöffnet bleiben.

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