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Die Frauen und der Träumer

»Ein Mann will nach oben« von Hans Fallada am Staatsschauspiel Dresden

Dramatik, aber ziellos.
Dramatik, aber ziellos.

Die ersten Minuten vergehen stumm. Auf der Leinwand erscheinen von dünn gezogenen Brauen gekrönte Augen, zu feuchte Münder, in die der Kamerablick hineinkriecht, und der Mann des Abends. Schon besoffen wird Hans Fallada von zwei Frauen gestützt, bis er endgültig zu Boden geht. Die exaltierten Gesten fließen über die Stoffbahnen, die den Guckkasten verhängen. Wie im Kino beobachtet das Publikum die projizierte Szene in schwarz-weiß.

Dann tritt der Romancier, gespielt von Torsten Ranft, nach vorn und die Leinwand teilt sich zum Vorhang. Falladas Leben, geprägt von Depressionen und Sucht, verbindet sich an diesem Abend im Staatsschauspiel Dresden mit dem Werdegang einer seiner Schöpfungen. Karl Siebrecht, ein junger Mann, der hoch hinaus will, steigt in den Jahren von 1910 bis 1930 auf vom Arbeitslosen zum Revolutionär der Gepäckbeförderung. Er bleibt ein transzendentaler Obdachloser, wie sein Autor.

In dem Auftragswerk »Ein Mann will nach oben«, das 1942 entstand, wird der Krieg ausgespart. Nur um Berlin soll es gehen und um den Traum vom Vorwärtskommen – den deutschen American Dream. Durch die Verbindung mit der Biografie, die in die Handlung um Siebrecht episodenhaft interveniert, soll die Erzählung in seinen Entstehungskontext eingefügt werden. Der auch im Nationalsozialismus verlegte Autor, der das scheiternde Kleinbürgertum sachlich dokumentierte, sah diesen Roman nicht mehr gedruckt. Erst 1953, sechs Jahre nach seinem Tod, verlegte Rowohlt die Sozialstudie, und es dauerte noch 25 Jahre, bis der Stoff verfilmt wurde, wie es bei seinem Entstehen angedacht war.

Die Biografien von Siebrecht und Fallada werden vom Regisseur Sebastian Klink und der Dramaturgin Svenja Käshammer brav chronologisch montiert. Darüber hinaus gibt sich die Inszenierung keine assoziativen Freiräume. Der junge Protagonist, dessen Rolle Daniel Séjourné übernimmt, entledigt sich rasch der Angst vor der schnelllebigen, anonymen Großstadt. Kurz nach seiner Ankunft plagen ihn noch Gewissensfragen. Er nimmt den Arbeitslosen Kalli Flau in seiner Wohnung mit Rieke Busch auf. Das Schicksal der anderen, die für seinen Aufstieg untergehen, wird ihn nun nicht mehr kümmern. Er kommt mit jedem Elevator-Pitsch seinem Ziel, den Gepäcktransport zwischen den Berliner Fernbahnhöfen zu monopolisieren, immer näher, und zweifelt doch. »Habe ich jemals geliebt?«, fragt er sich.

Zuviel Gewicht legt die Inszenierung auf die Leidenschaften ihrer Hauptfiguren Siebrecht und Fallada. Beide verlassen Frauen, die sie liebevoll, geradezu mütterlich, unterstützen, weil sie sich von jüngeren verführt fühlen. Auf den gestaffelten Vorhängen, die in verschiedener Anordnung immer wieder neue symmetrische Räume bauen, spielen sich viele melodramatische Szenen ab. Nur Ausschnitte der Gesichter sind durch die zu nahe Kamera sichtbar, und das Detail, das im Abstand der Bühne verschwindet, wird ausgestellt. Durch die Überdimensionierung ziehen sich die großen Gefühle ins Lächerliche. Das bemüht eingesetzte Medium schafft so angenehme Distanz und wirkt als betont cineastisches Erzählmittel. Es scheint, als würde der Theaterabend die geplante 40er Jahre Verfilmung nachholen wollen.

Dass die Handlung als individualisierter Konflikt zwischen Liebe und Erfolg erzählt wird, macht sie beliebiger als sie sein könnte. Zwar ist die Handlung betont historisch verankert, aber die Erzählung bleibt unspezifisch. Fast könnte man Siebrechts Leben mit dem Satz »Geld allein macht auch nicht glücklich« zusammenfassen. Oft erzählen die Schauspielerinnen die Handlungen, als würden sie die Textbrocken abarbeiten, ohne das Gesagte zu durchdringen.

Klink, der bei vielen Arbeiten Frank Castorfs als künstlerischer Assistent mitwirkte, ist bei der Verwendung der Kamera stark vom ehemaligen Intendanten der Volksbühne beeinflusst. Doch bleibt seine Inszenierung reduzierter als die Arbeiten des Vorbilds. Es fehlen Verdichtungen und ein assoziativ-spielerischer Umgang mit dem Stoff, durch den sich die Collage vom Prinzip der Chronologie emanzipieren könnte.

Die Frage, warum Fallada nach 1933 in Deutschland blieb, ist eine der interessanteren Schwerpunktsetzungen des Abends. Nur in Deutschland könne er arbeiten, meint der unangenehm heimatverbundene Autor, der eigentlich Rudolf Ditzen hieß und sich nach zwei Märchen der Gebrüder Grimm umbenannte. Er lebt als einer der meistverkauften Autoren im Nationalsozialismus auf einem Gehöft in Mecklenburg-Vorpommern. Auf einen Mordversuch an seiner ehemaligen Partnerin folgt die Einweisung des Morphiumsüchtigen.

Neben dem Roman »Der Trinker« verfasst er im »Gefängnis für geisteskranke Kriminelle« einen Bericht über seine letzten Jahre. Im »Gefängnistagebuch« von 1944 »In meinem fremden Land« schreibt Fallada über seine Untauglichkeit zum Leben, stilisiert zugleich sein Ausharren in Deutschland gegenüber den Emigrantinnen und äußert sich antisemitisch, etwa wenn er schreibt: »Ich entdeckte also, dass die Juden eine andere Einstellung zum Geld hatten wie ich, und es war eine Einstellung, die mir persönlich nicht gefiel, die mir sogar ausgesprochen antipathisch war.« Dieses Deutschtum versucht die Inszenierung herauszuarbeiten, bleibt darüber hinaus aber ziellos.

Nächste Vorstellung 24. Juni, 19.30 Uhr

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