In Frankreich wird das Wasser knapp

Regierung ruft Notstand aus und setzt Krisenstab ein

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Loire hat wegen der Hitze so wenig Wasser, dass man sie an einigen Stellen zu Fuß durchqueren kann.
Die Loire hat wegen der Hitze so wenig Wasser, dass man sie an einigen Stellen zu Fuß durchqueren kann.

Der Klimawandel ist in diesem Jahr in Frankreich ganz besonders spürbar durch riesige Waldbrände und extremen Wassermangel. Nachdem seit Januar nur ein Viertel der gewöhnlichen Regenmenge gefallen ist und der diesjährige Juli der regenärmste war, seit es in Frankreich eine Wetterstatistik gibt, war diese über Monate anhaltende Trockenheit zusammen mit der gegenwärtigen Hitzeperiode wesentlich verantwortlich für eine zweite Welle großer Waldbrände.

Insgesamt sind dem Feuer in den vergangenen Wochen schon mehr als 58 000 Hektar Wald zum Opfer gefallen. Bei der Bekämpfung kommt erschwerend hinzu, dass diese Waldbrandkatastrophe mit einer rekordhohen Wassernot zusammenfällt. Sie ist so ernst, dass die Regierung erstmals einen nationalen »Wasser-Notstand« ausgerufen und einen Krisenstab eingesetzt hat. Der linke Parteienverbund NUPES fordert sogar, das »Grundrecht der Bürger auf Wasser« in der Verfassung zu verankern.

Wegen des knapp gewordenen Wassers mussten 93 der 96 Departements Frankreichs Verbrauchseinschränkungen erlassen. In mehr als 100 Kommunen des Landes darf das Leitungswasser nicht getrunken werden. Weil nicht genug sauberes Quell- oder Grundwasser vorhanden ist, wird Wasser in Flaschen verteilt.

Gewöhnlich kommen 62 Prozent des Trinkwassers in Frankreich aus den natürlichen Wasserläufen im Untergrund, doch derzeit ist der Grundwasserspiegel fast überall im Land deutlich niedriger als in früheren Jahren. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es im vergangenen Winter weniger geregnet und geschneit hat als gewöhnlich, sodass sich die natürlichen Grundwasserbestände nicht ausreichend auffüllen konnten. Daran dürften auch die möglicherweise in diesem Sommer noch anstehenden Gewitter nichts ändern, denn da die Erdoberfläche trocken und hart ist, lässt sie kaum Regenwasser durch. Die Folge: Stattdessen wird das Regenwasser vermutlich in Form von Sturzbächen und örtlichen Überschwemmungen abfließen.

Eine Verbesserung des Grundwasserspiegels ist erst zu erwarten, wenn es – vielleicht – im Herbst zu langanhaltendem Regen kommt. Um die Versorgungslage langfristig zu entspannen, müsste man mehr Anlagen zum Auffangen und Speichern von Regenwasser errichten. Damit mehr Regenwasser zum Grundwasser gelangen kann, ist es nötig, in großem Maßstab das »Zubetonieren« der Erdoberfläche rückgängig zu machen und durch Grünflächen zu ersetzen.

Doch da angesichts des Klimawandels und generell steigender Temperaturen damit zu rechnen ist, dass Wassermangel wie in diesem Sommer zur Normalität wird, müssen die Franzosen »ihre Gewohnheiten ändern«, mahnt Umweltminister Christophe Béchu. Gefordert seien alle drei Hauptverbraucher – Industrie, Landwirtschaft und Privathaushalte. Jeder Franzose verbraucht heute im Schnitt täglich 147 Liter. Alle privaten Haushalte zusammen verbrauchen damit 24 Prozent des verfügbaren Wassers. Um eine Limitierung oder das zeitweilige Abschalten zu verhindern, solle jeder Einzelne überlegen, wie er Verschwendung vermeiden kann, mahnen die Behörden.

Gleichzeitig gibt es aber auch Ungereimtheiten wie die vom Linksbündnis NUPES angeprangerten Ausnahmegenehmigungen für das Bewässern von Golfplätzen. NUPES und die Umweltverbände halten es trotz der Energiekrise für fragwürdig, dass fünf Kernkraftwerke im Süden des Landes ihr erhitztes Kühlwasser in die Flüsse zurückleiten dürfen, aus denen sie es entnommen haben, obwohl es dort durch die Temperatur und den verminderten Sauerstoffgehalt nachweislich verheerend für Flora und Fauna ist.

Fast alle Flüsse und Seen haben einen extrem niedrigen Wasserspiegel. Beispielsweise kann man die Loire an manchen Stellen zu Fuß durchqueren. Auch die vielen Bäche und kleinen Flüsse sind betroffen. Der Wassertourismus ist dort zumeist ganz eingestellt oder zumindest stark eingeschränkt.

Am stärksten von der Wassernot betroffen ist die Landwirtschaft. Die Äcker und Wiesen sind so trocken, dass bei vielen Kulturen bei der diesjährigen Ernte bestenfalls mit der Hälfte der sonst üblichen Erträge zu rechnen ist. Da die Kühe nicht wie gewohnt grasen können, müssen sie aus den Heuvorräten gefüttert werden, die eigentlich für den Winter bestimmt sind. Da das Futter nicht reichen wird, gehen mehr und mehr Bauern dazu über, einen Teil ihrer Milchkühe schlachten zu lassen.

In der öffentlichen Debatte wird immer wieder kritisch festgestellt, dass in Frankreich schätzungsweise 20 Prozent des Trinkwassers durch Lecks im Leitungssystem verloren gehen und dass weniger als ein Prozent der Abwässer aufbereitet werden, während es in Spanien 14 und in Italien acht Prozent sind. Doch vor allem in der Landwirtschaft hat aufbereitetes Brauchwasser eine große Zukunft. Experimente zeigen, dass man beispielsweise im Weinbau oder im Obst- und Gemüseanbau mit Brauchwasser, das durch Schwebstoff-Dekantierung, durch Filtern und durch Pflanzen-Becken auf natürliche Weise aufbereitet wurde und das dann den Kulturen über eine automatisierte Tropfen-Bewässerungsanlage zugeführt wird, sehr gute Ergebnisse erzielen kann.

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