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  • Serienkiller: "Kabul Luftbrücke"

Stolz und Häme

Die Dokureihe »Mission Kabul-Luftbrücke« begleitet eine Hilfsorganisation dabei, wie sie Menschen aus Afghanistan evakuiert

Der Flughafen in Kabul ist schon geschlossen. Einzige Chance zur Flucht scheint der Landweg über den Grenzübergang in Torkham zu sein.
Der Flughafen in Kabul ist schon geschlossen. Einzige Chance zur Flucht scheint der Landweg über den Grenzübergang in Torkham zu sein.

Man muss sich Afghanistan Mitte 2021 als Hölle auf Erden vorstellen: Eine Schar paramilitärischer Steinzeitmuslime übernimmt handstreichartig Kabul, während alle westlichen Kräfte fluchtartig Land und Leute verlassen. Die staatlichen zumindest. Denn private, die dableiben, erwecken fortan den Eindruck, ein Himmel auf Erden sei möglich. Es sind Leute im Land wie Theresa Breuer.

Die freiberufliche Journalistin berichtet zu jener Zeit bereits seit zwei Jahren vom Hindukusch. Medien wie »NZZ« oder »FAZ« schätzen ihre guten Kontakte, das publizistische Gefühl für Mensch und Mentalität, die kompetente Empathie. Mit dem Durchmarsch der Taliban erweiterte sich nun ihr Aufgabengebiet. Theresa Breuer ist plötzlich keine Berichterstatterin mehr, sondern Nothelferin. Glaubt man Hanns Joachim Friedrichs, dass sich gute Journalisten auch mit einer guten Sache nicht gemein machen, ist das ein bedenklicher Schritt.

Glaubt man Theresa Breuers Kollegin Vanessa Schlesier, ist der Satz einen Dokumentarfilmvierteiler von beeindruckender Wucht wert. Er heißt »Mission Kabul-Luftbrücke« und begleitet Breuers gleichnamige Organisation, die sie mit ein paar Gleichgesinnten aus Berlin und Kabul gegründet hatte, bei ihrer Arbeit im Taliban-Reich. Genauer: Finanziert durch Spenden, organisiert ihre NGO die Evakuierung afghanischer Ortskräfte der hastig abgezogenen Bundeswehr. Sie organisiert also ungefähr das, woran mittlerweile schon zwei Bundesregierungen gescheitert sind.

Mehr als 1000 dieser Kontaktpersonen und ihre Familien hat »Kabul-Luftbrücke« allein in den ersten drei Monaten ihrer Existenz nach Deutschland gebracht und damit gewissermaßen Staatsaufgaben übernommen. Bei einigen davon war Vanessa Schlesier dabei. Das Ergebnis ist eine ebenso erschütternde wie erhellende Reportage über menschliche Not, bürokratisches Elend und ehrenamtliches Engagement. Aber wie im Dokutainment üblich, das mittlerweile selbst auf Arte Maß aller Sachfilmdinge ist, gehören dazu natürlich noch ein paar Protagonisten, also Gerettete.

Familie Walid zum Beispiel, deren Vater von den Taliban wegen seiner Dienste für die Bundeswehr schwer verwundet wurde. Über Monate hinweg begleitet Antje Boehmerts Produktionsfirma Docdays im Auftrag der ARD ihre Flucht von Kabul über Torkham an der afghanisch-pakistanischen Grenze und Islamabad bis Berlin. Immer dabei: Reporterin Breuer und Dokumentaristin Schlesier – im Kampf fürs Gute vereint und dabei – Hajo Friedrichs Mahnungen zum Trotz – dennoch als Journalistinnen tätig.

Was tun die beiden und eine Handvoll Aufrechter um den NGO-Mitbegründer Ruben Neugebauer, die von Berlin aus als Bindeglied zwischen Politik, Helfern vor Ort, Bedürftigen und Gesellschaft firmieren? Sie leisten jene Arbeit grundsätzlicher Menschlichkeit, für die liberal-konservative Abschottungsapologeten von Horst Seehofer bis Christian Lindner weder den Anstand noch das Rückgrat besitzen. Und sie lassen alle Welt daran teilhaben. Mehr als 45 Minuten Konzentrat nach den »Tagesthemen« wollte das Erste fürs wichtige Format an linearer Sendezeit dann leider nicht freiräumen, von der Primetime ganz zu schweigen.

Und so bleibt auch diese Tatsachenberichterstattung mit Zugriffszahlen im sechsstelligen Bereich wohl im Nirwana öffentlich-rechtlicher Programmpriorisierung hängen. Ein Jammer: »Mission Kabul-Luftbrücke« ist nicht nur ein herausragendes Zeitdokument humanistischer Anteilnahme, sondern mehr noch: ein Dokument über das Versagen konservativer Kräfte mit christlichem C im Parteinamen, denen ein paar Tausend Wählerstimmen von rechts allemal wichtiger sind als das Überleben einiger Tausend demokratischer, liberaler, kreativer Personen weitab vom Schuss der kollektiven Wahrnehmung.

Für sie macht die Hilfsorganisation in den ersten 45 von 120 Minuten wertvoller Sendezeit sogar etwas, das ihrem Selbstverständnis zuwiderläuft: Symbolpolitik. Mit einem viel zu teuren, viel zu gefährlichen, viel zu aufwendigen, also viel zu ineffizienten Charterflug anstelle der üblichen Kleinbusse, schafft Breuers Lokalteam 148 Verfolgte aus Kabul nach Islamabad – einfach, um der schwarz-roten Bundesregierung jener Tage zu zeigen, »dass es geht«, wie Ruben Neugebauer den zwischenzeitlich abgewählten Fans der Zögerlichkeit daheim in einer Mischung aus Stolz und Häme hinterherruft.

Seither ist vieles besser geworden, aber längst nicht alles gut. Trotz der besitzstandsbewahrenden FDP im Dreierbündnis erkennt »Kabul-Luftbrücke« unter Rot-Grün-Gelb zwar Fortschritte zur Rettung all jener, die ihr Leben für Deutsche in Afghanistan riskiert haben. Noch immer jedoch harren Abertausende Taliban-Verfolgte aus Zivilgesellschaft, Medien, Politik und Kultur darauf, sichere Häfen im Westen zu erreichen. Die Dokumentation zeigt ein paar Teilerfolge, aber auch Rückschläge. Schon deshalb dürfen die nächsten vier Teile so gern kommen wie Charterflüge oder Kleinbusse aus der Hölle Richtung Freiheit.

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