Wahrhaftig bleiben

Jochen Distelmeyer über sein Intellektuellen-Image und Berlin als Stadt der Freundlichkeit

  • Von Olaf Neumann
  • Lesedauer: 8 Min.
Jochen Distelmeyer sucht Bedeutung da, wo kaum einer nachguckt: unterhalb des Ursache-Wirkung-Radars.
Jochen Distelmeyer sucht Bedeutung da, wo kaum einer nachguckt: unterhalb des Ursache-Wirkung-Radars.

»Gefühlte Wahrheiten« ist nach dem 2009 erschienenen »Heavy« Ihr zweites Soloalbum mit eigenen Songs. Was sind für Sie gefühlte Wahrheiten?

Zunächst einmal haben wir ja alle ständig mit gefühlten Wahrheiten zu tun. Mit Empfindungen und Wahrnehmungen, die unser Verhalten in der Welt steuern, und die sich per se nicht abstellen lassen. Alle unsere Gedanken und Entscheidungen sind geprägt von gefühlten Wahrheiten oder Überzeugungen, die für uns wahr sind.

Viele Menschen interessieren sich heutzutage nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen. Wie gehen Sie persönlich mit Populismus um?

Indem ich ihm aus dem Weg gehe. Das hat auch mit bestimmten Entscheidungen zu tun, die ich als Musiker getroffen habe. Ich bemühe mich, übersteigerte Erwartungen nicht auf mich zu beziehen, mir allzu überschwängliche oder abschätzige Zuschreibungen nicht zu eigen zu machen und – wie man so sagt – »bei mir« zu bleiben.

Welchen Sound hatten Sie im Kopf, als Sie das Album in Angriff nahmen?

Er sollte »kleiner«, intimer und nicht aufgeblasen sein. Und auf eine andere Art großzügig. Die Platte ist von dem geprägt, was ich in den letzten Jahren gut gefunden habe. Insofern ist sie noch sängerischer, klarer und eindeutiger geworden. Für mich hat sich dadurch eine andere Art von Musikalität entwickelt.

Wenn man Ihren Namen recherchiert, stößt man sehr oft auf Begriffe wie »sperrigster Popstar Deutschlands« oder »Musik-Intellekteller«. Stört Sie das?

Ist das so? Ich glaube, dass solche Schlagworte den Leuten den Zugang zu meiner Musik etwas versperren. Die Menschen, die meine Platten hören und zu den Konzerten kommen, sind in dieser Hinsicht viel freier und selbstbewusster. Ich sehe hinter solchen Begriffen eher unbeholfene Versuche, sich dem anzunähern, was ich mache, ohne sich wirklich darauf einzulassen. Das ist eine Form von Abwehr, die auch mit einer Angst vor den eigenen Gefühlen zu tun hat.

In dem akustischen Blues »Manchmal« erzählen Sie von Ihrem Umzug nach Berlin vor über zehn Jahren. Schlägt sich der pulsierende Rhythmus der Stadt in Ihrer Musik nieder?

Das pulsierende Berlin vielleicht nicht so, aber die Weite des Himmels über der Stadt. Die Art, wie das Licht auf Berlin fällt. Und wie es die Leute, wenn es Frühling wird, auf die Straßen zieht. Die Schönheit der Begegnungen. Die schiere Dimension der Stadt. Berlin ist so groß und die Straßen so weit, dass du für gewöhnlich viel größer sein musst in deiner Musik, um überhaupt gehört und gesehen zu werden. Darum sind hier die Beats und Bässe so fett und die Outfits gern schrill. Ich wollte mit »Gefühlte Wahrheiten« eher das Gegenteil und dabei verbindlicher und konkreter werden. Umso schöner, dass das in dieser Stadt, in der ich jetzt lebe und die ich sehr mag, hingehauen hat.

Berlin gilt als eine ziemlich raue, schnelllebige und nicht unbedingt freundliche Stadt. Steckt das auch in Ihrem Album drin?

Vielleicht habe ich mich in den falschen Gegenden aufgehalten. Meine Erfahrungen sind eher, dass die Leute ausgesprochen herzlich und viel zugewandter, freundlicher sind, als es das Klischee vermuten lässt. Das Berlin aus den 80ern, wo eine gewisse Schroffheit zur Folklore gehörte, habe ich in den letzten Jahren sehr selten erlebt. 

Ist der Song »Komm (So nah wie du kannst)« eine Reaktion auf die Corona-Pandemie, in der Körperkontakt zeitweise unter Strafe verboten war?

Dieses Stück ist bereits im November 2019 fertig gewesen. Ohne ahnen zu können, dass wir zwei Jahre lang mit einer Virussituation und den politischen Maßnahmen dazu konfrontiert sein würden, schienen mir Fragen von Nähe und Distanz schon vorher virulent zu sein. Auch bei anderen Stücken auf dem Album geht es mir um so etwas wie emotionale Mündigkeit. Was ist es, was wir wirklich brauchen? Musik erinnert uns daran, indem sie uns fühlen lässt. So wie sie uns Mut macht oder Spaß haben und aufeinander zugehen lässt. Darum fängt das Album auch so an: »Komm so nah, wie du kannst.« Und es ist okay. Also Leute, auf die man Bock hat.

Haben die vergangenen zwei Jahre bei Ihnen seelische Narben oder Blessuren hinterlassen?

Narben nicht. Ich habe natürlich bestimmte Entwicklungen interessiert und kritisch verfolgt. Ich bin gespannt, was jetzt bei dem wissenschaftlichen Evaluierungsbericht bezüglich der Maßnahmen herauskommen wird. Aber in der Zeit selber haben sich bei mir vor allem neue Bekanntschaften ergeben. Als die Cafés dicht waren, hat man sich zufällig auf Parkbänken und Plätzen getroffen. Wie Affen, die auf einem Felsen in der Sonne sitzen. Es waren dieselben Leute, denen man sonst stumm grüßend im Café begegnet war, mit denen man dann ins Gespräch kam. Daraus sind neue Freundschaften entstanden.

Und in »Zurück zu mir« geht es um Nazis, falsche Götter, verirrte Seelen, den Klimawandel.

Das Stück handelt von der Hybris des Homo sapiens; davon, wie er glaubt, diese Welt in seinem global-kapitalistischen Größenwahn bewohnen zu können. Was Klimawandel und Umweltkatastrophen nicht gelang, schafft dann ausgerechnet das kleinste vorstellbare Virus-Teilchen, das die Menschen an ihre Verletztlichkeit und Hilfsbedürftigkeit erinnert. Die Maßnahmen und die Art, wie die Gesellschaft damit umgeht, passen für mich auf eine Art ins Bild. Ein bisschen mehr Demut, Bescheidenheit und Verständnis füreinander stünde einigen gut zu Gesicht – und sich nicht zu verlieren in scheinwissenschaftlicher Demagogie, Populismus und machtpolitischen Sperenzien.

Und jetzt haben wir auch noch einen Krieg in Europa. Sind das kreative Zeiten für einen Songschreiber?

Erst einmal sind das sehr berunruhigende und verunsichernde Zeiten für alle. Aus Krieg und Zerstörung und dem Leid anderer kreatives Potenzial zu ziehen, kommt mir unangebracht vor. Ich reagiere mit meinen Songs nicht auf das, was gerade aktuell ist, sondern ich schreibe die Stücke, bevor die Dinge passieren. Ich mache Erfahrungen mit dem, was in der Luft liegt. Darin sehe ich einen Teil meiner Aufgabe. Dem Zeichenhaften nachzugehen, bevor es sich materialisiert. Das sorgt zuweilen für Unverständnis, aber meistens wird dann ein paar Jahre später klar, warum es zum Beispiel Stücke wie »Wohin mit dem Hass« gibt. Auch wenn Hass zu dem Zeitpunkt, als der Song rauskam, nicht unbedingt Thema war.

Wie genau kommen die Lieder zu Ihnen?

Die Songs sind sowieso die ganze Zeit da. Keith Richards sagte einmal, sie flögen in der Luft herum, man müsse nur im richtigen Moment zupacken. Ganz so prosaisch würde ich es nicht ausdrücken, aber da ist etwas Wahres dran. Man stimmt sich ein, wie man die Welt wahrnimmt und sich selber darin erfährt. Mit welchen Gefühlen man zu tun hat, Sorgen, Ängsten, Hoffnungen, Freuden, Ekstasen, Liebe. Dem gehe ich nach. Das ist unterhalb des Ursache-Wirkung-Radars unserer Gesellschaften. Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass die Dinge überhaupt erst mal etwas bedeuten und nicht auf nihilistische Weise sinnlos sind. 

Bitte ein Beispiel!

Mit »Graue Wolken« habe ich 2001 einen Song veröffentlicht, in dem es um den Zusammenhang von Klimawandel, Depressionserkrankungen und kapitalistischen Arbeitsverhältnissen geht. Bis dahin gab es eigentlich nur wenige ökologische Popsongs. Marvin Gayes »Mercy mercy me (The Ecology)« und vielleicht noch zwei Nummern von Bots. Dabei lässt sich doch seit Langem beobachten, wie das Wetter auf dieser Biokugel etwas zu signalisieren scheint: Wenn ihr Menschen glaubt, bei steigendem Verbrauch und gleichbleibender Ressourcenmenge so weitermachen zu können, versuchen wir es doch lieber mit einer anderen Spezies.

Auf dem Album sind auch englischsprachige Songs. Wie war es, Ihre Gefühle in einer Sprache auszudrücken, die nicht die Muttersprache ist?

Total überraschend. Es war nicht geplant, ging aber wahnsinnig easy. Es war wie ein Perspektivwechsel, bei dem man dasselbe erzählt, aber aus einem anderen Blickwinkel. Ich war jedenfalls perplex, vielleicht ist es ja auch gar nicht von mir. I don’t know.

Mit Blumfeld haben Sie sehr viele Sachen nicht gemacht, die Ihnen zweifelhaft oder nicht angemessen schienen. Inwieweit lassen Sie es zu, dass Ihre eigene Musik kommerziell »ausgeschlachtet« wird?

Ausschlachten lasse ich sie nicht, aber ich will natürlich, dass möglichst viele Leute sie hören. Ich bin nach wie vor bemüht, Sachen, die ich nicht gut finde, von mir fernzuhalten und andere Wege zu gehen. Im Lauf der Jahre habe ich mit Blumfeld wie auch als Solokünstler gelernt, nach meinen Bedingungen eine Form zu entwickeln, wie man Dinge nach außen hin präsentieren kann. 

Welches sind Ihre Bedingungen?

Noch bevor wir mit Blumfeld eine Platte veröffentlicht hatten, waren Major Companies an uns interessiert. Aber da wir mit Punk und Independent-Geist sozialisiert waren, dachten wir, man geht nicht gleich in die Muckibude und nimmt das schwerste Gewicht. Man lernt nach seinen eigenen Bedingungen. Also war es naheliegend, dass wir unsere Platten erst bei Alfred Hilsberg und Zickzack herausbrachten, bevor wir dann mit Big Cat weltweit veröffentlichten.

2018 sagten Sie in einem Interview über Blumfeld, dass Sie bei den Proben auch neues Material entwickelten. Was müsste passieren, dass es irgendwann eine neue Blumfeld-Platte gibt?

Unsere letzten Konzerte waren wirklich ein Fest. Alle hatten Bock. Dass es vielleicht irgendwann eine neue Blumfeld-Platte gibt, ist also nicht auszuschließen. Aber für mich hat erst mal »Gefühlte Wahrheiten« Priorität. Mit dem Album schließt sich ein Kreis, der sich mit »Heavy« und dem Roman »Otis« eröffnet hat. 

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