Von der Schnapsidee zum Herzensprojekt

Für den ukrainischen Handballklub Motor Saporischschja geht es in Deutschlands zweiter Liga um das Überleben des Vereins

  • Von Andreas Morbach, Köln
  • Lesedauer: 6 Min.
Die Magdeburger um Gisli Thorgeir Kristjansson (M.) waren am Sonnabend zu stark für Motors Mannschaft.
Die Magdeburger um Gisli Thorgeir Kristjansson (M.) waren am Sonnabend zu stark für Motors Mannschaft.

Zu Deutschland und einigen seiner Handballvereine hatte Zakhar Denysov im Lauf seiner Karriere schon häufig Kontakt. Mit dem ukrainischen Serienmeister Motor Saporischschja reiste er regelmäßig zu Trainingslagern in das Gastgeberland der Handball-EM 2024. »Jeden Sommer und jeden Winter waren wir hier und haben oft gegen Mannschaften aus der ersten und zweiten Liga gespielt«, erzählt Denysov im Gespräch mit »nd«, lobt die oberste deutsche Spielklasse als »eine der starken Ligen in Europa« – und sagt dann: »Für mich und für das Team ist das jetzt eine neue Erfahrung.«

Denn diesmal ist er nicht wegen eines Trainingscamps hier, sondern um mit Saporischschja in der kommenden Saison in der 2. Bundesliga mitzuspielen. Am 8. Juli kam der kräftige Linksaußen mit dem Bürstenhaarschnitt mit seiner Frau und den beiden Söhnen, drei und acht Jahre alt, in Düsseldorf an. Dort wurde für die vierköpfige Familie rasch ein passendes Apartment organisiert. Wie auch für alle anderen Spieler und Verantwortlichen des ukrainischen Klubs. »Der HC Motor Saporischschja«, sagt Stadtdirektor und Sportdezernent Burkhard Hintzsche dazu, »ist für uns ein absolutes Herzensprojekt – und ein positives Signal an alle ukrainischen Flüchtlinge in Düsseldorf.«

Am 31. August hat der seit Jahren unangefochtene Handball-Primus der Ukraine seinen ersten großen Auftritt in Deutschland. Drei Stunden vor dem Super Cup zwischen Meister Magdeburg und Pokalsieger Kiel tritt das vom Litauer Gintaras Savukynas trainierte Team zu seinem Premierenheimspiel in der zweiten Liga an. Die Partie zwischen Motor Saporischschja und Bayer Dormagen in Düsseldorf werde »besondere Sportgeschichte schreiben«, betrommelt die Handball-Bundesliga (HBL) den Event, bei dem zwischen Magdeburg und Kiel auch der erste Titel der Saison ausgespielt wird. Nachdem ihre Chefs bei einigen Klubs zunächst intensive Überzeugungsarbeit leisten mussten.

Unumwunden räumt HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann kritische Stimmen in der Liga hinsichtlich der Mehrbelastung und Bedenken wegen der zusätzlichen Auswärtsfahrt ein. »Zudem«, ergänzt Bohmann, »wurden Fragen gestellt wie: «Wo fangen wir an, wo hören wir auf? Und warum nehmen wir eigentlich keine Mannschaft aus Syrien auf?» Sein Kommentar hierzu: «Der Ukraine-Konflikt ist ja nicht die einzige kriegerische Auseinandersetzung auf unserem Planeten. Und es ist auch klar, dass wir diese Krisen nicht beenden können.»

In diesem konkreten Fall aber könnten Handballer Handballern helfen, sagt der 57-Jährige. Entsprechend wurde Saporischschja als 20. Klub in den Wettbewerb aufgenommen – eine Nachricht, bei der Jan Reimer in Dormagen gemischte Gefühle beschlichen. «Auf der einen Seite fanden wir alle, dass es ein wundervolles Projekt ist, diese Mannschaft zu integrieren und ihr die Chance zu geben, auf einem sehr hohen Niveau weiter kompetitiv Handball zu spielen», sagt der Rechtsaußen der Rheinländer. Etwas nachdenklich stimmte den 21-Jährigen hingegen der Gedanke an die ohnehin schon extreme Leistungsdichte in der Liga.

Derlei Informationen kamen in den letzten Wochen auch Dimitriy Karpushchenko zu Ohren. Gemeinsam mit Mannschaftskapitän Denysov sitzt der Manager von Motor Saporischschja im siebten Stock eines Kölner Hochhauses. Schon jetzt am Vormittag ist es drückend heiß in dem Raum. Die Tür zur Dachterrasse steht offen und gibt den Blick frei auf den Dom. «Wir wissen, dass die Bundesliga die verrückteste Liga in Europa ist. Die zweite Liga ist sogar noch verrückter als die erste, sagen unsere Freunde. Wenn da der Letzte den Ersten schlägt, ist keiner überrascht», kommentiert Karpushchenko, der inzwischen weiß: «Wettanbieter hassen die 2. Bundesliga.»

Auch vor diesem Hintergrund erzählt Jan Reimer von Spielern, die sich wegen dieser zusätzlichen Belastung und einer möglichen Überbelastung Gedanken machten. «Mit Düsseldorf als Standort ist das für uns alles noch super machbar, von Dormagen kommt man da ja gut hin und zurück», sagt der angehende Architekt. «Aber wir werden sehen, wie das dann in der Saison läuft – wenn Klubs mit einer langen Anreise an einem Mittwoch erst nach Düsseldorf fahren und am Wochenende schon wieder ein wichtiges Heimspiel bestreiten müssen.»

Das könnte zum Beispiel den Dresdenern widerfahren. Doch gerade das Team aus Sachsens Landeshauptstadt sei ein großer Befürworter des Projekts, sagt Frank Bohmann – der mittlerweile vermelden kann: «Am Ende hat sich eine breite Mehrheit für die Teilnahme des ukrainischen Meisters entschieden.» Ohne diese Zustimmung hätte die Liga das Ganze auch gar nicht erst vorangetrieben, sagt Bohmann, der, als sich die Verantwortlichen von Motor Saporischschja Anfang April mit ihrem Gedanken erstmals an den Ligaverband gewandt hatten, spontan dachte: «Schnapsidee.»

Schnell war jedenfalls klar: In der höchsten deutschen Handball-Klasse würde das Vorzeigeteam der Ukraine nicht mitspielen können: Zu eng getaktet ist der Spielplan der ersten Liga, der meist mit einem Jahr Vorlauf festgezurrt wird und in dem darüber hinaus die Termine der internationalen Wettbewerbe berücksichtigt werden müssen. Immerhin konnten die Handballer von Motor Saporischschja am Sonnabend in Haldensleben etwas Erstligaluft schnuppern: Vor rund 600 Zuschauern setzte es für die Mannschaft um Denysov gegen den Deutschen Meister SC Magdeburg in einem Vorbereitungsspiel jedoch eine deutliche 24:39-Niederlage.

Deutlich besser zum Mitspielen war ohnehin die Situation in der zweiten Liga: Wegen des ursprünglich vorgesehenen 19er-Feldes hätte dort jeweils ein Verein spielfrei gehabt. Diese Pause fällt nun weg. Zudem erwies sich die Stadt Düsseldorf als sehr unkomplizierter Ansprechpartner. «Wir haben dort angerufen, und zehn Minuten später hörten wir: ›Das machen wir, wir kümmern uns um alles‹», berichtet Bohmann. Da müsse man den Düsseldorfern wirklich auf die Schulter klopfen.

Entsprechend dankbar sind sie bei Motor Saporischschja, die bis zum letzten Spieltag in der Tabelle der zweiten Liga geführt werden, ehe die Ergebnisse des Klubs aus der Wertung genommen werden, für die Unterstützung. Ab Ende August tritt die Mannschaft aus dem Südosten der Ukraine, die auch das Gros des Nationalteams stellt, in der 2. Bundesliga an. Und in der zweiten Oktoberhälfte starten für sie dann auch die internationalen Auftritte in der European League.

Momentan, sagt Spielführer Zakhar Denysov mit Blick auf sein Zuhause, sei die Kriegssituation in Saporischschja nicht ganz so hart wie anderswo im Land. «Aber 50 Kilometer von dort entfernt verläuft die Frontlinie. Und manchmal gehen auch in Saporischschja Raketen nieder», sagt der 32-jährige Familienvater. Ihm schräg gegenüber sitzt Manager Karpushchenko – ein umtriebiger Mann mit wachem Blick, der im Frühjahr außer in Deutschland auch in Ungarn, in der Slowakei, in Slowenien und in Polen vorsprach. Um, wie er sagt, das Überleben des Vereins und des ukrainischen Handballs zu sichern.

«Wir wollen so schnell wie möglich zurück in die Ukraine. Aber ehrlich gesagt, sehen wir keine Chance – selbst wenn der Krieg in den nächsten Tagen beendet würde. Wir brauchen mehrere Monate, um die Infrastruktur wieder aufzubauen, um gute Spieler zu finden, die jetzt möglicherweise in der Armee sind oder das Land verlassen haben», sagt Dimitriy Karpushchenko noch – und macht zum Abschied deutlich: «Deswegen werden wir auf jeden Fall bis mindestens zum Ende der Saison in Deutschland bleiben.»

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