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Und immer lockt das Zwielicht

Zum Tod des französischen Schauspielers Jean-Louis Trintignant

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.
Jean-Louis Trintignant wie man ihn kennt; hier in
Jean-Louis Trintignant wie man ihn kennt; hier in "The Man Who Lies" (1968), eine französisch-tschechoslowakische Produktion

Ist die Maske eine Krankheit des Gesichts – oder dessen Leistung? Die Leistung dieses Schauspielers bestand darin, all seinen Gestalten eine Antwort auf diese Frage zu verweigern. Die Starre des Trintignant-Gesichts strömte etwas aus von den Klimaverhältnissen in einem Eisgrab. Aber die Unbeweglichkeit, die Panzerdichte des Ausdrucks ließen trotzdem Geheimnisse ahnen: die Weichheit eines berührbaren Menschen, die Angst einer überforderten Männlichkeit, den bittenden Charme einer einsamen Seele. Ach, manchmal wirkte er einfach nur fies und verschlagen. Der listige Fuchs mit den tief liegenden Augen.

Jean-Louis Trintignant spielte Gangster und Gesetzeshüter, Verführer und Verführte, Draufgänger und Drückeberger, Rächer und Rentner; er wechselte die Typen – um als Charakter unverkennbar zu bleiben. Und wurde einer der meistbeschäftigten Filmschauspieler Frankreichs.

Dieser Schauspieler konnte ein Tiefseetaucher des Schreckens sein. Anwalt und Außenseiter. Ein Gesicht, in dem die Leere einen irritierenden Charme annahm. Lump und Liebhaber. Ein verschlagener Verführer hin zu den Gründen des Lebens, wo du enteignet stehst. Galan und Gangster. Kommt immer und überall auf der untersten Stufe seiner selbst an und erkennt das feine Fluidum des Verwehens. König der Entthronten oder Sklave irgendeines Hochamtes. Gönnerhaft schmierig, wie es nur Feiglinge sein können. Oder könnerhaft glatt, wie durch eine Ölpest gezogen. Schräg, schleimig, schlangenhaft, schamlos, schmerzbesessen, scheu.

Er stammte aus dem Süden des Landes und hatte doch das Wächserne, fast Gläserne, zum Schweigen sich Neigende eines unbestimmten Nordens. Nach dem Schauspielstudium in Paris spielte der 1930 Geborene viel Shakespeare, aber die Bühne wurde seine Heimat nicht. Erst vor Kameras wurde er heimisch, wobei die über hundert Filme, in denen er mitwirkte, zum großen Teil als Unterhaltungsware bezeichnet werden können. Aber seine Aura hatte neben den wirksamen Kräften der Kälte und der Beherrschtheit genügend Selbststrahlung – er blieb bedeutend, auch wenn der Stoff nichts mit ihm zu tun hatte.

»Und immer lockt das Weib« von Roger Vadim: Trintignant als der Beklommene, Schüchterne, der unbelohnte Melancholiker. »Meine Nacht bei Maud« von Éric Rohmer: Er gibt auf beinahe zarte Art einen verhuschten Intellektuellen. In »Der große Irrtum« von Bernardo Bertolucci spielte Trintignant einen faschistischen Mitläufer. Jacques Derays setzte ihn als französischen Gangster ins ferne New York, und aus einem europäischen Verbrecher in Amerika wurde der moderne Mythos vom Fremden in der Moderne. Und dann der Kitsch-Klassiker »Ein Mann und eine Frau« von Claude Lelouch! Immerhin verkörperte Trintignants Gestalt eine Wahrheit: Es gibt keine wirkliche Liebe ohne die Lust, sie tödlich aufs Spiel zu setzen.

Wenn man heute alte Thriller mit Trintignant sieht, dann weiß man, welcher Polizistentyp gänzlich aus dem Kriminalfilm verschwand: jener Anwalt der Gerechtigkeit, der Instinkten eher traut als Vorschriften und der selbst ein Grenzgänger ist, ein Außenseiter. Wir »Tatort«-Deutsche können ein besonderes Lied davon singen: Die anziehenden, attraktiven Schmutzigen auf Gesetzesseite sind sittenöde aus dem TV-Programm genommen, vorbei die Abenteuerlichkeit jener detektivischen Randexistenzen, durch deren Agieren jede Wahrheitsfindung tatsächlich Ambivalenzen, Fragwürdigkeiten bekam (Klaus Löwitsch war der letzte Mohikaner). Dafür nun pausenlos in Serie: die rundum und schon im voraus legitimierten, aus dem Zentrum der Wahrheit und der Gewissheit ihres Rechts operierenden Kommissare; das Gute als das langweilig Unanfechtbare, immer mit unverfänglich warmhumanem Eigenleben. Nichts mehr zu spüren, und sei es noch so pathetisch oder grob gezeichnet, vom Gedanken der Anarchie, für den man doch als Gesetzeshüter am anfälligsten sein kann. Nichts mehr zu sehen vom Zwielicht, das doch am meisten den lockt, der nur und nur Aufklärung zu leisten hat.

Trintignant war einer der Großen, die als Cops aus ihrem Herzen auch eine Mördergrube machten. Einer der Brillanten, die Gesetzesbrecher jagten, indem sie das wichtigste Gesetz doch nicht antasteten, sondern es sportiv hinnahmen und sogar kräftig ausnutzten: Schlag als Erster zu! Der Starke ist am mächtigsten allein! Erst kommt das Geld, dann die Moral! Dieses schlimmste aller Gesetze, weil es in dieser Welt als das natürlichste gilt.

Trintignant war spielend der Prototyp des Mannes, der hilflos oder brutal Wurzeln in einer Sinnlosigkeit schlug, in der aber doch Taten zu geschehen haben. Mitunter eben Mordtaten. Er stand am überzeugendsten in Ängsten, wie Diktatoren im Blut stehen. Oft ein geräuschloses Surren der Antriebsnerven, die furchtschwitzende Seele eines gehemmten Menschen. Er spielte bei René Clément, Krzysztof Kieślowski, Constantin Costa-Gavras, François Truffaut – Bernardo Bertolucci wollte ihn als Hauptdarsteller für den Softporno »Der letzte Tango«. Trintignant lehnte ab, öffnete damit Marlon Brando den Weg in den Welterfolg. Warum? »Ich habe ein zu großes Schamgefühl.«

Fast schon sein Abschied vom Film: »Liebe«. Michael Haneke erzählt herzeinschnürend das letzte Kapitel einer Zweisamkeit. Eine Geschichte vom schonungslosen Ausgeliefertsein an die Motorik des Sterbens. Der Film zeigt alle schreiende Hilflosigkeit, alle untröstbare Vergeblichkeit solch einer Situation. Nicht eine einzige Sekunde wird der Schock die Mann-und-Frau-Gesichter des Ehepaars verlassen, aber die Härte, das Leiden, der Schmerz bleiben doch eingebettet in eine erschütternde, sich nahezu poetisch-mählich ausbreitende Sanftheit – als sei ein bisheriges ganzes Leben nur die Zeit gewesen, genügend Kraft für just diese Situation des irdischen Schlussstrichs zu speichern. Kein großes Wort fällt, keine Erklärung drängt sich in das Gespräch, keine faltige Frivolität zerstört die Bilder. Im Grunde gibt es, inmitten der Tragödie, kein Drama.

Zwei Große des europäischen Films in den Hauptrollen. Neben Emmanuelle Riva, die ihrer alten, siechenden Frau eine nahezu japanische Kirschblütenzartheit gibt, Jean-Louis Trintignant als ihr Mann: verwundert, verwundet, große tapfere, erschrockene Augen, in kaum merklichen Gesten die Zuneigung, dann aufhelfender Spott, lächelnde Ermunterung, aber plötzlich in den Mundwinkeln gleichsam ein Weinen, das Schleppen der Schritte und die Last der Gedanken; ein Gefasster, Liebender, Gefolterter. Trintignant, der Künstler, selbst am Dämmerstrand des Daseins angelangt, seine Welle Leben ohne Brandungskraft längst, aber nun, noch einmal, mit Zartheit auftrumpfend in einem Hohelied auf die Allernächstennähe, die zu schaffen, zu wahren, zu verteidigen dem Menschen möglich ist. Und die den Menschen martert und überfordert. Und so hilft er seiner Frau gewaltsam ins Sterben. Manchmal ist Gewalt der Gipfel der Zartheit.

Liebe: Sie schafft ein antreibendes Gedächtnis für Zugehörigkeit, für eine Kraft, die in schwersten Stunden alles Getön abschüttelt und nurmehr eine streichelnde Hand ist, ein langer trauriger Blick, der dem Elend im Gesicht des geliebten Menschen standhält. Wert der Gemeinsamkeit. Den zu leben eine Überforderung bedeutet. Trintignant und Riva spielten das in einer atemberaubenden Folge winzigster Regungen.

Nun ist der großartig schillernde Schauspieler am Freitag, den 17. Juni, im Alter von 91 Jahren gestorben.

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