Auf der Suche nach der verschütteten Hoffnung

Im Jahr 1942, vor genau 80 Jahren, erschien »Das siebte Kreuz« von Anna Seghers. Die Erzählung beschreibt den Faschisierungsprozess der deutschen Land­bevölkerung – und sucht nach den Spielräumen der Einzelnen für Widerstand

  • Von Felix Klopotek
  • Lesedauer: 16 Min.
Der Faschismus ist auch eine soziale Bewegung: Armenspeisung unterm Hakenkreuz, Österreich in den 30er Jahren
Der Faschismus ist auch eine soziale Bewegung: Armenspeisung unterm Hakenkreuz, Österreich in den 30er Jahren

In den Jahren 1939 und 1944 befand sich der Schriftsteller Rudolf Leonhard in dem südfranzösischen Internierungslager »Le Vernet«, immer in Gefahr an die deutschen Besatzer ausgeliefert zu werden oder an einer der Epidemien, die im Lager grassierten, zu verrecken. In dieser prekären Lage begann er, seine Träume aufzuschreiben. Sein Traumbuch wurde 2001, fast fünfzig Jahre nach Leonhards Tod, veröffentlicht. Am 25. Juni 1943 notiert Rudolf Leonhard dort: »Eine Frau (Anna Seghers?) zeichnet eine Novelle auf, eine Liebesgeschichte, mit einem am Anfang und am Ende je einmal rechtwinklig gebrochnen, in der langen Mitte ganz geraden, durch viele perspektivische Kartenfiguren führenden Striche. Die letzte dieser Planfiguren, die, in der die Linie endet, ist der Friedhof. Es ist eine Novelle ohne Worte. Ich beuge mich über das Blatt, ich sehe die winzigen rhythmisch bedeutenden Abweichungen von der Symmetrie, ich bewundere Ausdruckskraft, Originalität, Reichtum, Einfachheit und Schönheit dieser stummen epischen Linie.« Nachträglich erst bringt Leonhard diese Frau mit der kommunistischen Schriftstellerin Anna Seghers in Verbindung, was noch stärker den überragenden ästhetischen Eindruck hervorhebt, den diese »stumme epische Linie« auf ihn gemacht hat: Offensichtlich ist das Kunstwerk so perfekt, dass Leonhard gar nicht anders mag als es mit Seghers zu identifizieren.

Seghers’ Roman »Das siebte Kreuz« war nur ein knappes Jahr zuvor erschienen. Am 23. September 1942 lieferte der Bostoner Verlag Little, Brown and Company die englische Erstausgabe aus, im Oktober wurde es in den USA vom einflussreichen Book-of-the-Month-Club zum Buch des Monats gekürt, im Januar 1943 erschien es im mexikanischen Exil-Verlag El Libro Libre auf Deutsch. 1943 erwirbt MGM die Filmrechte, zu diesem Zeitpunkt sind von der amerikanischen Ausgabe bereits über 400 000 Exemplare verkauft. Ein Welterfolg bahnt sich an. Dass Leonhard das Buch im Internierungslager gelesen haben könnte, ist sehr unwahrscheinlich. Dennoch ist sein oben zitierter Traum exemplarisch. Über »Das siebte Kreuz« ist unüberschaubar viel geschrieben worden, es wird bis heute gelesen, die Schlagworte liegen parat: das bedeutendste Werk der Schriftstellerin; der erzählerisch-rhythmisch perfekt balancierte Roman; das Buch, das alle persönlichen, politischen Schwächen und Fehlleistungen der Autorin mehr als aufwiegt; die tiefsinnigste Darstellung des Alltags im Nationalsozialismus vor dem Krieg. Und so weiter und so fort.

Eine Erzählung mit zwei Anfängen

Alle paar Jahre wächst eine neue Leser*innengeneration nach, und man sollte die nächste vielleicht nicht mit Lobhudeleien, sondern einfach mit dem geschilderten Traum von Leonhard über »Das siebte Kreuz« zur Lektüre verleiten. Denn »Das siebte Kreuz« ist eine »Novelle ohne Worte«, so zwanglos und ohne Mühe geht der Erzählstrom dahin, so traumwandlerisch, dass man regelrecht irritiert ist, wenn die Worte, ohne die es natürlich doch nicht geht, plötzlich erklingen: etwa in der Hörspiel-Adaption, welche die Schriftstellerin Hedda Zinner 1955 für den Rundfunk der DDR inszenierte. Da sprechen einige der Figuren nämlich im breiten rheinhessischen Dialekt, den auch Seghers gesprochen haben soll, da wird die Heimatverbundenheit des Romans schlagartig explizit gemacht, der im Dreieck von Worms, Mainz und Frankfurt spielt, zwischen Rheinebene und Vortaunus. Dramaturgisch ist das legitim, sogar zwingend erforderlich, denn das Hörspiel muss einen Roman von mehreren hundert Seiten zu 75 Minuten verdichten, aber die Dialekteinfärbung, diese Art Naturalismus ist dem Buch fremd.

Wenn Anna Seghers von »ihrer« Landschaft spricht – und sie tut das so präzise, wie es die Trauerarbeit verlangt, denn sie wird nie wieder in diese Gegend zurückkehren und muss das geahnt haben, 1937/38 in Paris sitzend, den heraufziehenden Krieg schon vor Augen –, dann spricht sie auch von allen anderen Landschaften. Einer der zwei Anfänge von »Das siebte Kreuz« lautet so: »Das ist das Land, von dem es heißt, daß die Geschosse des letzten Krieges jeweils die Geschosse des vorletzten aus der Erde wühlen. Diese Hügel sind keine Gebirge. Jedes Kind kann sonntags zu Kaffee und Streuselkuchen seine Verwandten im jenseitigen Dorf besuchen und zum Abendläuten zurück sein. Doch diese Hügelkette war lange der Rand der Welt – jenseits begann die Wildnis, das unbekannte Land. Diese Hügel entlang zogen die Römer den Limes. So viele Geschlechter waren verblutet, seitdem sie die Sonnenaltäre der Kelten hier auf den Hügeln verbrannt hatten, so viele Kämpfe durchgekämpft, daß sie jetzt glauben konnten, die besitzbare Welt sei endgültig umzäunt und gerodet«. Solche Landschaften gibt es viele in Deutschland, und die Hoffnung ist universell, dass die besitzbare Welt umzäunt und gerodet sein mag, aber in ihr und unter ihr noch etwas glimmt, das sich dem widersetzt, nicht zu kontrollieren ist, auf weitschweifende Hoffnungen und Sehnsüchte verweist. »Jetzt sind wir hier, was jetzt geschieht, geschieht uns« – mit diesem Satz tauchen wir in die Erzählung ein.

Soweit der eine der beiden Anfänge. Der andere nimmt aus der Sicht von KZ-Häftlingen schon die Geschichte vorweg. Aus dem Lager Westhofen, das in Wirklichkeit Osthofen hieß und unweit von Worms lag, fliehen im Oktober 1937 sieben Häftlinge. Der Lagerkommandant Fahrenberg, längst wahnsinnig geworden von jahrelanger Gewaltausübung, die doch nie seine Kleinbürgerangst ganz verdrängen konnte, lässt auf dem Exerzierplatz an sieben gekuppten Bäumen Querbretter einschlagen: die sieben Kreuze. An sechs von ihnen werden die eingefangenen Häftlinge gestellt. Das siebte Kreuz aber bleibt leer, denn der Kommunist Georg Heisler wird als einziger nicht wieder gefangen werden. Sieben Tage dauert seine glückende Flucht; in sieben Kapiteln wird seine Geschichte erzählt.

Roman als moralisches Zeugnis

Die atemberaubende Dynamik des Romans, deren Spannung man sich kaum entziehen kann, resultiert aus der geradezu mythisch-strengen Komposition und – noch mal Zitat Leonhard – den »winzigen rhythmisch bedeutenden Abweichungen von der Symmetrie«. Seghers hat sich später auf den Roman »Die Brautleute« (1827-1842) des italienischen Autors Alessandro Manzoni als Vorbild bezogen. Wir wissen aber heute, dass sich in ihrem Kalender von 1938, dem Entstehungsjahr des Romans, keinerlei Hinweise auf Manzoni finden und ihr Hinweis auf diesen ersten Klassiker der modernen italienischen Literatur vielleicht eine nachträgliche Stilisierung ist. Manzoni rolle, so Seghers rückblickend in einem Gespräch mit dem DDR-Publizisten Wilhelm Girnus, »an einem Ereignis die ganze Struktur eines Volkes auf … und da hab ich mir gedacht, diese Flucht (des Protagonisten Georg Heisler, FK) ist das Ereignis, an dem ich die Struktur des Volkes aufrollen kann«.

An anderer Stelle spricht Seghers von ihrem »alten Lieblingsplan, nämlich eine Art ›Tausend und eine Nacht‹ aus unserer Zeit zu schreiben«, der zumindest zu Beginn ihrer Arbeit am »siebten Kreuz« Pate stand. Die Analogie zu dem morgenländischen Erzählzyklus passt tatsächlich besser als der Verweis auf Manzoni. Denn jeder Mensch, dem Heisler in »Das siebte Kreuz« begegnet, den Heisler aus Verstecken heraus belauscht, der über Heisler spricht, weil er ihn fangen muss oder weil er – als einer der anderen letzten Genoss*innen – verzweifelt mit ihm Kontakt aufnehmen will, trägt eine ganze Welt in sich, eine Welt geprägt von Gewalt und Verzweiflung, auch von Kämpfen; und nicht zuletzt voller banaler Alltagsflausen. Das sind die beiden entscheidenden Kunstgriffe, die sich Seghers erlaubt: Der flüchtende Heisler weiß eigentlich gar nichts mehr über den deutschen Alltag, weil er direkt zu Beginn der Nazi-Herrschaft inhaftiert worden ist und trifft auf Leute, die ihr Leben leben wie eh und je und sich mit dem Albdruck der Nazi-Herrschaft ganz gut arrangiert haben; viele machen sogar mit. Es existieren keine intakten proletarischen oder bäuerlichen Milieus mehr, in die Heisler abtauchen könnte. Die beklemmendsten Passagen sind diejenigen, in denen es seinen versprengten Genoss*innen nicht gelingt, mit ihm Kontakt aufzunehmen und sie ihn andauernd verfehlen: »Georg sagte: ›Ich muß aus der Stadt raus, aus dem Land! Ich muß meine Leute finden!‹ Paul lachte: ›Deine Leute? Find mal erst all die Löcher, in die sie sich verkrochen haben.‹«

In den Momenten, in denen Heisler, ohne es zu beabsichtigen oder beeinflussen zu können, in den jeweiligen Alltag der Leute einbricht, stellt er sie vor eine Entscheidung: Die Leute müssen sich zu ihm verhalten, sie ahnen, dass etwas mit dieser gehetzten, abgerissenen, geprügelten Gestalt nicht stimmt. Marcel Reich-Ranicki schloss 2001 in einem Gespräch mit dem Journalisten Peter Voß daraus, »Das siebte Kreuz« sei vor allem ein großes moralisches Zeugnis. Die Leute, denen Heisler begegnet, könnten letztlich nur individuell, aus ihrem Gewissen heraus und ihrer Selbstbesinnung entscheiden – eben moralisch. Hierin ist sich der Antikommunist Reich-Ranicki einig mit dem Kommunisten Kurt Batt, der in seiner immer noch lesenswerten Seghers-Werkbiographie festhält, es gehe der Autorin »nicht darum, eine sozialpsychologische Bestandsaufnahme der moralischen Verfassung des deutschen Volkes vorzulegen; sie will vor allem erkunden, welche moralischen Kräfte unter der Kruste eines Arrangements mit dem alltäglichen Sosein und der Gewöhnung an den Terror noch in den Menschen vorhanden sind und für ihre Selbstbefreiung eingesetzt werden könnten. Die Flucht eines KZ-Häftlings ist die Prüfungssituation, der sie Figuren verschiedener politischer Richtungen und sozialer Schichten aussetzt, um in Erfahrung zu bringen, welche seelisch-geistigen Eigenschaften der Menschen für den Nazismus unerreichbar bleiben und wie sie geweckt werden können.«

An dieser Stelle setzt die Kontroverse um den Roman ein – und muss es auch. Ist die etwa von Batt vorgelegte Deutung bloßes Wunschdenken und damit schon eine Verharmlosung des NS-Terrors und der »Volksgemeinschaft«? Oder ist die Vorstellung menschlicher Veränderbarkeit realitätsgerecht? Es gibt durchaus ein gewisses Unbehagen an dem Roman, den Vorwurf, er betreibe die Linie der Volksfront-Politik, indem er aus Sicht der (zum Erzählzeitpunkt 1937 schon lange durch und durch stalinistischen) KPD den nicht-kommunistischen Antifaschisten ein Angebot zur Zusammenarbeit unterbreite – und zwar auf Grundlage der opportunistischen Annahme, dass die meisten Deutschen weder Nazis noch Mitläufer wären. Anna Seghers war seit 1928 Mitglied der KPD und nicht gewillt, der Parteilinie politisch zu widersprechen und etwa ihren autoritären, von vielen Genoss*innen geradezu masochistisch akzeptierten Habitus zu hinterfragen – »ich haßte ihr aufgemachtes Mannstum; umgeben von weichlichen Männern, hatte sie sich diesen Preußenton als Hausmusik erfunden«, schrieb ihr Schriftstellerkollege Gustav Regler über Seghers Auftreten in Parteikreisen. Die überragende Schriftststellerin Seghers besaß genug »Kredit«, mögliches Wunschdenken zu einer erhabenen Geschichte zu veredeln und auf diese Weise ein politisches Angebot literarisch zu unterbreiten.

Der jüdische Überlebende Reich-Ranicki allerdings hat die Authentizität der von Seghers beschriebenen Alltagsszenen bezeugt. Er habe 1937 in Berlin gelebt und die deutsche Gesellschaft zwischen »alles geht weiter wie immer« und »hinter jeder Ecke kann der Terror lauern« so erfahren, wie Seghers sie beschrieben hat. Tatsächlich hat Seghers viel recherchiert und zahllose Gespräche mit Geflüchteten geführt. Als ihr schließlich die Geschichte der Kreuzigung eines KZ-Häftlings zugetragen wurde, fasste sie den Entschluss, das Material für einen Roman, den sie in ihrem Arbeitskalender »Novelle« nennt, zu verdichten. Der Verweis auf die stark stilisierte literarische Form der Novelle ist nicht unwichtig: »Das siebte Kreuz« ist eine Konstruktion, es ist keine Montage von Dokumenten, es will auch keine Abbildung oder Widerspiegelung von Wirklichkeit sein.

Die Prüfungssituation, die »unerhörten Begebenheit«, die für eine Novelle charakteristisch ist, wird von der Autorin inszeniert, weil es ihr um die Möglichkeit von Widerstand und abweichendem Verhalten geht, um die Aufforderung, nach diesen Bruchstellen zu suchen, sich nicht überwältigen zu lassen von Banalität und Terror, von gedankenlosem Mitläufertum und echter Nazi-Begeisterung. Sie sagt es doch selbst, als auktoriale Erzählerin, die in der Geschichte umherwandelt wie ein Geist: »Wenn ein Mensch von etwas Ungewohntem, Unfaßbarem betroffen wird, sucht er sich an dem Unfaßbaren den Punkt, der sein gewöhnliches Leben gerade noch berührt.« Das ist Ausgangspunkt von Seghers’ Schreibarbeit, es ist der Ausgangspunkt ihrer Romanfiguren, sofern sie nicht wirklich schon Schergen des Nazi-Regimes sind und das Unfaßbare – die Schädigung und Zerstörung menschlichen (Zusammen-)Lebens – zu ihrer Profession gemacht haben. Und das musste schlicht der Ausgangspunkt der vom Erfolg des Nationalsozialismus immer noch verwirrten und geblendeten deutschen Antifaschist*innen sein.

Politisierungsfragen

»Das siebte Kreuz« ist durchsetzt von solchen reflexiven Splittern einer allwissenden Erzählerin, die nicht unmittelbar zur Handlung gehören, aber die Handlung doch erst zu einer Geschichte machen: »Alles, was das Alleinsein aufhebt, kann einen trösten. Nicht nur was von andern gleichzeitig durchlitten wird, kann einen trösten, sondern auch was von andern früher durchlitten wurde.« Diese Erfahrung macht der Protagonist Heisler im Mainzer Dom, in den er sich für eine Nacht geflüchtet hat und wo er sich das Leiden Christi vergegenwärtigt: auch der ist ein Handwerkerprolet (Heisler selbst ist Kraftfahrzeugmechaniker), den man für seine Aufsässigkeit büßen lässt. »Nur in Zeiten, in denen gar nichts mehr möglich ist, geht das Leben wie ein Schatten dahin. Doch in den Zeiten, in denen das Ganze möglich wird, steckt schlechthin alles Leben und Zugrundegehen.«

Heisler bleibt über weite Strecken der Erzählung ein Schatten, dem der Eintritt ins Leben immer wieder verwehrt wird, weil er kaum auf wirkliche Hilfe stößt – bis ihn sein ahnungsloser alter Schulfreund Röder aufnimmt, ein Unpolitischer, vielleicht sogar ein Mitläufer, der das »Kraft durch Freude«-Programm für Proleten wie ihn zu schätzen weiß. Röder macht dennoch das Ganze – die Flucht – möglich: Er erkennt Heislers Lage, verschafft ihm eine Tarnung und macht unter höchstem persönlichen Risiko einen KPD-Kader ausfindig, der tatsächlich noch über Kontakte verfügt. Erst von Röder aus wird der Gedanke, der den Lagerkommandanten Fahrenberg als Horror heimsucht, wahr. »Fahrenberg fühlte zum erstenmal seit der Flucht (der sieben Kommunisten, FK), daß er nicht hinter einem einzelnen her war, dessen Züge er kannte, dessen Kraft erschöpfbar war, sondern einer gesichtslosen, unabschätzbaren Macht.« Diese gesichtslose Macht ist – so Seghers’ Botschaft – nicht schlichtweg da, kein Reservoir, das eine kluge Volksfront-Politik einfach anzapfen könnte, sondern sie muss sich erst konstituieren. Und dieses Zustandekommen basiert auf unvorhersehbaren Brüchen, auf Gefühlen – Freundschaft, Mut, Ekel vor dem Nazi-Alltag, vielleicht auch Heimatverbundenheit, die sich Heisler nicht mehr leisten kann –, die nur auf Umwegen zu politisieren sind.

Eine andere Perspektive eröffnen die Schlusssätze des Romans; sie sind berühmt geworden. »Wir fühlten alle«, hier spricht der Chor der KZ-Häftlinge, »wie tief und furchtbar die äußeren Mächte in den Menschen hineingreifen können, bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, daß es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar.« Einerseits muss der Roman so enden – mit einer klaren, positiven politischen Botschaft. Das war die Autorin ihrer Weltanschauung schuldig. In diesem Schluss steckt, wie angezeigt durch das Wort »muss«, schon auch Zwang, ein verkrampfter Optimismus, der sich gegen alle zu richten droht, die jetzt noch ihre Zweifel äußern. Andererseits können alle, die bei diesen Schlusssätzen angelangt sind, wissen, wie prekär solche neue Hoffnung zustande kam, welchen Zufällen sie sich verdankte. Es ist nicht (nur) sozialistisch-realistischer Geschichtsoptimismus, der hier durchbricht, es könnte auch das Pfeifen im dunklen Walde sein.

Intertextuelle Querverweise

Im Kontrast dazu eine Passage aus Arthur Koestlers nicht minder berühmten Roman »Sonnenfinsternis«, geschrieben nur zwei Jahre nach »Das siebte Kreuz« als Abgesang auch auf die Kommunistische Partei Deutschlands, die im Furor des stalinistischen Terrors sich selbst zerstörte. Koestler lässt darin einen Schlosser über die illegale kommunistische Gruppentätigkeit in Nazi-Deutschland berichten: »Die Bewegung war zerschlagen, ihre Mitglieder wurden als Freiwild gejagt, zu Tode geprügelt … So, wie den Toten noch die Haare und Nagel weiterwuchsen, so regten sich immer noch einzelne Zellen, Muskeln, Gliedmaßen der toten Partei. Überall im Lande lebten kleine Grüppchen von Menschen, die die Katastrophe überdauert hatten und unterirdisch weiterkonspirierten … Sie verfertigten Flugblätter, in denen sie sich und den andern vorlogen, daß sie noch lebten … Die Flugblätter bekamen nur wenige zu Gesicht, und die warfen sie rasch fort, denn es graute ihnen vor der Botschaft der Toten.«

Koestlers defätistische Darstellung der Widerstandstätigkeit scheint mit der stillen, zähen, aber eben auch still verzweifelten Tätigkeit (nicht nur) kommunistischer Arbeiter*innen in »Das siebte Kreuz« nichts zu tun zu haben. Tatsächlich besteht eine untergründige Verbindung zwischen den zwei Werken: Der Literaturwissenschaftler Michael Rohrwasser, der die Passage aus »Sonnenfinsternis« in seiner Arbeit »Der Stalinismus und die Renegaten« zitiert, vermutet, dass Koestler diese Schilderung von dem Arbeiter und Schriftsteller Georg K. Glaser übernommen hat. Glaser, Jahrgang 1910, ist Rheinhesse – wie Anna Seghers, die ihn in Paris unter ihre Fittiche nimmt. Rohrwasser geht davon aus, dass Glaser zu jenen Zeugen zählte, auf deren Erfahrungen die Autorin im Rahmen ihrer Recherchen zurückgriff.

Glaser ist es auch, der jene Worte überliefert, die Seghers dem bereits erwähnten Gustav Regler hinterhergerufen haben soll, als der sich (auch unter dem Eindruck des Hitler-Stalin-Paktes) von der Partei lossagte: »Die Netty Reiling (Seghers Mädchenname, FK) hatte versucht, ihr liebes, unter Sommersprossen leuchtendes Gesicht grimmig zu verzerren und ihren Gefährten, über die eine todesgewaltige Führung den Stab gebrochen hatte, eine Zeile Brecht hinterher geschickt, langsam, so wie sie stets jede Silbe bis in alle Ecken hinein aussprach: ›Man schlage ihnen ihre Fressen mit schweren Eisenhammern ein.‹« Später kommentierte er diesen Hass in einem Brief an Rohrwasser: Wenn den Leser dieser Satz schmerze, »dann wird er um so besser verstehen müssen, wie ungeheuerlich und jahrelang es mich gefoltert hat, einen so liebenswerten, ja kostbaren Menschen wie Anna Seghers, die ich doch innig gekannt hatte, durch ihre bedingungslose Unterwerfung unter die Macht (Gewalt, geadelt durch die Lehre, ›Das Wort‹) verunstaltet zu sehen«.

Diese Macht ist in »Das siebte Kreuz« nicht anwesend. Zwar lässt Seghers die Stimme der Partei ertönen, und zwar in Gestalt des Ernst Wallau, einer der sieben Geflohenen und im Gegensatz zu Georg Heisler ein erfahrener, geschulter Kommunist, der wohl den gemeinsamen Ausbruch geplant hat. Wallau spricht eigentlich nur im Kopf Heislers, ist dort der überlegene Ratgeber. Aber die Geschichte steht und fällt nun mal mit der Figur Paulchen Röder – dem Unpolitischen, von dem zunächst überhaupt nicht klar ist, wie er sich verhalten wird, wenn er Heislers Schicksal ganz gewahr wird. Es ist diese Darstellung der Offenheit angesichts des gesellschaftlich Totalitären, die das Buch an spätere Erfahrungen koppelt: Systeme totalitärer Gewalt sind von Brüchen durchzogen und können weder den Zufall noch die menschliche Entscheidungsfähigkeit ausschalten.

Für die praktische Zuversicht

Die 2014 verstorbene ostdeutsche Mathematikerin und Schriftstellerin Helga Königsdorf schreibt im Jahr 1980 anlässlich Anna Seghers’ 80. Geburtstag: »Als ich zu denken begann, lag die Welt schon in Asche. Das heißt, das Kind begann lieber nicht mit dem Denken. Was hätten das auch für Gedanken sein sollen. Über Leichen im Fluß. Über Kinder ohne Väter. Über die zerstörte Stadt. Über Hunger und Typhus. Oder gar über die seltsame Zeitrechnung der Erwachsenen: Vor dem Krieg – jetzt … Das Kind verspürte wenig Verlangen, sich auf diese Art Welt einzulassen. Es entzog sich, legte sich eine andere Identität zu. Es war nicht mehr das Kind. Es lebte als Indianerhäuptling Schwarzer Panther in einem Land, zu dem es allein den Zugang kannte.« Diesen Eskapismus lässt Königsdorf erst hinter sich – kann sie erst hinter sich lassen –, als sie »Das siebte Kreuz« liest: »Georg Heislers Flucht fand für mich nicht irgendwo am Main statt. Sie verlief quer durch die Landschaft, die ich kannte. Die Menschen, auf die er traf, waren die, denen ich begegnete. Die Fragen, die er stellte, glichen meinen Fragen. Und siehe, das Raster wurde feiner. Mit einem Mal gab es eine Zuversicht. Den Glauben an eine Kraft im Menschen. Die nicht immer sichtbar war. Die es aber doch gab. Und auf die man hoffen konnte. Den Glauben an eine Kraft auch in mir.« Königsdorf identifiziert sich mit der Haltung von Anna Seghers, dass das Rettende, das unendlich weit weg ist, dennoch nicht unerreichbar bleiben muss. Das klingt paradox und fast ein bisschen kitschig, aber bei Seghers erscheint es nicht als Kitsch, vielmehr als praktische Zuversicht gegenüber der Veränderbarkeit der Welt.

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