Dangerously in Love

Immer häufiger sprechen prominente Hetero-Frauen über Missbrauch in Beziehungen – dafür kassieren sie auch Hass

Die ehemaligen Eheleute Amber Heard und Johnny Depp lieferten sich einen jahrelangen Rosenkrieg.
Die ehemaligen Eheleute Amber Heard und Johnny Depp lieferten sich einen jahrelangen Rosenkrieg.

Die Zeiten, in denen prominente Frauen sich bedeckt gehalten haben, wenn es um das problematische oder missbräuchliche Verhalten ihrer prominenten Ex-Partner ging, sind offiziell vorbei. Häusliche und psychische Gewalt, massive verbale oder gar körperliche Wutausbrüche, problematische Altersunterschiede in der Beziehung, Gaslighting: In den vergangenen Monaten haben so einige berühmte weibliche Stars auf verschiedene Arten und Weisen bekannt gemacht, in was für Schrott-Liaisons sie so unterwegs waren. Gut aufgenommen wird das natürlich nicht von allen Seiten. Oft gilt immer noch das Credo: Wer im Nachhinein den oder die Verflossene zum Arschloch erklärt, muss selbst das viel größere Arschloch sein. Und Frauen, die teilweise auch lange nach dem Ende einer Beziehung betonen, dass sie in einer Situation waren, die nicht okay war, haben nicht mehr alle Latten am Zaun – und gehören für so viel Unverschämtheit am besten bestraft.

Auf sehr spektakuläre Weise hat das natürlich der unfassbare mediale Hass gegen die US-Schauspielerin Amber Heard gezeigt. Von April bis Mai stand sie mit Johnny Depp wegen gegenseitigen Diffamierungsvorwürfen im US-amerikanischen Virginia vor Gericht – und war dabei einem medialen Wirbel ausgesetzt, der so bizarr wie beispiellos war. Menschen, die sich sonst nicht die Bohne für Hollywood-Romanzen geschweige denn häusliche Gewalt interessiert haben, inszenierten sich bei TikTok und Co. millionenfach zu noblen Supportern des armen geschassten Depps. Als hätte die #metoo-Bewegung nie stattgefunden, diente der Fall Heard versus Depp als Projektionsfläche für allerlei unterdrückte Frauenhass- und Cancel-Culture-Mythen. Und noch bevor der Prozess zu Ende war, wurde im Netz spekuliert, dass in Zukunft andere Hollywood-Damen ähnliche Prozeduren im Rahmen eines Verleumdungsprozesses vor Gericht durchmachen könnten. Allen voran wurden genannt: Evan Rachel Wood und Angelina Jolie.

Evan Rachel Wood feierte vor einigen Wochen die Premiere ihrer Dokumentation »Phoenix Rising«, in der sie den jahrelangen Missbrauch durch ihren Ex-Partner Marilyn Manson sowie ihren Aktivismus gegen häusliche Gewalt thematisierte. Manson hatte bereits im März 2022 Wood wegen Verleumdung verklagt, nachdem sie Missbrauchsvorwürfe gegen ihn erhoben hatte – mit der Ansage, sich gegen Falschbeschuldigungen zu wehren.

Und was Angelina Jolie betrifft, gelangten kürzlich alte FBI-Akten an die Öffentlichkeit. Es ging um den berühmt-berüchtigten Flugzeug-Vorfall von 2016 zwischen ihr, Ex-Ehemann Brad Pitt und den gemeinsamen Kindern – der letzten Endes zur Scheidung des einstigen Traumpaares führte.

In den vergangenen Jahren wurde medial nur sehr bedeckt und nebulös über Pitts Ausraster an Bord spekuliert. Er habe während des Flugs irgendwie eines der gemeinsamen Kinder angegangen, hieß es. Was auch so interpretieren werden konnte, als habe er sich bei einer erzieherischen Predigt ein bisschen im Ton vergriffen. Dass es natürlich weitaus unangenehmer war, kann man nun öffentlich nachlesen. Pitt habe Angelina Jolie körperlich angegangen, Bier über sie verschüttet, die Kinder beschimpft und so viel Rotwein im Flugzeug verspritzt, dass es 25.000 Euro kostete, die Schäden zu beseitigen. Kurzum: Pitt war am Ende wahrscheinlich doch nicht der geile Frauenversteher-Ehemann, für den ihn viele jahrelang gehalten haben, sondern auch ein Hanswurst mit Hang zu Alkohol und cholerischen Wutausbrüchen.

Man kann es natürlich zum unwichtigen Gossip im Prominenz-Zirkus herunterstilisieren, wenn privilegierte bekannte Frauen über ihre Gewalterfahrungen in Partnerschaften sprechen und auch nicht davor zurückschrecken, das »Outing« des Ex als problematisch in Kauf zu nehmen. Taylor Swift und Demi Lovato etwa haben in ihren Songs »All Too Well« und »29« große Altersunterschiede in Liebesbeziehungen und die damit verbundenen ungleichen Macht- und Konsensstrukturen in Romanzen besungen – und damit unverhohlen auf ihre vergangenen Beziehungen zu Jake Gyllenhaal (Swift) und Wilmer Valderrama (Lovato) verwiesen. Vor allem Swift bekam für ihren Song auf den Deckel – vor allem, als sie 2021 nochmal eine 10-Minuten-Version von »All Too Well« auf den Markt schmiss, obwohl die Gyllenhaal-Romanze schon Jahre zurückliegt. »Ob man es nicht mal gut sein lassen könnte«, hagelte es vonseiten der Swift-Kritiker, die Gyllenhaal verteidigten, während andere betonten, wie wichtig es sei, auf das schwierige Geschmäckle hinzuweisen, das besteht, wenn erwachsene Männer kaum ausgewachsene Teenager daten.

Die Reaktionen zeigen oft, dass es nach wie vor ein Tabu ist, private Liebesbeziehungen im Nachhinein zum Desaster zu erklären. Gesellschaften sind in weiten Teilen immer noch nicht bereit, über Beziehungsgewalt zu sprechen, die die Täter*innen nicht direkt ins Gefängnis und die Opfer nicht ins Krankenhaus oder Grab bringen. Wenn dann auch noch Frauen, die selbst erfolgreich, machtvoll und berühmt sind, zum Opfer werden, dann ist zudem auch schnell geurteilt: selber blöd, selber schuld.

Dabei zeigen alle möglichen Statistiken, dass heterosexuelle Beziehungen für Frauen nicht nur eine Erfüllung, sondern im Gegenteil sehr gefährlich sind. In Deutschland sind rund 35 Prozent aller Frauen mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexueller Gewalt betroffen. Und 81 Prozent der Beziehungsgewalt betrifft Frauen. Klar, die #metoo-Bewegung hat in den letzten Jahren viel dazu beigetragen, dass offener über alle möglichen Formen von Gewalt gegen Frauen gesprochen werden konnte. Nach wie vor aber scheint die Erwartungshaltung verbreitet zu sein, dass der private Bereich hier diskret behandelt und weitestgehend ausgespart werden sollte. Wenn prominente Frauen die herumwandelnden gewalttätigen und übergriffigen Protagonisten einer Industrie (Harvey Weinstein), die teilweise wahllos Frauen angreifen, anprangern – dann ist die Solidarität groß. Wenn jedoch toxische und problematische Nuancen einer prominenten Privatbeziehung ans Licht der Öffentlichkeit dringen, laufen die Frauen Gefahr, entweder von der Öffentlichkeit als depperte Lachnummer (Heard) oder von ihren Ex-Partnern und deren Fan-Gemeinde perfide und böswillige Intrigantin (Wood, Jolie) gebrandmarkt zu werden.

Gerade was die private Keimzelle Paarbeziehung betrifft, sind wir immer noch weit davon entfernt, Opfer ernstzunehmen und Täter*innen zur Verantwortung zu ziehen. Und genau deswegen müssen wir den Mut von Frauen, die sich trauen, über ihre Erfahrungen auch im Bereich intimer Verbandelungen zu sprechen, als das würdigen, was er ist: ein Schritt in Richtung Kulturwandel.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal