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Die Musik des Daseins

Vincent M. Cardonas Spielfilmdebüt »Die Magnetischen« ist ein erstaunlich dicht gearbeiteter Film, ein Spiel mit immer gleichen existenziellen Grundfragen

Der Piratensender Radio Warsaw wird zum Medium für all jene Sehnsüchte, die nicht in den Kleinstadtkosmos passen.
Der Piratensender Radio Warsaw wird zum Medium für all jene Sehnsüchte, die nicht in den Kleinstadtkosmos passen.

Kaum zu glauben, aber die Welt war einmal analog. Wenn alles nacheinander und nicht alles zugleich geschieht, hat das auch Vorzüge, etwa wenn man eine Geschichte wie diese erzählen will. Zwei Brüder in einer französischen Kleinstadt Anfang der 80er Jahre. Für Aufbrüche ist hier jeder selbst zuständig, und der Piratensender Radio Warsaw wird zum Medium für all jene Sehnsüchte, die nicht in den Kleinstadtkosmos passen. Zu gewaltsam, zu zärtlich sind sie.

Vincent M. Cardona zeigt in seinem Spielfilmdebüt ein Sittenbild der französischen Provinz in grobkörnigen Bildern (Kamera: Brice Pancot). Alles zittert hier vor zurückgestauter Energie. Man ist gierig nach einer Zukunft, die sich vom bleiernen Hier und Jetzt unterscheidet – und doch ist das alles schon ein halbes Menschenleben lang her. Die Retrospektive verleugnet sich nicht. Bloße Historie also? Nein, solch Flüstern und Schreien wie hier verlangt nach unmittelbarem Ausdruck. Und das schwierige Kunststück, die Gegenwart in einem Stück Vergangenheit lebendig werden zu lassen, gelingt.

Vor allem dank der drei Hauptdarsteller. Zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und eine junge Frau mit Kind, die beide auf ihre Weise lieben. Ist das eine belastbare Existenz-Basis? Kaum, aber hier ist ohnehin jeder damit beschäftigt, während er seine anarchistischen Impulse auslebt, diese kleinstadtgerecht wieder zu zügeln.

Jérome (auf labile Weise extrovertiert: Joseph Olivennes) ist der Frontmann eines kleinen Piratensenders. Wenn er moderiert, dann jagt er die Songs von Iggy Pop bis The Undertones in den Äther hinaus, als gelte es, neue Welten zu entdecken. Gilt es auch, zuerst einmal in sich selbst.

Sein jüngerer Bruder Philippe scheut dagegen die hitzigen Reden ins Mikrofon, bleibt im Hintergrund. Thimotée Robart zeigt ihn uns als jemanden, der mit den Möglichkeiten in sich geizt, der sich nicht allein an die Gegenwart verschwenden will, samt Drogen und Alkohol. Er wartet noch darauf, seine wahre Berufung zu entdecken, die in einer ihm noch unbekannten Zukunft zu liegen scheint.

Der dramaturgische Handlungsbogen von »Die Magnetischen« will es, dass nur einer von ihnen diese Phase der chaotischen Ich-und-die-Welt-Kämpfe überleben wird. Der Traum von Erfüllung verlangt nach Opfern. Das wirkt absurd, geradezu sinnlos beim Blick in die Familie der Brüder. Der Vater ist mit diesen Söhnen, die er dennoch liebt, ein überforderter Kleinstadtpatriarch. Er betreibt mit aller Militanz eine Werkstatt, in der die beiden ganz selbstverständlich arbeiten sollen. Viel mehr an Herausforderungen gibt es hier nicht. Keine Lebensalternativen? Die Szenerie erinnert an Federico Fellinis »Die Müßiggänger«, mit dem er Rimini Anfang der Fünfzigerjahre porträtierte: Im Sommer kommen die Touristen, im Winter herrscht lähmende Ödnis. Wer bleibt, wird Teil der Kleinstadtwelt, die alle großen Gefühle tötet. Wer aber fortgeht, riskiert es, unbemerkt unterzugehen.

Aber dann passiert doch etwas, im fernen Paris, das sie angeht. Mit François Mitterrand wird 1981 ein Sozialist französischer Staatspräsident und holt sogar Kommunisten in die Regierung. Auch in der Kleinstadt wird gejubelt. Jetzt kommen neue Zeiten, jetzt wird endlich alles besser, weil nun diejenigen regieren, die vorher die Herrschenden so hart kritisiert hatten. Aber wie das so ist mit Hoffnungsträgern gestern, heute und morgen: Sie enttäuschen immer. Weil es auch ihnen zuerst um Macht und eigenen Einfluss samt lukrativer Posten geht. Wieder eine Illusion, die schnell wie eine Seifenblase zerplatzt.

Wer seine Hoffnungen an andere delegiert, wird immer wieder aufs Neue enttäuscht werden. Jérome und Philippe hatten es geahnt und keine großen Hoffnungen darauf gesetzt, dass Mitterrand ihr Leben ändern könnte. Sie wissen, dass sie das selber tun müssen – und das vor allem durch die Musik, die sie durch diesen tristen Alltag trägt. Das allein schützt davor, um die wertvollen Momente im Leben betrogen zu werden.

Ist das ein Thema von gestern? Nein, aber es brach sich vor 40 Jahren anders Bahn. Eben analog – in einer plötzlichen rapiden Steigerung oder auch Abbruch des Erzähltempos. Das meint auch der Titel »Die Magnetischen«, der nicht beliebig, nur doppeldeutig ist. Zum einen ist da jene unerhörte Anziehungskraft, die aus der Musik kommt, die einen so stark machte, wie es einem bestimmt war. Das Magnetische ist im Kern auch Magie, die verwandelt.

Zum anderen geht es hier auch ganz praktisch um jene magnetischen Tonbänder, schlimmer noch Ton-Kassetten der 80er, die nur für eine bestimmte Zeit etwas aufnehmen konnten, von reißenden oder sich verknotenden Bändern ganz abgesehen. Wer heute seine alte Lieblingskassette in den Kassettenrecorder (so er noch einen besitzt) einlegt, wird selten mehr als einige gespensterhaft rauschende Sequenzen vernehmen. Das klang früher anders. Die Zeit löscht alles aus, oder sollte man sagen: Lässt es auf nachsichtige Weise sterben? Die digitale Ewigkeit dagegen hat etwas Untotes, Vampirhaftes. Wir altern und sterben, während im digitalen Kosmos kein Kratzer eine Chance hat.

Philippe steht an der Grenze zur neuen Technik, die den Menschen endgültig antiquiert aussehen lässt. Er experimentiert mit Platten, Bändern und beliebigen Gegenständen, benutzt sie zur Erzeugung jener Geräuschkulissen, die einmal eine Übergangsform zwischen DJ und Live-Musiker hervorbrachte. Der musikalische Schöpfer als Abrissunternehmer konventioneller Klangwelten, von einer Restutopie getragen: Das undefinierbare Geräusch zu erzeugen, das Möglichkeiten offen lässt. Man nennt die endlos ratschenden Tonschleifen auch Loops. Das ist längst Geschichte, aber keine, die man vergessen sollte, denn sie birgt Unerhörtes.

Marianne (in jeder Hinsicht autark: Marie Colomb) ist jene junge Frau mit Kind, die keinen Mann in ihrem Leben braucht, um vollständig zu sein. Was sie aber braucht, ist Luft, um zu atmen. Also geht sie weg und lässt die beiden so unterschiedlichen Kleinstadtheroen zurück. Philippe muss ohnehin zum Militärdienst, sieht sich befremdet selbst an »als Soldat verkleidet wie vor uns unsere Väter«. Er kommt nach Westberlin – das lässt ihn die Welt ganz anders sehen und auch anders klingen.

Berlin in Ost und West vor dem Mauerfall entdeckt er dabei als etwas intensiv Widersprüchliches, das ihn zwingt, irgendwie mit etwas Eigenem darauf zu reagieren. Vielleicht ist er jetzt soweit, seine Musik zu finden, etwas von der sich verändernden Welt, die auch nach ihm greift, auszudrücken? Das ist dann ebenso zukünftig wie vergangen, auf erwartungsvolle Weise melancholisch.

Diese paradoxe Gemengelage in Szene gesetzt zu haben, macht »Die Magnetischen« zu einem so erstaunlich dicht gearbeiteten Film, einem Spiel mit immer gleichen existenziellen Grundfragen.

»Die Magnetischen«: Frankreich / Deutschland 2021. Regie: Vincent Maël Cardona. Mit: Thimotée Robert, Marie Colomb, Joseph Olivennes, Meinhard Neumann. 98 Minuten. Start: 28. Juli.

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