Ein deutsches Menetekel

Gewaltkontinuitäten: Vor 100 Jahren wurde Walther Rathenau von Rechtsextremisten ermordet

Walther Rathenau, Außenminister der Weimarer Republik
Walther Rathenau, Außenminister der Weimarer Republik

Der 24. Juni 1922 war ein regenverhangener Sonnabend. Berlin litt unter den Folgen eines ausgedehnten Tiefdrucksystems, das das Wetter seit Tagen beherrschte und auch an diesem Johannistag noch keinen Gedanken an den nahenden Sommer aufkommen lassen mochte.« So eröffnet Martin Sabrow die Beschreibung des rechtsextremistischen Attentats auf Walther Rathenau in seinem neuen Buch. Um halb elf Uhr morgens wurde dieser von seinem Chauffeur in seiner Villa in Grunewald abgeholt. Auf der Fahrt zum Auswärtigen Amt wurde das Kabriolett der Marke NAG kurz vor der Kreuzung Erdener-/Wallotstraße von einem offenen Mercedes-Tourenwagen geschnitten, in dem drei Männer saßen: die Studenten Ernst Werner Techow und Erwin Kern und der junge Maschinenbauingenieur Hermann Fischer. Während der eine aus einer Maschinenpistole feuerte, warf der andere eine Handgranate. »Rathenau starb binnen weniger Minuten. Den Attentätern gelang die Flucht.« Ein deutsches Menetekel.

Rathenau hatte auf Polizeischutz verzichtet, obwohl sich Hinweise auf ein Mordkomplott verdichtet hatten. Warum ignorierte er diese? Einem Freund sagte: »Was sein wird, wird sein. Ich habe eine Aufgabe zu erfüllen – vielleicht nicht zu vollenden.« Am 26. August 1921 war bereits der Publizist und Politiker Matthias Erzberger während eines Spaziergangs in Bad Griesbach im Schwarzwald erschossen worden und am Pfingstsonntag, dem 4. Juni 1922, ein Blausäureattentat auf den Oberbürgermeister von Kassel, Philipp Scheidemann (SPD), verübt worden. Vom drohenden Anschlag gegen Rathenau hatte ein Informant aus der Organisation »Consul« die Staatsanwaltschaft in Frankfurt am Main informiert, auch die Berliner Kriminalpolizei wusste Bescheid. Sabrow konstatiert: »Individuelles Versagen und kriminaltaktische Fehlinterpretation waren verantwortlich dafür, dass die Ausführung eines in seinen Grundzügen schon weitgehend aufgedeckten Mordplans gegen den deutschen Außenminister nicht mehr verhindert werden konnte.« Dabei hätte zumindest der Name der hinter dem Mordplan vermuteten Vereinigung die Ermittlungsbehörden in Hessen und in der Reichshauptstadt in höchste Alarmstufe versetzen müssen, so der Geschichtsprofessor, der auch an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrt. Die Organisation »Consul«, in der sich unter Marineoffizier Hermann Ehrhardt ehemalige Freikorpssoldaten und Offiziere des kaiserlichen Heeres zusammengerottet hatten, galt damals als schlagkräftigste Vereinigung der politischen Rechten. Ehrhardt und seine Anhänger hatten bereits äußerste Brutalität in der Bekämpfung der Novemberrevolutionäre, bei der Niederschlagung der Münchener Räterepublik 1919 sowie mit ihrer Schützenhilfe für den Kapp-Lüttwitz-Putsch im Folgejahr gegen die junge Weimarer Republik bewiesen.

Doch woher rührte der mörderische Hass auf Rathenau? Der 1867 in Berlin geborene Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau war rechten Kräften ein willkommener Sündenbock für die Niederlage im Ersten Weltkrieg. Zum einen, weil er Jude war und die von den Generalstäblern Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff propagierte Legende vom »Dolchstoß« einer »jüdisch-bolschewistischen Verschwörung« gegen das angeblich im Felde unbesiegte deutsche Heer zu bestätigen schien. Es zählte nicht, dass Rathenau Befürworter der Assimilation der Juden in die deutsche Gesellschaft war, was beispielsweise schon Ursula Mader, die 1991 verstorbene Rathenau-Expertin in der DDR, thematisiert hatte, so in »Ad Fontes III! oder Was gab den Anstoß zu ›Höre, Israel?‹«. Verübelt wurde ihm von rechten Kräften auch seine Prophezeiung 1914: »Nie wird der Augenblick kommen, wo der Kaiser, als Sieger der Welt, mit seinen Paladinen auf weißen Rossen durchs Brandenburger Tor zieht. An diesem Tage hätte die Weltgeschichte ihren Sinn verloren.« Diese im engen Kreis getätigte Äußerung machte Ludendorff hernach vor einem Untersuchungsausschuss des Reichstages publik. Dabei hatte Rathenau in diesem ehemaligen Ersten Generalquartiermeister zeitweilig den Mann gesehen, »der uns, wo nicht zum Siege, so doch zu einem ehrenvollen Frieden führen könnte«. Und ihm im Krieg gar seine Dienste als Berater zur Kräftemobilisierung in der Heimat für die Front, einschließlich Einsatzes von belgischen und polnischen Zwangsarbeitern, angeboten. »Als Rathenau sich gegen Ludendorffs Plan zur Wiederaufnahme des unbeschränkten U-Boot-Krieges aussprach, zerbrach die Verbindung allerdings wieder«, vermerkt Sabrow, der Widersprüche im Denken und Handeln seines Protagonisten nicht verschweigt.

Zum anderen galt Rathenau in konservativen, nationalistischen Kreisen als einer der »Erfüllungspolitiker«, die sich angeblich allzu willig den Forderungen der westlichen Siegermächte unterwerfen würden. Suspekt waren ihnen zudem dessen Vorstellungen einer neuen wirtschaftlichen und sozialen Ordnung in Deutschland, in der das Gemeinwohl zählen sollte und die »einer sinnlosen Ressourcenvergeudung infolge des unternehmerischen Konkurrenzkampfes und der Verschwendungssucht von Verbrauchern ein Ende machen« sollte. Das klingt fast heutig nach sozialer wie ökologischer Verantwortung. Und mit seiner Forderung nach einer radikalen Beschneidung des Erbschaftsrechts würde sich Rathenau heute wohl gut mit Gregor Gysi verstehen.

In die Annalen der Geschichte eingeschrieben hat sich Rathenau jedoch vor allem mit dem Vertrag von Rapallo, mit Sowjetrussland am 16. April 1922 am Rande einer Finanz- und Wirtschaftskonferenz in Genua geschlossen. Das Dokument, das seine und seines sowjetischen Amtskollegen Georgi Tschitscherins Unterschriften trug, eröffnete nicht nur diplomatische, sondern auch wirtschaftliche, kulturelle und sogar militärpolitische Beziehungen mit dem neuen, kommunistisch orientierten Staat im Osten – zum Nutzen beider damals von der internationalen Gemeinschaft isolierten und stigmatisierten Staaten. An den Geist von Rapallo knüpfte die Neue Ostpolitik der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt und Walter Scheel Anfang der 70er Jahre an. Bleibt zu hoffen, dass der Bundespräsident sich dafür nicht wieder entschuldigt auf der am heutigen Freitag in Berlin stattfindenden offiziellen Gedenkveranstaltung, Höhepunkt eines von der Walther-Rathenau-Gesellschaft initiierten Gedenkreigens seit Anfang dieses Jahres (maßgeblich bestritten in beeindruckendem Marathon von deren Vizevorsitzenden Sabrow). Ebenso bleibt zu hoffen, dass des Bundeskanzlers Wort diese Woche im Bundestag, »Partnerschaft mit Putins aggressivem Russland ist unvorstellbar«, nicht das letzte sein wird, sich die Zeiten wieder ändern, die Völker zueinander finden.

Sabrow berichtet akribisch über die Verfolgung respektive Nichtverfolgung der Mörder nicht nur Rathenaus, vergleicht achtsam rechtsextremistische Gewalttaten sowie deren Ahndung damals und heute. »Tatsächlich zieht sich eine markante Terrorspur durch die Geschichte der Bundesrepublik. Sie reicht von den Werwolf-Kommandos des untergehenden NS -Staates über die Wiking-Jugend und verschiedene Wehrportgruppen der Nachkriegszeit bis zu den Einzeltätern, die 1968 den Anschlag auf Rudi Dutschke verübten und 1980 das 13 Menschen tötende Oktoberfest-Attentat begingen und im selben Jahr den jüdischen Verleger Shlomo Lewin umbrachten. Rechtsradikale schossen auf der Suche nach dem linksstehenden Politiker Gregor Gysi 1997 einen Buchhändler nieder und löschten 2003 eine ganze Rechtsanwaltsfamilie aus, bevor noch die Anschläge auf die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker 2015, auf das Olympia-Einkaufszentrum in München 2016 sowie die Anschläge von Hanau 2019 und Halle 2020 grell beleuchteten, dass die Serie rechtsterroristischer Gewalttaten auch in der Bundesrepublik nie
abgerissen ist.«

Die Übereinstimmungen mit den rechten Attentaten in der Weimarer Republik sind für den Historiker offenkundig: Alle Terrorakte richteten sich gegen Minderheiten, entsprangen rassistischen und rechtsextremen Weltbildern und konnten sich auf Netzwerke stützen, die sogar über prall gefüllte Waffenarsenale verfügten. Gegen eine »Überdehnung der Kontinuitätsthese« spricht jedoch laut Sabrow, dass »das Gewaltverständnis der Weimarer Rechtsputschisten keineswegs bruchlos in das Dritte Reich führte«. Dies macht er daran fest, dass sich die Mörder von Rathenau und anderer prominenten Zeitgenossen nicht mehrheitlich der Nazi-Bewegung anschlossen und teils im NS-Staat ausgeschaltet wurden. Hier mag man einwenden: Deren Ungeist fand indes nahtlos Fortsetzung im ansemitisch, rassistisch und politisch konotierten Terror der Hitlerfaschisten. Über Sabrows schließliches Fazit: »Die vom Weimarer Rechtsputschismus gelegte Spur der Gewalt reichte weit über 1921/22 hinaus, aber in einer ungebrochenen Kontinuitätslinie zum Rechtsterrorismus nach 1945 steht er nicht«, kann man sich ergo streiten.

Martin Sabrow: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution. Wallstein, 334 S., 17 Abb., geb., 30 €.

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