Eine Stunde Null ist nicht zu erkennen

Wer einmal den Krieg erlebt hat, ist immer im Krieg: Mit »Die Nacht unterm Schnee« vollendet Ralf Rothmann seine Schleswig-Holsteiner Trilogie

  • Von Michael Bittner
  • Lesedauer: 6 Min.
»Bei Licht betrachtet war schließlich alles, diese scheinbare Idylle in Ruhe und gesunder Luft, nur Unfreiheit und Gewalt, Schmerz und Dreck«: Eine 500 Jahre alte Linde in Bordesholm bei Lübeck.
»Bei Licht betrachtet war schließlich alles, diese scheinbare Idylle in Ruhe und gesunder Luft, nur Unfreiheit und Gewalt, Schmerz und Dreck«: Eine 500 Jahre alte Linde in Bordesholm bei Lübeck.

Gibt es vollkommene Erzähler? Wenn ja, dann ist der Schriftsteller Ralf Rothmann nahe daran, einer zu sein. Rothmann schreibt in seinen Geschichten und Romanen eine unwiderstehlich rhythmische Prosa, ist ein Meister des knappen, eindringlichen Dialogs, kennt die menschliche Psyche bis auf den Grund und schildert die Wirklichkeit so genau und anschaulich, dass sie – ohne alle plumpe Symbolik – mit tiefem Sinn erfüllt scheint. Berühmt geworden ist Rothmann mit Romanen wie »Stier«, »Flieh, mein Freund!« und »Hitze«. In ihnen wird vom Alltag der sogenannten kleinen Leute erzählt, von der Ödnis der Arbeit, aber auch von den Ausbrüchen in verzweifelten Exzess. Dabei tritt als Erzähler oft ein junger Mann auf, der sich vom proletarischen Milieu in die Welt der Bohème begibt. Dass Rothmann kennt, worüber er schreibt, ist jeder seiner Zeilen anzumerken. Er wurde 1953 in Schleswig geboren, ist im Ruhrgebiet aufgewachsen und zog später nach Westberlin. Bevor er sein Brot als freier Schriftsteller verdienen konnte, arbeitete er unter anderem als Maurer, Koch und Krankenpfleger.

Die jüngsten Bücher Rothmanns sind ein Wagnis. Die Romane »Im Frühling sterben«, »Der Gott jenes Sommers« und »Die Nacht unterm Schnee« gehören zusammen. Sie entfernen sich von der Autobiografie des Autors und spielen in der Epoche des Zweiten Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Recherche und Gespräche mit Zeitzeugen mussten hier die persönliche Erfahrung ersetzen. Dass Rothmann für diese Trilogie die Lebensläufe seiner Eltern verarbeitet hat, ist für Kenner seines Werks offenkundig, der Autor verrät es in den Schlusskapiteln des ersten und dritten Bandes auch ausdrücklich. Der Sprung in die Geschichte ist Rothmann geglückt: Er erzählt in diesen Romanen von der altbäuerlichen Welt Schleswigs und dem Krieg an der Ostfront nicht minder eindrücklich als früher von der Ruhrgebietsjugend.

Es sind zwei Frauen und ein Mann, einander auf komplizierte Weise verbunden, die als Protagonisten im Mittelpunkt der Trilogie stehen. Der junge Melker Walter Urban wird im ersten Roman »Im Frühling sterben« zusammen mit seinem besten Freund Friedrich Caroli kurz vor Kriegsende zur Waffen-SS zwangsrekrutiert. Nur knapp entgeht er in Ungarn dem sinnlosen Heldentod, doch muss er an der Exekution seines Freundes teilnehmen, der einen Versuch zur Fahnenflucht unternommen hat. Der Roman »Der Gott jenes Sommers« schildert das Kriegsende in Schleswig-Holstein aus Sicht des Schulmädchens Luisa Norff. Die Heranwachsende registriert in ihrer Umgebung fanatischen Durchhaltewillen und Untergangspanik, orgiastische Zeitflucht und Grausamkeit. Ihre Schwester wird Opfer der Nazis, ihr Vater endet im Selbstmord, sie selbst muss eine Vergewaltigung erdulden – nicht, wie befürchtet, durch Russen, sondern durch einen SS-Offizier aus der eigenen Familie.

Rothmanns neuer Roman »Die Nacht unterm Schnee«, der letzte der Trilogie, rückt nun die dritte Hauptfigur, die Kellnerin Elisabeth Isbahner, in den Mittelpunkt, führt aber auch alle drei in der Nachkriegszeit noch einmal zusammen. Ein Teil des Textes schildert die Erlebnisse Elisabeths bei ihrer Flucht aus Ostpreußen: Nach einem Angriff ganz auf sich allein gestellt, irrt sie durch die winterliche Kriegslandschaft und wird von sowjetischen Soldaten mehrfach vergewaltigt. Doch es ist auch ein desertierter sowjetischer Sanitäter, der der hilflosen »Devushka« in einem Versteck das Leben rettet. In der anderen Hälfte des Romans tritt die junge Luisa als Erzählerin auf, die nach dem Krieg das Abitur macht und sich zur Bibliothekarin ausbilden lässt. In ihrem Wunsch nach Liebe gerät sie an zwei ganz unterschiedliche Männer: einen Täter und einen Gegner des Nationalsozialismus. Doch Luisa erzählt auch vom weiteren Schicksal der beiden anderen Hauptfiguren: Elisabeth arbeitet als Kellnerin im Lokal von Luisas Mutter, bis sie ihrem Verlobten Walter als Melkerin auf ein Landgut folgt. Luisa erlebt bei einem Besuch das Unglück dieser Ehe, das auch anhält, nachdem die beiden das Bauernleben aufgeben mussten und ins Ruhrgebiet umgezogen sind. Ihr Blick ist allerdings nicht ungetrübt, ist sie doch selbst seit Kindertagen trotz ihrer Freundschaft mit Elisabeth in Walter verliebt.

Auch »Die Nacht unterm Schnee« ist weniger ein Kriegsroman als ein Roman über Menschen, denen der Krieg widerfährt. Von Schlachtplänen oder Heerführern ist hier keine Rede, erzählt wird von Leuten, die von den Entscheidungen der Mächtigen getroffen werden wie von Schicksalsschlägen. Daran ändert sich auch nach dem Krieg wenig, weshalb im Roman keine »Stunde Null« zu erkennen ist. Doch ist die Erzählung nicht moralisch gleichgültig. Sie zeigt die sehr unterschiedlichen Weisen, mit denen Menschen auf das Unrecht der Nationalsozialisten reagierten: von egoistischer Selbstbereicherung durch Denunziation bis zum mutigen, aber aussichtslosen Widerstand. Die meisten Figuren versuchen allerdings nur, sich einigermaßen unauffällig durchzulavieren – was sie jedoch nicht bewahrt vor Schäden an Seele und Körper.

Rothmann hat einen Blick für die überkommenen Machtverhältnisse, die den Nationalsozialismus erst möglich machten und die nach dem Krieg keineswegs spurlos verschwanden. Dies zeigt sich besonders bei der Schilderung des Landgutes, auf dem Walter und Elisabeth für ihre Herrschaften schuften müssen wie Generationen mittelloser Bauern zuvor. Mehr noch aber interessiert sich Rothmann für die existenzielle Seite von Krieg und Diktatur, dafür, wie die menschliche Selbstsucht und Bosheit den Terror ermöglichen und von ihm gemästet werden. Diese existenzielle Dimension des Geschehens wird immer wieder durch die parallele Darstellung von Tieren – verängstigte Rinder, hungrige Ratten, verletzte Pferde – versinnbildlicht. Dabei werden die Natur und das Landleben keineswegs zum Gegenbild idealisiert. So urteilt Luisa nach einem Aufenthalt in der ärmlichen Hütte ihrer Freunde über das zunächst als paradiesisch empfundene Bauerndasein: »Bei Licht betrachtet war schließlich alles, diese scheinbare Idylle in Ruhe und gesunder Luft, nur Unfreiheit und Gewalt, Schmerz und Dreck.«

Rothmanns jüngste Romane sind ein heikles Unterfangen auch in politischer Hinsicht. Wer den Krieg aus der Perspektive leidender Deutscher darstellt, kann in den Verdacht geraten, die eigentlichen Opfer in den Hintergrund rücken zu wollen. Und so viel ist gewiss wahr: Der große Erfolg der Romane beruht auch darauf, dass wir uns mit den deutschen Protagonisten, die doch nicht zu den nationalsozialistischen Tätern gehören, identifizieren können. Aber man kann Rothmann schwerlich vorwerfen, dass er eben die Geschichten erzählt, die ihm von seinem Familienschicksal angetragen wurden. Von irgendeiner Leugnung oder Aufrechnung deutscher Schuld kann keine Rede sein. Rothmann schildert die Gräueltaten gewöhnlicher Deutscher mit erschütternder Klarheit, zeigt jedoch zugleich, wie sehr der Krieg auch die Deutschen dauerhaft beschädigte: »Wahrscheinlich sind Menschen, die einmal im Krieg waren, lebenslang im Krieg, und die einmal fliehen mussten, sind für immer wurzellos.«

Am Ende des Buches erfahren wir, wie die Gewalt, die Elisabeth auf ihrer Flucht erlebte, später ihr Verhalten ihrem eigenen Sohn gegenüber vergiftete, der jedoch, zum Schriftsteller geworden, immerhin schreibend den Kreislauf stummer, besinnungsloser Wiederholung durchbrechen kann. Der erlittene Schmerz lässt sich jedoch ebenso wenig rückgängig machen wie das verkehrte, vergeudete Leben. So sagen Ralf Rothmanns Romane, obwohl sie ganz ohne Moraltrompeterei auskommen, eines doch deutlich: Fluch über jeden, der einen Krieg entfesselt!

Ralf Rothmann: Die Nacht unterm Schnee. Suhrkamp, 304 S., geb., 24 €.

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