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Gelesen - dabei gewesen

Neue Bücher, annotiert: Das Conne Island über sich selbst, Magdalena Schreifel erzählt von »Brauchbaren Menschen« und Gerbrand Bakker von Depressione

»Natürlich die Insel schlechthin«: Gegen Cops und gegen Nazis in Leipzig. Basketballplatz des Conne Island.
»Natürlich die Insel schlechthin«: Gegen Cops und gegen Nazis in Leipzig. Basketballplatz des Conne Island.

Lang lebe das Conne Island!

Es gibt sie wirklich – die Freiräume, von denen jedes dritte linke Flugblatt schwadroniert. Zum Beispiel das nach wie vor selbstverwaltete Conne Island in Leipzig-Connewitz, das nun seinen 31. Geburtstag feiert. Es ist ein »Jugendzentrum, in dem die Anstellungsdauer des dienstältesten Mitarbeiters deutlich das Alter vieler seiner festangestellten und ehrenamtlichen Kolleg*innen überschreitet«, wie es in der Einleitung zum Jubiläumsband »Auf dem Klo habe ich noch nie einen Schwan gesehen« heißt. Entstanden ist es 1991 aus dem ehemaligen »Jugendklubhaus Erich Zeigner« der FDJ als Rückzugsraum gegen »die permanente Bedrohung durch Nazis und das feindselige Klima im Nachwende-Deutschland.«

Die »Antifa Jugendfront« war die erste Gruppe, die dort auch als eine solche aufgetreten ist. Bis heute ist das Montagsplenum das alles entscheidende Gremium. Das Conne Island ist ein Mehrgenerationen-Haus, das Kulturzentrum, Infoladen und Konzerthaus ist, in dem 13 Haupt- und über 150 Ehrenamtliche arbeiten. 20 von ihnen kommen in dem Jubiläumsband mit autobiografischen Texten und Protokollen zu Wort. Skateboarder, Skinheads, Punks, Politicos, HipHopper und so weiter, für sie alle war das Conne Island in Ostdeutschland »natürlich die Insel schlechthin«, erzählt eine, und ein anderer konstatiert, »schon seit ich denken kann, gibt es so was wie eine Polit- und ein Kulturfraktion«, auch wenn gerne gesagt würde, »oh, früher war’s anders, jetzt ist das Island gar nicht mehr politisch«. Schon Ende der Neunziger sei es so gewesen, dass auf dem Plenum »70 Prozent der Leute nichts gesagt haben. Und nicht, dass alle, die da waren, mega politisch waren«. 

Aber man kann es ja auch schreiben, im sogenannten Programmheft »CEE IEH« und zwar sehr lange politische Texte. Die waren antideutsch dominiert, aber nicht nur. Einer aus der Redaktion meint rückblickend, »dass ich in diesem antideutschen Ding so was gesehen habe wie die Erneuerung des Kommunismus«. Lange waren die »Bahamas« das ideologische Leitblatt aus Berlin, doch »nach dem Arabischen Frühling und der ganzen Migrationsbewegung 2015 ist das eine rechte Zeitung geworden«. Und das Conne Island ist links geblieben.

Conne Island Verein (Hg:): Auf dem Klo habe ich noch nie einen Schwan gesehen.
Erinnerungen aus 30 Jahren Conne Island. Verbrecher Verlag, 279 S., brosch., 20 €.

Aus dem Spätestkapitalismus

Die Figuren in den Geschichten von Magdalena Schrefel stehen vor den alltäglich-absurden Herausforderungen des Spätestkapitalismus: Digitalisierunng, Kontrolle, Prekariat. Aber sie finden auch überraschende Wege, damit umzugehen. Und sie fragen sowohl politisch wie literarisch: Wie macht man sich Menschen zunutze? Es geht um das Schlange stehen, um Sexarbeit und um die Arbeit im Schlachthof. Aber auch um Kirschkernspucken und wie es ist, wenn der Vater anruft: Dann ist meistens jemand gestorben, und sei es Steve Jobs.

Magdalena Schrefel: Brauchbare Menschen. Erzählungen. Suhrkamp, 184 S., brosch., 16 €

Rein in die Depression

Der niederländische Schriftsteller Gerbrand Bakker hat seine Depression protokolliert. »Manchmal sind die Tage ganz in Ordnung«, findet er, aber eben nur manchmal. Seine Depression macht ihn einsam, entfernt ihn von seinen Freunden und dann ist auch noch seine Libido hinüber. Was soll er tun? Er stellt sich Fragen, versucht, sein eigenes Begehren zu ergründen. Wie lässt sich seine depressive Leere beschreiben? Was macht ein Leben erzählenswert? Er sei nicht schwermütig, schreibt Bakker, sondern ein Macher. »Was das Wesen der Depression besser charakterisiert, ist das Wort nichts. Niemandsland. Da ist nicht nichts, man selbst ist nichts. Man hat keinen Kontakt zu sich selbst, nicht zu seinem Denken, nicht zu seinem Fühlen, nicht zu seinem Körper, nicht zu anderen. Alle meine Gespräche in den zurückliegenden Monaten habe ich gespielt.« Eine wichtige Frage ist diese: Wie kann man lieben, wenn man sich selbst verloren hat?

Gerbrand Bakker: Knecht, allein. A. d. Niederländ. v. Andreas Ecke.Suhrkamp, 320 S., geb., 24 €

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