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»Es gibt keine Guten und Bösen in dieser Geschichte«

Die spanische Regisseurin Carla Simón über ihren Film »Alcarràs – Die letzte Ernte«, in dem sich eine Familie damit auseinandersetzen muss, dass ihre Pfirsichplantage Solaranlagen weichen soll

Die Bedrohung ihrer Plantage wirkt sich im Film auf jedes einzelne Mitglied der Großfamilie spezifisch aus.
Die Bedrohung ihrer Plantage wirkt sich im Film auf jedes einzelne Mitglied der Großfamilie spezifisch aus.

Wenn man Ihren Film sieht, möchte man sofort Pfirsiche essen. Wie haben Sie es geschafft, die katalanische Plantage in ein so warmes Licht zu tauchen und das Obst sinnlich erfahrbar zu machen?

Wir wollten die Landschaft aus der Perspektive der Charaktere, die dort leben und hart arbeiten, so real wie möglich porträtieren. Für sie ist die Landschaft nicht in erster Linie schön, sondern einfach da. Trotzdem hat der Ort mit den Bäumen voller Früchte einfach etwas Magisches. Wir verwendeten natürliches Licht, unsere Kamerafrau Daniela Cajías arbeitete viel mit Spiegeln, sodass sie auch im Haus das Sonnenlicht benutzen konnte.

Sie erzählen einerseits eine David-gegen-Goliath-Geschichte: Die Pfirsichplantage, die eine Großfamilie ernährt, ist bedroht. Doch der rechtmäßige Besitzer, der darauf Solaranlagen bauen will, passt nicht in das klassische Feindschema.

Ja, es war sehr wichtig für uns, dass es keine Guten und Bösen, kein Richtig oder Falsch in dieser Geschichte gibt. Aber es ist offensichtlich, dass wir uns mehr mit den Familien verbunden fühlen, die in dieser Landschaft leben und das Land weiter kultivieren wollen. Auf der anderen Seite wollte ich die Perspektive des Besitzers zeigen, der mit Solaranlagen etwas Gutes, das die Welt braucht, schaffen will, was ebenfalls seine Berechtigung hat. Auch in der Familie gehen alle anders mit der Situation um und treffen unterschiedliche Entscheidungen. 

Sie thematisieren, wie die Bauern in der Genossenschaft um faire Preise kämpfen. Ist »Alcarràs« ein antikapitalistischer Film?

Wir wollten nicht bewusst einen antikapitalistischen Film machen, sondern von familiären Beziehungen und dem Umgang mit Krisen erzählen. Aber tatsächlich war es uns wichtig, in drei oder vier Szenen allgemeiner davon zu erzählen, dass solche kleinen landwirtschaftlichen Familienbetriebe langsam verschwinden. Damit wurde der Film überraschenderweise politischer, als wir dachten. Das ist das Schöne, dass man eben auch, indem man eine so spezielle und intime Geschichte erzählt, über Politik reden kann.

Tatsächlich finde ich es sehr ungerecht, dass die Bauern aus Alcarràs für ein Kilo Pfirsiche 15 Cent bekommen, und im Geschäft zahlt man dafür drei Euro. Die Farmer fordern, dass die Regierung die Preise reguliert, aber das passiert nicht. Deshalb wollen sie, dass ihre Kinder einen anderen Beruf ergreifen.

Die Familie hatte den damaligen Großgrundbesitzer im Spanischen Bürgerkrieg versteckt und bekam zum Dank sein Land – allerdings nur per Handschlag, nicht auf dem Papier. Der Großvater singt immer noch gern ein Kampflied mit dem Refrain: »Fester Boden, geliebte Heimat«. Warum haben Sie diese historischen Bezüge eingebaut?

In dieser Region ist die Geschichte des Bürgerkriegs sehr präsent, sowohl in der Landschaft, in der viele Schlachten stattfanden und es noch heute viele Bunker gibt, als auch in der Erinnerung der Bewohner*innen. Es gab generell keine angemessene Aufarbeitung des Bürgerkriegs in Spanien. Daher kommt das Thema manchmal wie ein Trauma zurück. Das Lied, das der Großvater singt, ist ein von uns erfundener Mix aus ähnlichen traditionellen Songs der Region.

Wie kam es zu Ihrer Entscheidung, ausschließlich mit Laiendarsteller*innen aus der Region zu arbeiten? Wollten Sie dadurch den teils dokumentarischen, sozialrealistischen Charakter Ihres Films unterstreichen?

Nur die Figur Glòria, die in Barcelona lebt und die Familie besucht, wird von einer professionellen Schauspielerin gespielt, nämlich meiner Schwester. Die Laien, die ich engagiert habe, haben einen spezifischen katalanischen Dialekt, den nicht viele Schauspieler*innen beherrschen, und einen realen Bezug zu dieser Landschaft. Ich wollte, dass die Farmer im Film echte Farmer sind, das sieht man einfach an der Art, wie jemand auf den Traktor steigt oder Pfirsiche pflückt. Beim Casting haben wir sehr darauf geachtet, dass die Leute den Figuren aus dem Drehbuch ähneln, und das unterstützt den realistischen und dokumentarischen Charakter natürlich sehr.

Ursprünglich wollten wir sogar eine echte Familie casten, aber das hat nicht geklappt. So mussten wir eine neue Familie erschaffen. Dadurch sind die Darsteller*innen tatsächlich zusammengewachsen. Sie sprechen sich immer noch mit Mama, Papa, Großvater oder ihren Filmnamen an. 

Während viele Linke die Familie als kleinbürgerliches Konzept ablehnen, scheinen Sie ein neues Idealbild von der Verbundenheit einer Großfamilie zu zeichnen.

Für mich ist die Familie ein sicherer Ort, der immer da ist und an den man immer zurückgehen kann, auch wenn die Beziehungen komplex sind. In Spanien ist diese Verbundenheit noch sehr üblich, speziell wenn unterschiedliche Generationen unter einem Dach leben und die gleiche Arbeit teilen. Meine Onkel bauen weiter Pfirsiche an, während viele Familien wie die fiktive im Film aufgeben und das Land verlassen müssen. In meiner persönlichen Biografie hat Familie einen größeren Wert als für manch andere, weil ich meine Eltern als Kind verloren habe und mich die Familie des Bruders meiner Mutter adoptiert hat. Wir halten Familie für etwas Selbstverständliches, aber ich musste mir meine Familie neu erschaffen.

Wollten Sie die Hierarchien, die es auch in dieser Familie gibt, filmisch auflösen, indem Sie allen Mitgliedern gleichberechtigt eine Stimme verleihen?

Die Geschichte hätte sich auch um den Vater Quimet als Protagonisten zentrieren können, aber ich fühlte mich dem 45-jährigen Mann, der als Bauer arbeitet, nicht nah genug. Weil ich weiß, wie es ist, Teil einer großen Familie zu sein, sehnte ich mich danach, einen Ensemblefilm zu drehen und zu zeigen, wie sich eine Krise auf jede*n auswirkt und die Gefühle sich von einem Mitglied auf die anderen übertragen. Diese vielen Perspektiven zu zeigen, war eine große Herausforderung.

Sind Missverständnisse zwischen den Generationen und die begrenzte Fähigkeit zur offenen Kommunikation der Schlüssel zu den Problemen in dieser Familie?

Ja, dass man nicht offen miteinander über Gefühle redet, sehe ich in vielen Familien als großes Problem. Das war eine Prämisse für meinen Film. 

Bei Ihnen weinen auch die vermeintlich starken Männer, die Frauen lenken im Hintergrund. Inwieweit wollten Sie die traditionellen Geschlechterrollen aufzubrechen?

Gern hätte ich starke feministische Frauen im Film gehabt, aber die gibt es in dieser Region noch kaum. Auf dem Land verändert sich alles langsamer als in den Städten. Daher ist Glòria offener und stärker als die Frauen vom Land. Aber auch die Mutter Dolors setzt schließlich Grenzen. Die Geschlechterrollen existieren noch, aber sind nicht schwarz-weiß, auch sehr maskuline Männer können weinen, die Frauen weinen im Film dagegen nicht. Ich wollte trotz der starken Traditionen etwas Hoffnung machen.

»Alcarràs – Die letzte Ernte«: Spanien/Italien 2022. Regie: Carla Simón. Mit: Josep Abad, Xènia Roset. 120 Minuten, jetzt im Kino.

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