Kuren für Familien unter Druck

Die Vorsorge- und Rehakliniken im Müttergenesungswerk sehen ihre Existenz bedroht

Eltern-Kinder-Kureinrichtungen sind stark nachgefragt, aber die Anbieter stehen finanziell unter Druck
Eltern-Kinder-Kureinrichtungen sind stark nachgefragt, aber die Anbieter stehen finanziell unter Druck

Es gibt gerade einmal etwa 70 Vorsorge- und Rehakliniken in Deutschland, in denen Mütter und Väter mit Kindern (oder auch ohne sie) eine mehrwöchige Atempause vom stressigen Alltag machen können. In Anspruch nehmen können solche Kuren auch Menschen, die Angehörige pflegen. Jetzt stehen diese Einrichtungen, mit denen das Müttergenesungswerk traditionell und eng zusammenarbeitet, unter akutem finanziellen Druck. Am Rande einer Konferenz der Klinikträger wurde am Dienstag in Berlin die Situation erläutert.

Die gemeinnnützigen Häuser sind bereits chronisch unterfinanziert. Mindestens einmal im Jahr wurde hier in der Vergangenheit Alarm geschlagen, unter anderem, weil die Tagessätze bei etwa 80 Euro liegen und es keine Investitionskosten von den Bundesländern gibt. Aktuell könnte gerade das Herunterfahren bestimmter Pandemiemaßnahmen diese Reha-Einrichtungen in Existenznot bringen. Denn ab 1. Juli sollen für sie der Ausgleich für Minderbelegungen, der jedoch nur 50 Prozent der Ausfälle abdeckt, und der Hygienezuschlag wegfallen, vermutlich bis September.

Aber Coronatests und, je nach Bundesland, auch die Maskenpflicht in den öffentlichen Teilen der Heime und teils bei den Therapien scheinen den Betreibern in der Regel weiter notwendig zu sein. Um die Ansteckungsgefahr gering zu halten, werde in einigen Einrichtungen in zwei Schichten gegessen, die Therapiegruppen seien kleiner geworden, berichtet Melcher Franck. Der Psychologe ist beim Müttergenesungswerk Ausschussvorsitzender für die Einrichtungen. Wie das aber finanzieren? Ohne den jetzt wegfallenden Zuschlag scheint das kaum möglich.

Hinzu kommt, dass nicht nur die Nachfrage nach Plätzen gegenüber dem Vorjahr um mehr als 30 Prozent angestiegen ist. Die Kliniken sind über Monate ausgebucht, die Wartezeit auf einen Platz beträgt bis zu ein Jahr. »Bei den Frauen ist die psychische Belastung durch die Pandemie immens angestiegen«, erklärt Franck. »Sie kommen häufiger mit psychischen und psychosomatischen Krankheiten zur Kur. Viele Kinder müssen sich an Gruppensituationen erst wieder gewöhnen.« Der Gesprächsbedarf sei gewachsen. »Die Verzweiflung ist dann sehr groß, wenn bei der Anreise ein positiver Coronatest die geplante Erholungspause unmöglich macht.« In den Pandemiejahren war es laut Franck durchaus gewöhnlich, wenn zwar alle Kurgäste anreisten, jedoch nur die Hälfte die gesamte Aufenthaltszeit nutzen konnte.

Im Vorjahr nahmen 42 000 Mütter und 2000 Väter eine Kur in Anspruch. Vor der Pandemie gab es 50 000 Belegungen pro Jahr. 2021 seien etwa 130 pflegende Angehörige dazugekommen, wobei unter den gezählten Müttern wohl mehrere tausend zugleich ältere Verwandte pflegten, wie Yvonne Bovermann erläutert. Die Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks hält es angesichts der hohen Belastungen von Familien in der Pandemie für »ein sehr negatives Signal«, wenn auch nur ein Haus geschlossen werden müsste.

Gewachsen sind auch die Anforderungen aus der Nachsorge. Sie ist für einen Teil der Kurgäste nötig: Die Beratungsgespräche dauern seit Pandemiebeginn länger und werden häufiger gebraucht. Schon jetzt sehen sich die Reha- und Kurkliniken als »Stiefkinder« des Gesundheitswesens: Die Krankenkassen haben 2021 inklusive der Ausgleichszahlungen an die Kliniken nur 0,16 Prozent ihres Gesamtbudgets für die Vorsorge und Rehabilitation im Mutter-/Vater-Kind-Bereich ausgegeben.

Aktuell helfen könnte schon eine Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums, in der die Fristen für die Sicherung der Vorsorge- und Reha-Einrichtungen vom 30. Juni auf den 23. September 2022 geändert werden. Das wird aber nicht reichen, um auch die Inflationskosten auszugleichen, darunter höhere Energiekosten der Kliniken und die gestiegenen Preise der Lieferanten. Einige Hoffnung setzen die Klinikträger auf eine Bauförderung durch das Bundesfamilienministerium.

Das Müttergenesungswerk wurde 1950 von Elly Heuss-Knapp, Frau des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss, gegründet. 2013 wurde die Arbeit der gemeinnützigen Stiftung auf Väter und pflegende Angehörige ausgeweitet. Bis heute nahmen vier Millionen Mütter eine Kur in Anspruch.

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