Das Salz und die Algenblüte

Beim Fischsterben in der Oder bringen Wissenschaftler langsam Licht ins Dunkel

  • Von Steffen Schmidt
  • Lesedauer: 6 Min.
Ein toter Blei auf der Oder
Ein toter Blei auf der Oder

Eine Woche, nachdem im deutschen Abschnitt der Oder massenhaft tote Fische auftauchten, ist zumindest etwas mehr über mögliche Ursachen für das massive Fischsterben im deutsch-polnischen Grenzfluss bekannt. Sicher ist, dass Ende Juli zunächst in der Nähe der polnischen Stadt Olawa flussaufwärts von Wrocław (Breslau) erstmals größere Mengen verendeter Fische gefunden wurden. Am 9. August dann auch in Frankfurt an der Oder, wo der Fluss Deutschland erreicht. Insgesamt ist der Fluss auf einer Länge von etwa 500 Kilometern betroffen – mehr als die Hälfte seiner Länge. Allein in Polen sollen knapp 100 Tonnen tote Fische aus dem Wasser geholt worden sein. Angesichts der verstrichenen Zeit und der großen Zahl toter Fische fragt man sich natürlich, wieso noch immer unklar ist, was die Fische umgebracht hat. Zumal nach dem großen Chemieunfall in Basel 1986, der praktisch den ganzen Rhein mit Pestiziden verseuchte, EU-weite Regeln für solche Unfälle in Kraft gesetzt wurden. Doch offenbar ist diese Suche nicht so einfach, wenn, wie derzeit, die Quelle der tödlichen Verunreinigungen unbekannt ist.

Denn potenziell gefährliche Substanzen für Wasserlebewesen gibt es in großer Zahl. Von etwa 300 verschiedenen Substanzen, nach denen in polnischen und deutschen Labors gesucht wird, ist die Rede. Jörg Oehlmann, Ökotoxikologe an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, beschreibt das Vorgehen so: »Bezüglich der Suche nach einem Auslöser gibt es zwei mögliche Strategien. Die erste ist expositionsbasiert, das heißt, eine Suche nach der oder den auslösenden Substanz(en). Im Rahmen einer ›Target-Analytik‹ werden dabei standardmäßig bis zu mehreren Hundert Chemikalien in einer Wasserprobe quantifiziert. Das Risiko ist jedoch groß, dass angesichts von rund 350 000 Substanzen im weltweiten Gebrauch die verantwortliche Chemikalie dabei nicht abgedeckt ist.

Die zweite Strategie ist effektbasiert. Dabei werden die Vergiftungssymptome bei den verendeten Fischen und Wirbellosen analysiert und so die mögliche stoffliche Ursache identifiziert – analog zu einer forensisch-toxikologischen Analyse bei einem menschlichen Leichnam, für den ein Vergiftungsverdacht als Todesursache nicht ausgeschlossen werden kann.« Oehlmann betont allerdings, dass für beide Strategien »frische« Proben nötig sind, weil Verdachtssubstanzen möglicherweise schnell abgebaut und dann nicht mehr nachweisbar sind. Zudem sind Symptome an den toten Fischen nur eindeutig, wenn die Kadaver noch nicht verwest sind. All das ist im Falle der Oder nicht mehr der Fall. Denn die Ursachensuche scheint erst mit dem Auftauchen der toten Fische im deutschen Oder-Abschnitt begonnen zu haben.

Das Landeslabor Berlin-Brandenburg (LLBB) sowie weitere Labore fanden bei ihren Analysen bisher keine eindeutigen Belege für eine singuläre Ursache für das Fischsterben in der Oder, teilte die Pressestelle des Brandenburgischen Umweltministeriums auf Anfrage mit. So seien keine auffällig hohen Messwerte für problematische Metalle gefunden worden, auch organische Verbindungen hätten keine toxischen Werte erreicht. Die Quecksilberkonzentrationen in Fischen aus der Oder liegen bereits seit Jahren sehr hoch, sind jetzt aber auch nicht noch höher.

Allerdings zeigten die Kurven der automatischen Messstelle Frankfurt (Oder) bereits kurz vor dem Auftauchen toter Fische einen rapiden Anstieg der Leitfähigkeit des Wassers – ein Indiz für erhöhte Konzentration von Salzen. Da diesem Anstieg direkt ein Rückgang der Nitratkonzentration und ein Ansteigen des pH-Wertes sowie des Sauerstoffgehalts – auf bis zu 160 Prozent der Sättigung (!) – folgte, spricht alles für ein massives Algenwachstum. Der Gewässerökologe Martin Pusch vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin verweist darauf, dass sich die Algenfracht bei Frankfurt innerhalb von zwei Tagen etwa verzehnfacht hat. Algen produzieren am Tage große Mengen Sauerstoff und nehmen dabei Nitrate als Nährstoffe auf. Der pH-Wert und die Messwerte für Leitfähigkeit und Sauerstoff blieben über eine Woche so überhöht. Für Pusch ist das ein starkes Indiz dafür, dass die Einleitungen flussaufwärts über einen längeren Zeitraum erfolgt sein müssen.

Allerdings würde eine normale Algenblüte in einem Fließgewässer die Fische nicht umbringen – schließlich ernähren sich etliche Fischarten vom pflanzlichen Plankton. Es gibt allerdings einige Blaualgen (eigentlich Cyanobakterien) und andere Algenarten, die giftige Substanzen produzieren.

Zusammen mit dem Landesamt für Umwelt Brandenburg verfolgt das IGB die Spur eines starken Gifts, das von der Algenart Prymnesium parvum gebildet werden kann. Die Forscher wiesen eine Alge dieser Gattung massenhaft in Wasserproben aus der Oder nach. Das wurde nach Angaben der polnischen Umweltministerin Anna Moskwa auch vom polnischen Institut für Binnenfischerei in Olsztyn bestätigt.

Da diese Algenart gewöhnlich in Brackwasser zu Hause ist, kann sie sich in der Oder nur wegen einer erhöhten Salzkonzentration vermehrt haben. Insofern ist die Algenblüte von Prymnesium parvum kein natürliches Phänomen, sondern ein menschengemachtes Problem. Das würde zu polnischen Medienberichten passen, wonach der polnische Bergbaukonzern KGHM bei Głogów (Glogau) ein 14 Quadratkilometer großes Klärbecken unterhält, aus dem zwischen dem 29. Juli und dem 10. August große Mengen salziges Wasser in die Oder abgeleitet wurde. In dem Klärbecken könnte die giftige Brackwasseralge schon länger gewachsen und nun eben mit dem Salz in die Oder gelangt sein.

Pusch macht allerdings auf ein zweites Problem aufmerksam: »Zur Verschmutzungswelle aus dem oberschlesischen Industrierevier kommt noch Quecksilber aus seit langem bekannten industriellen Altlasten in den Oder-Sedimenten. Die wurden vermutlich bei den Baggerarbeiten freigesetzt, die am polnischen Oder-Ufer zum vergrößerten Neubau der Buhnen laufen.«

Derartige Altlasten dürften erheblich sein. Denn der Lauf der Oder zieht sich zwischen Ostrava in Tschechien bis zur deutschen Grenze durch ein Industriegebiet, das über mehr als 150 Jahre von Kohlebergbau, Stahl-, Textil- und Chemieindustrie geprägt war. Die Abwässer dieser Industrien flossen bis vor wenigen Jahrzehnten weitgehend ungeklärt in den Fluss. Auch die inzwischen überwiegend stillgelegten Kohlebergwerke in Oberschlesien und Mähren stellen immer noch eine Umweltgefahr dar, wenn sie jetzt geflutet werden. Denn das Wasser ist mit verschiedensten Stoffen aus den Bergwerken belastet.

Der Ökotoxikologe Oelmann verweist auf einen Kaskadeneffekt bei giftigen Algenblüten. »Die Algenblüte und die Freisetzung erster Toxine führen zum Tod empfindlicher Arten und der Bildung von Ammonium im Zuge der Zersetzung beziehungsweise Verwesung der Kadaver«, erläutert er. Als Folge der Algenblüte steigt auch der pH-Wert und das pH-abhängige Gleichgewicht von Ammonium (geringe Toxizität) zu Ammoniak (sehr hohe Toxizität) wird zugunsten des Ammoniaks verschoben, sodass weitere Arten absterben und am Ende das gesamte System ›kippt‹.»

Oehlmann verweist auf die Erfahrungen der Sandoz-Katastrophe im Rhein 1986 und der Baia-Mare-Katastrophe an Theiß und Donau im Jahr 2000. Danach sollten die Effekte auf den Hauptstrom beschränkt bleiben und nach dem Abklingen der Effekte eine sukzessive Wiederbesiedlung aus den Nebenflüssen und aus dem Ober- und Unterlauf erfolgen. Allerdings sei weder klar, wie schnell das geht, noch wie sich dabei die Artenzusammensetzung verändert. So dominieren heute im Rhein bei Mainz gebietsfremde Arten, die nach der Sandoz-Katastrophe den weitgehend konkurrenzfreien Lebensraum übernahmen.

Rita Triebskorn von der Universität Tübingen sieht ohnehin nicht einen Faktor allein am Werk: «Ganz grundsätzlich ist der Allgemein- und Gesundheitszustand der Fische in unseren Gewässern in den meisten Fällen schlecht. Die Tiere werden kontinuierlich durch einen Chemikaliencocktail belastet, der sie zwar nicht umbringt, aber ihre Vitalität negativ beeinflusst.» Kommen dann wie derzeit noch hohe Temperaturen, Niedrigwasser und sonst vielleicht gerade noch tolerierbare Schadstoffeinleitungen dazu, läuft das Fass eben über.

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