»Die besseren Teufel des Kolonialismus«

Godlove Dzebam über den vernachlässigten Bürgerkrieg in Südwestkamerun und das deutsche Erbe, das zur Übernahme von Verantwortung anmahnt

Vernachlässigter Konflikt: Das war mal sein Haus, Kameruner in den Trümmern seiner niedergebrannten Unterkunft in Buea im Südwesten Kameruns.
Vernachlässigter Konflikt: Das war mal sein Haus, Kameruner in den Trümmern seiner niedergebrannten Unterkunft in Buea im Südwesten Kameruns.

Ambazonien: So nennen die englischsprachigen Separatisten im Südwesten Kameruns die Region, die sie von Kamerun loslösen wollen. Am 1. Oktober 2017, zum Tag der Unabhängigkeit des britischen Kameruns 1960, erklärte sich die Region entlang der Grenze zu Nigeria als Ambazonien unabhängig. Anerkannt hat das bisher kein Staat. Was ist der Hintergrund des Konflikts?
Der Ausgangspunkt des Konflikts liegt in Berlin, in der Berliner Konferenz 1884/85, als Afrika unter den kolonialen Mächten mit Linien auf der Landkarte aufgeteilt wurde, unter Bismarck und seinen Freunden. Kamerun ging an Deutschland. 1916, im Ersten Weltkrieg, vertrieben französische und englische Soldaten gemeinsam die Deutschen aus Kamerun. Dann stellte sich die Frage, wie sie die Beute teilen. Die Briten sagten, ihr Franzosen habt schon eine so große militärische Präsenz um Kamerun herum, ihr übernehmt das Zentralkommando, sodass wir es leichter haben, den englischsprachigen Teil an der Grenze zur britischen Kolonie Nigeria zu verwalten. Gesagt, getan. So wurde Kamerun geteilt, die Menschen wurden nicht gefragt.

Kolonial geteilt, aber lange vor der Unabhängigkeit 1960. Warum wurde das Problem dann nicht aufgelöst?
Weil ein Staat mit zwei Systemen geschaffen wurde. Im britischen Mandatsgebiet stimmte der Norden bei einer vorangegangenen Volksabstimmung für den Anschluss an Nigeria, der südliche Teil entschied sich für einen Anschluss an den Staat Kamerun. So kam es zu den beiden Amtssprachen Französisch und Englisch und dem Problem zweier komplett getrennter Verwaltungssysteme. Und der französische Teil steht für über 80 Prozent des Landes. Das französische Kamerun wurde am 1. Januar 1960 unabhängig, das britische Kamerun erst am 1. Oktober 1960. Die Vereinten Nationen schauten einfach zu bei dieser absehbar unheilvollen Entwicklung. Die englischsprachigen Kameruner haben bei dieser Staatsgründung ihre eigene Identität verloren, sie wurden in eine République du Cameroun eingemeindet. Darin liegt die Wurzel des Konflikts. Das britische Kamerun hatte eine eigenständige Kakaobehörde, eine eigenständige Strombehörde, Flughafenbehörde, eine komplett eigenständige Verwaltung. All das wurde in der Ära des ersten Staatschefs und Dikators Ahmadou Ahidjo zunichte gemacht. Er schickte Verwalter aus der Hauptstadt Jaunde und setzte auf Assimilation der englischsprachigen Bevölkerung. 70 und 80-Jährige, die damals in Südwestkamerun zur Schule gingen, reden da heute noch darüber, über die Zerschlagung des Bildungssystems.

Das Bildungssystem war ja auch ein Auslöser der Proteste, neben dem Rechtssystem. Lehrer*innen und Anwält*innen forderten den Erhalt des angelsächsischen Bildungs- und Rechtssystems, die Regierung lehnte ab und der Konflikt zwischen den Separatisten und der Regierung 2016 nahm seinen Lauf.
Ja. Jaunde wollte das französische Rechtssystem Code civil auch dem britischen Teil überhelfen. Es wurden Richter geschickt, die nicht einmal Englisch sprachen, um das umzusetzen. Im britischen Teil war bis dahin das Common law vorherrschend, das nicht auf abstrakten Gesetzen, sondern auf Präzedenzfällen in der Vergangenheit aufbaut wie in Großbritannien. Die Verkehrssprache beim Militär ist überall Französisch, auch in Südwestkamerun. Es wurden Lehrer für Naturwissenschaften nach Südwestkamerun geschickt, die kein Englisch sprachen. Das wurde von der ansässigen Bevölkerung nicht akzeptiert. Die Menschen gingen auf die Straße und protestierten. Der Frust war wegen der hohen Arbeitslosigkeit und der schlechten, wirtschaftlichen Lage ohnehin schon groß. Der Angriff auf das Bildungs- und Rechtssystem brachte das Fass dann zum Überlaufen. Das Militär reagierte mit Tränengas, Prügel und Verhaftungen. Das war Ende November 2016.

Jetzt schreiben wir 2022. Kein Problem ist gelöst, oder?
Nein. Im Februar 2017 kündigten die Lehrer ihre Rückkehr an die Schulen für einen Samstag an. Mit der Begründung, dass da eigentlich schulfrei ist, reagierte das Militär mit Gewalt. Die Bevölkerung verlor endgültig ihren Glauben an die Regierung, an das System. Es war ein großer Fehler von der Regierung, auf Gewalt zu setzen. Wenn Du einen tötest, schließen sich zwei dem bewaffneten Widerstand an, wenn Du ein Dorf niederbrennst, greifen die Überlebenden aus Frustration zu den Waffen. Das ist das, was passiert.

Bei den Kämpfen sollen seitdem 4000 Menschen ums Leben gekommen sein und 760 000 vertrieben. 800 000 Kinder können nicht zur Schule gehen. Stimmen diese Zahlen?
Im Großen und Ganzen. 2019 führte das Menschenrechtszentrum von Kamerun um den bekannten Anwalt Felix Agbor-Balla 105 niedergebrannte Dörfer auf. Es wurden bisher 4 000 Tote im Zuge des Konflikts offiziell registriert, manche Schätzungen gehen von 12 000 aus. Vertriebene gibt es rund 800 000, davon sind 50 000 in Flüchtlingslagern in Nigeria. Das ist der Sachstandsbericht. Und es gibt eine Dunkelziffer, nicht alle Toten wurden erfasst. Dafür gibt es auch kein System. Aber in den sozialen Medien finden sich fast täglich Meldungen von getöteten Militärs, Aufständischen oder Zivilisten. Ein Ende der Auseinandersetzungen ist leider nicht in Sicht.

Handelt es sich um einen sogenannten eingefrorenen Konflikt?
Gewissermaßen, ja. Der Konflikt geht weiter. Es gibt Auf und Abs. Immer zu Beginn von Schuljahren wie im September verschärft sich die Lage beispielsweise. Die Milizen der sogenannten Amba-Fighters, der Kämpfer für ein freies Ambazonien, wollen dann keine Präsenz von zentralstaatlichen Akteuren im Bildungssystem, für das sie ohnehin keine Optionen bieten. Auch der 1. Oktober, der Unabhängigkeitstag des britischen Kameruns, ist ein explosives Datum. Da wird immer für Unabhängigkeit demonstriert und das Militär versucht das zu unterbinden.

Sie sind Lehrer. Worin liegen die Herausforderungen und die Innovationen im englischsprachigen Bildungssystem in Südwestkamerun?
Wir haben zum Beispiel das Ausbildungsprogramm Pädagogik im Dienst (ISTP) in Kamerun. Da werden Lehrer geschult, mobil zu unterrichten, direkt zu Hause bei den Schülern oder in Kirchen, da die als sichere Orte gelten statt in den Schulen, die immer wieder angegriffen werden. Die Herausforderungen für Lehrer bestehen vor allem darin, dass sie inzwischen eine gefährdete Art sind. Denn da Lehrerproteste am Anfang des Konflikts 2016 standen, sind Lehrer zum Feindbild der Regierung in Jaunde geworden. Die meisten Schulen in Südwestkamerun sind seit Ende 2016 fast durchgängig geschlossen. Deswegen laufen wir Gefahr, eine ganze Generation zu verlieren. Kinder, die nicht zur Schule gehen, die keine Bildung erhalten, sind besonders gefährdet, zu Fundamentalisten zu werden, sie können viel leichter einer Gehirnwäsche unterzogen werden als gebildete Jugendliche. Die Krise in Kamerun kann nicht gelöst werden, wenn dieser Generation kein Augenmerk gewidmet wird.

Mit ihrer Organisation Draufsicht Bamenda arbeiten sie unter anderem mit Jugendlichen. Was machen Sie genau?
Wir schaffen Räume für junge Leute, in denen sie reflektieren können, in denen Diskussionen über die Probleme des alltäglichen Lebens stattfinden. Wir fördern auch die außerschulische Bildung, kümmern uns um Beschäftigungsperspektiven. Es gibt viele Helden im Schatten, die sich diesen Aufgaben widmen. Menschen, die unter schwierigen Bedingungen, den Kindern und Jugendlichen helfen. Und das unter Gefahr, denn auch die Ambazonia-Unabhängigkeitskämpfer greifen immer wieder Schulen an und sehen Lehrer als Feinde.

Sie arbeiten bei Draufsicht Bamenda auch mit Journalisten. Mit welchem Ziel?
Wir führen ein Community Journalism Project durch, das von SODI unterstützt und vom deutschen Entwicklungsministerium mitfinanziert wird. Da geht es darum, Journalisten in objektiver Berichterstattung zu befähigen.

Laut Berichten werden Journalisten wie Lehrer immer wieder Opfer von Kidnapping durch die Ambazonia-Kämpfer oder von willkürlichen Verhaftungen seitens der Militärs. Trifft das zu?
Ja, das ist absolut zutreffend. Journalisten und Lehrer sind eine gefährdete Art. Die Pressefreiheit in Kamerun ist schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die Gesetze über Medien in Kamerun lassen sehr viel Interpretationsspielraum, der regelmäßig zu Gunsten derjeningen ausgelegt wird, die an der Macht sind. Das macht unabhängigen, kritischen Journalismus sehr schwer. In Kamerun gibt es zwar Meinungsfreiheit, jeder und jede kann sagen, was er oder sie will. Aber Du kannst dafür getötet werden, gekidnappt oder einfach verschwinden gelassen, wenn Du das »Falsche« sagst aus Sicht der Mächtigen und das straflos. Bekannt wurde der Fall des Fernsehjournalisten Samuel Wazizi. Der wurde im August 2019 verhaftet und ist seitdem spurlos verschwunden. Als wahrscheinlich gilt, dass er während seiner Haft gefoltert wurde und gestorben ist. Anschließend wurde er irgendwo verscharrt. Die Aufforderungen von Amnesty International und Reporter ohne Grenzen an die Regierung, seinen Fall aufzuklären, blieben ungehört. Es gibt kein Interesse an der Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen. Stattdessen wird das Militär von der Regierung geschützt. Aber man muss auch sagen, dass Polizisten und Militärs im Norden und im Südwesten Kameruns gefährlich leben, denn niemand weiß, wer ein Ambazonia-Kämpfer ist und wer nicht. Die tauchen aus dem Nichts auf und schlagen zu.

Die Lage scheint mehr als verfahren. Was sind die Voraussetzungen, damit ein Friedensprozess überhaupt auf den Weg gebracht werden kann?
Die wichtigste Voraussetzung wäre ein internationaler, unabhängiger Vermittler, auf den sich beide Seiten einigen könnten. Und ein Verhandlungsort außerhalb Kameruns. Die Vertreter der Ambazonien-Unabhängigkeitsbefürworter werden nicht nach Jaunde kommen, weil sie dort Angst vor Verhaftung haben. Und der Ort sollte weder in Frankreich noch in Großbritannien sein, denn beide Länder sind Teil des Problems. Die Ambazonien-Vertreter wünschen sich eine Vermittlung unter Schweizer Führung. Und die Stimme der Zivilgesellschaft muss gehört werden, die Stimmen der Kirchen, nicht nur die Stimmen der bewaffneten Akteure. Die katholische Kirche im frankophonen Teil und die presbyterianische Kirche im anglophonen Teil könnten eine wichtige Rolle spielen, um die Bevölkerung auszusöhnen. Die presbyterianische Kirche ist in ganz Kamerun vertreten. Wir müssen danach suchen, was uns verbindet, nicht was uns trennt. Und die Verhandlungsagenda muss offen sein, alles muss auf den Tisch, nichts darf von vornherein ausgeschlossen werden, Zentralstaat, Föderalstaat selbst eine potenzielle Unabhängigkeit auf Basis des Selbstbestimmungsrechts, alles muss diskutabel sein. Es muss offen sein und sich am Do-No-Harm-Ansatz orientieren. (Richte keinen Schaden an) Nelson Mandela hat gesagt, um Frieden zu schaffen, musst Du mit deinem Feind reden. Bisher tituliert die Regierung die Ambazonia-Kämpfer lediglich als Terroristen, ohne einen Verhandlungsplan. Auch den Ambazonia-Vertretern muss klar gemacht werden, dass Unabhängigkeit nicht gesetzt sein kann, auch sie müssen offen an den Verhandlungstisch kommen und den Willen der Bevölkerung respektieren. Beide Seiten sollten erkennen: Am Ende des Krieges stellt sich nicht die Frage, wer hat Recht gehabt, sondern wer bis dahin gestorben ist.

Welche Verantwortung sehen Sie bei der Internationalen Gemeinschaft? Zum Beispiel beim ehemaligen Kolonialherrn Deutschland?
Vorab: Der Norwegische Flüchtlingsrat führt den Konflikt in Kamerun an zweiter Stelle der am meisten vernachlässigten Flüchtlingskrisen der Welt, hinter dem Konflikt in Kivu in Ost-Kongo. Ich bin dem »neuen deutschland« wirklich dankbar, dass es diesem Konflikt Sichtbarkeit gibt. Das sollte der Internationalen Gemeinschaft zu denken geben und zum Handeln anregen. Wenn die Europäische Union der Regierung in Kamerun mit dem Entzug der Finanzhilfe drohen würde, um sie zu einem Dialog zu ermutigen, würde die Regierung dem folgen. Der deutschen Regierung käme sogar eine besondere Bedeutung zu wegen der kolonialen Vergangenheit, sie sollte mit Kameruns Regierung reden. Einerseits hat Deutschland deswegen eine besondere Verantwortung, und andererseits hat Deutschland einen vergleichsweise guten Ruf in Kamerun. Frankreich spielt dagegen eine unheilvolle Rolle, stützt den Diktator Paul Biya seit Jahrzehnten.

Positioniert sich die deutsche Regierung im Konflikt oder scheut sie den Konflikt mit Frankreich?
Die Spitze der Presbyterianische Kirche in Kamerun hat unlängst im Bundestag gesprochen. Die deutsche Regierung hat darauf mit einem Appell an die Konfliktparteien reagiert, sich an einen Tisch zu setzen und einen Dialog zu beginnen. Danach ist nichts mehr passiert. Eine klare Ansage Deutschlands an Paul Biya, sich auf Verhandlungen einzulassen, wäre ein sehr positiver Schritt für einen Friedensprozess. Gerade weil die Deutschen in Kamerun so geschätzt werden, sie werden als die besseren Teufel des Kolonialismus betrachtet.

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