»Der Laden ist wie New York, bevor das Internet kam«

Imad Khachan lebt seit fast drei Jahrzehnten in den USA. Ein Gespräch über das Aufwachsen im Libanon, den 11. September und seine Leidenschaft Schach

  • Von Isabella Caldart
  • Lesedauer: 12 Min.
Das Chess Forum von Inhaber Imad Khachan ist längst zu einer traditionsreichen Institution im New Yorker Stadtteil Greenwich Village geworden.
Das Chess Forum von Inhaber Imad Khachan ist längst zu einer traditionsreichen Institution im New Yorker Stadtteil Greenwich Village geworden.

Das Chess Forum im legendären Greenwich Village zu betreten ist wie in eine andere Zeit einzutauchen. Als die Mieten in New York noch bezahlbar waren, bevor die massive Gentrifizierung anfing, der Stadt langsam ihre Seele zu rauben. Sein Schachgeschäft, in dem man sowohl Schachbretter und -figuren erwerben als auch Schachpartien spielen kann, hat Inhaber Imad Khachan seit den 1990er-Jahren nicht verändert. Das Chess Forum hat ausgetretene Holzdielen, Fotos an der Wand, in Glasvitrinen und auf Tischen sind verschiedene Schachsets mit teilweise ungewöhnlichen und sehr hochwertigen Figuren ausgestellt, und für maximal fünf Dollar die Stunde können Schachfans bis Mitternacht an Tischen im hinteren Bereich des Ladens spielen – manchmal auch länger.

Während des Interviews, das mehrere Stunden dauert, betreten einige Obdachlose das Geschäft, weil Khachan sie die Toilette nutzen lässt, und auch nach Ladenschluss lädt er Menschen im Viertel auf Pizzastücke und Getränke ein. Sie alle kennen ihn, und er kennt die Nachtschwärmer. Mehrere Besucher*innen schwärmen von dem Laden; ein Kunde, der aus San Francisco stammt und zum ersten Mal seit der Pandemie wieder in New York ist, umarmt den Inhaber und sagt enthusiastisch: »It’s a rare corner in the universe!« Imad Khachan bleibt dabei immer sanft, ist zu allen freundlich und spricht mit ihnen, vergisst aber auch nie, seinen Faden im Interview wieder aufzunehmen.

Sie haben das Chess Forum vor 27 Jahren eröffnet und leiten es heute noch. Welche Bedeutung hat Schach für Sie?

Es gibt dieses Sprichwort, das sagt, Schach sei wie das Leben. Ich bin aus einem Kriegsland namens Libanon hierhergekommen und habe vom amerikanischen Volk Liebe, Unterstützung und Mitgefühl erfahren. Dieser Laden ist mein Dankeschön an Amerika. Es ist kein besonders erfolgreiches Geschäft, vor allem zu Zeiten des Internets. Aber es ist eine Gemeinschaft, in der Kinder umsonst spielen und Senioren einen Ort haben, an dem sie sich bei heißem wie kaltem Wetter für einen Dollar die Stunde aufhalten können – wenn sie das Geld haben. Und wenn sie es nicht haben, ist das auch keine große Sache.

Was genau meinen Sie damit, Schach sei wie das Leben?

Um beim Beispiel des Schachbretts zu bleiben: Ich glaube, dass Schach als ein Weg genutzt werden kann, um Menschen intelligenter zu machen. Das geht über das Geld, das man damit verdienen kann, oder über berufliche Anerkennung hinaus. Man lernt wichtige Lektionen wie Gerechtigkeit. Anatoli Karpow (Schachweltmeister von 1975 bis 1985, Anm. d. Red.) sagte, Schach sei Wissenschaft, Kunst und Sport. Man muss die Präzision eines Chirurgen haben; die Züge beim Schach zu spielen hat nichts Zufälliges. Wenn du zu uns kommst, um das Spiel zu lernen, ist Mr Rahim (er deutet auf den Mann hinter der Theke) der Schachlehrer. Doch es geht um viel mehr als das bloße Spiel. Denn die Denkprozesse beim Schach haben auch eine gewisse Relevanz für die Gesellschaft. Was ich damit meine? Es ist sehr wichtig, was auf dem Brett passiert. Schließlich entscheidet sich dort, wie man gewinnt. Viel interessanter ist aber, wie du danach mit deinem Sieg oder deiner Niederlage umgehst.

Wer hat Ihnen denn das Schachspielen beigebracht?

Mein Vater. Wobei er mir das Spielen nicht direkt beigebracht hat. Gelernt habe ich es, indem ich ihm zugeschaut habe. Wir lebten damals in einem kleinen Haus am Rande eines Flüchtlingscamps bei Baalbek, im Osten des Landes. Im Camp gab es sowohl Bildung als auch medizinische Versorgung. Während des Krieges war es sehr gefährlich, sich auf der Straße aufzuhalten. Aber ein Freund meines Vaters, der Lehrer war, kam nach dem Unterricht immer zu uns, mit einem Schachbrett unter dem Arm. Die Menschen fühlten sich wie Gefangene, weil sie in ihren Häusern festsaßen und richtiggehend verrückt wurden. Stellen Sie sich das über Jahre hinweg vor, weil Krieg ist. Man konnte nur auf eigene Gefahr hinausgehen, was vor allem im Winter hart war, wenn es um zwei, drei Uhr schon dunkel wurde und die Schüsse und Explosionen losgingen. Die Leute haben ihr Leben riskiert. Oft ist die Elektrizität ausgefallen, und es gab niemanden, der sie reparieren konnte, weil überall Scharfschützen waren. Wir hielten uns in Räumen auf, die keine richtigen Schutzräume waren, sondern einfache Keller. Mit Taschenlampen und Wasser haben wir da Stunden oder Tage verbracht, wir wussten ja nie, wann der Beschuss wieder aufhört. Und wenn man stundenlang im Haus bei Kerzenlicht sitzt, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass irgendwann das Schachbrett ausgepackt wird. Als Kinder haben wir fasziniert zugeschaut, wie die Leute Karten gespielt haben, eine Partie Backgammon oder eben Schach. Die Menschen kamen aus allen möglichen Gegenden des Landes in die Flüchtlingscamps. Und mit ihnen kam auch eine große Anzahl an verschiedenen Spielern, Niveaus und Fähigkeiten.

Was hat Sie an einem so fernen Land wie den USA fasziniert?

Wir alle fühlten uns amerikanisch, da wir im Libanon mit amerikanischen Cartoons, Fernsehserien und Filmen aufgewachsen sind, die wir mit Untertiteln gesehen haben. Das heißt, wir hörten die Sprache. Ich erinnere mich daran, wie ich in der dritten oder vierten Klasse meinen allerersten Satz im Fernsehen auf Englisch verstanden habe, ohne ihn gleichzeitig lesen zu müssen. Ich habe einen Cartoon geschaut, in dem ein Jäger Jagd auf Bären macht, die sich verstecken. Der Jäger erschießt dann einen Kanarienvogel, und die Bären sagen genau das zueinander: Er hat den Kanarienvogel erschossen! Diesen Satz zu verstehen fühlte sich für mich an, als wäre ich auf dem Mond gelandet. Ein paar Jahre später kam eine amerikanische Delegation zur Unterstützung von Menschen in den Flüchtlingscamps, das war vielleicht 1975 oder 1976. Ich habe nicht nur mit ihnen gesprochen und für sie übersetzt, ich habe sie auch zum Lachen gebracht. Für mich ist das bis zum heutigen Tag noch der Test: Wenn man in einer Sprache so kommunizieren kann, dass man die Menschen zum Lachen bringt, dann beherrscht man sie.

Wann und warum sind Sie nach New York gekommen?

Das war 1987. Ich habe ein Stipendium an der NYU (New York University mit Campus im Greenwich Village, Anm. d. Red.) bekommen. Ich wollte amerikanische Literatur studieren und die Uni hatte ein gutes Institut mit guten Dozenten. Also habe ich meinen Master gemacht. Aber aus einer Mischung aus Auf-Nummer-sicher-Gehen – wegen der Fortsetzung des Stipendiums – und Heimweh bin ich dann zum Middle-East-Institut gewechselt. Dort machte ich einen weiteren Master in vergleichender Theologie und Religionswissenschaft über die jüdisch-christlichen Wurzeln des Islams, um das zu studieren, was die Religionen gemeinsam haben. Wenn man jung ist und idealistisch, glaubt man, dass es das ist, was in der Gleichung für den Weltfrieden fehlt. Danach habe ich mit meinem Doktor begonnen und das Geschäft eröffnet.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, die Uni zu verlassen?

Ich kam nicht mit beidem gleichzeitig zurecht. Ich habe studiert, 1995 aber auch den Laden aufgemacht, weil ich ein Einkommen brauchte. In anderen Ländern wie in Europa ist Bildung kostenlos, was einem eine enorme Last von den Schultern nimmt. Wenn man jünger ist, ist man törichter, mutiger oder optimistischer. Ich war davon überzeugt, ich könnte beides nebeneinander machen. Im Jahr darauf bekam ich dann die letzte Mahnung vom Institut, dass ich Nachweise meines Studiums einreichen müsste oder mir das Stipendium entzogen würde.

Und Sie wollten lieber den Schachladen führen.

Das, was ich machen wollte, war bei meinem Hintergrund nie das Thema. Diesen Luxus, in einer Welt mit einem Meer von Wahlmöglichkeiten zu leben, hatte ich nicht. Ich musste vorankommen. Also habe ich mich für das Geschäft entschieden. Die Geschichte, warum ich ausgerechnet dieses Ladenlokal gewählt habe, ist witzig und albern.

Erzählen Sie!

Wenn Sie sich umschauen, sehen Sie, dass das Geschäft eine L-Form hat, also können Leute hinten spielen (im längeren Teil des L, Anm. d. Red.), während wir vorne die Schachspiele verkaufen. Aber das ist nicht der einzige Grund. Diese Form ist auch der Spielzug, wie der Springer sich bewegt. Ich muss leider zugeben, dass das der ausschlaggebende Grund war. Ich habe das als eine Art Zeichen von Gott gesehen. Ich bin mit einer Freundin hier vorbeigelaufen, habe durch das Fenster geschaut und zu ihr gemeint: Wow, das sieht aus wie ein L! Die Vermieterin war sehr freundlich, sehr amerikanisch. Sie dachte, wir wären ein junges Paar, das versucht, sich gemeinsam ein Leben aufzubauen. Und obwohl sie von anderen Interessenten mehr Geld bekommen hätte, wollte sie uns. Ich war etwa 29 Jahre alt, stand vor ihr und hatte ganz offensichtlich keinen Schimmer davon, worauf ich mich da einlasse. Aber sie meinte: Klar, wir machen das. So etwas gab es damals noch.

Auf Ihrer Website betonen Sie, ein Besuch des Chess Forums sei wie das New York des vergangenen Jahrhunderts zu besuchen. Was genau meinen Sie damit und warum ist das wichtig für Sie?

Das Geschäft ist noch genau so, wie es 1995 aussah. Es ist schon witzig, man wird älter und bemerkt das gar nicht. Und dann kommen jüngere Leute, die jetzt in der Highschool sind oder so, und die sagen: Oh, hier sieht es ja aus wie bei meinem Großvater (lacht). Der Laden ist wie New York, bevor das Internet kam. Das Internet und später die Einführung des Smartphones haben viele Geschäfte im Greenwich Village vernichtet, weil die Leute vermehrt online einkaufen. Auch Schach kann man ja schon lange im Netz spielen. Früher hatten wir rund um die Uhr geöffnet, und die Leute kamen aus Brooklyn, aus Queens, aus New Jersey. Es war ein bisschen wie in der Serie »Friends«. Statt nach der Arbeit ins Café zu gehen, kamen die Leute hierher, sogar bei Blizzards. Es kümmerte keinen, woher du kommst, welche Religion du hast oder wie viel Geld auf deinem Konto ist. Du sprichst kein Englisch? Egal, wir spielen. Viele blieben die ganze Nacht über. Es war eine andere Welt. Ich hatte damals nie geschlossen, nicht einmal am 11. September.

Nicht einmal am 11. September?

In Anbetracht der Umstände erschien es mir vermessen, den Laden offen zu lassen. Aber dann hörte ich ein Klopfen an meiner Tür (Khachan wohnt direkt neben dem Chess Forum, Anm. d. Red.). An dem Tag wusste natürlich niemand wirklich, was passiert war. Ich erinnere mich daran, dass ich einen kleinen alten Schwarz-Weiß-Fernseher besaß, den ich in den Laden mitnahm, damit wir die Nachrichten verfolgen konnten. Es war ein beängstigender Tag. Aber vielen Besuchern war das egal, sie haben einfach gespielt. Schach macht süchtig, wissen Sie? Ich sage den Psychologiestudenten, die hier reinkommen, immer, dass sie das mal erforschen sollen. Ich sage ihnen: Da gibt es ein Thema ohne jegliche Konkurrenz, über das man eine Doktorarbeit schreiben könnte. Du wärst der Pionier auf diesem Feld! Ich habe an der Schachsucht Existenzen zugrunde gehen sehen, Leute, die gefeuert wurden, sich scheiden ließen oder sogar obdachlos wurden. Ihnen wird alles andere egal. Sie interessieren sich nur für das Spiel. Es gibt Hilfsgruppen für Alkoholiker, Drogenabhängige und Spielsüchtige, aber nicht für Schachsüchtige.

Wie haben Sie die Zeit nach den Anschlägen erlebt?

Ich bin nach dem Kollaps der Gebäude jeden Tag hingegangen, um als Freiwilliger zu helfen. Ich habe den Laden um Mitternacht zugemacht und bin bis mittags geblieben. An einem Tag kam der damalige Gouverneur von New York, George Pataki, um eine große Rede vor den Arbeitern und Freiwilligen zu halten. Ich war ebenfalls da und ziemlich nervös, weil ich beschlossen hatte, etwas zu ihm zu sagen. Ich bin seinem Bodyguard zwar aufgefallen, aber er dachte sich wohl, dass ich keine Gefahr darstellte, weil ich Jeans und ein T-Shirt anhatte, nichts anderes bei mir trug und nicht groß bin. Als Pataki seine Rede beendet hatte, habe ich ihn angesprochen. Ich sagte zu ihm: In den Nachrichten heißt es, es wären Araber, die diese Anschläge durchgeführt haben. Als ein Araber möchte ich Ihnen sagen, dass ich an Ihrer Seite stehe. Mit welchen Möglichkeiten auch immer, diese Gebäude werden wieder hochgezogen. Wenn ich daran denke, was er mir antwortete, kommen mir manchmal noch die Tränen. Er sagte: »Wir sind alle Amerikaner.« Und dann hat er mich umarmt. Dieser Ausschnitt war wohl auf CNN zu sehen, wie mir einer der Spieler im Chess Forum später erzählt hat. Die ersten Tage nach dem 11. September waren die schlimmsten, da haben mir Leute auf der Straße böse Blicke zugeworfen. Aber das war alles. Weder beim ersten Anschlag auf das World Trade Center 1993 noch 2001 oder beim Irakkrieg: Ich wurde hier nie wie ein Außenseiter oder Fremder behandelt.

Besuchen Sie manchmal noch den Libanon?

Nein, ich bin damit durch. Das ist nicht meins. Jeder muss dort zuerst wissen, welche Religion du hast. Und wenn sie deine Religion kennen, müssen sie wissen, welcher Glaubensrichtung genau du angehörst. Warum? Damit sie wissen, was sie sagen dürfen – und was nicht. Du bist also schon vorverurteilt, obwohl du gar nichts getan hast: Es wurde bereits entschieden, ob du gut oder schlecht bist. Man trägt dadurch ungewollt ein Stigma und befindet sich in der Defensive, jede Gruppe bleibt untereinander. Hier hingegen arbeitet man und wird geschätzt, Arbeitsmoral und Bescheidenheit sind wichtig. Das ist, was Amerika aufgebaut hat. Korruption gibt es überall, aber der Unterschied zwischen hier und einem Land wie dem Libanon ist, dass du hier erwischt und bestraft wirst. Im Libanon wirst du befördert. Es existiert dieses amerikanische Sprichwort: »Put your money where your mouth is.« Im Nahen Osten ist vieles nur Geschwätz, während es in Amerika heißt: Wenn du so predigst, dann gib auch dein Geld aus. Amerikanische Philosophie ist Pragmatismus. Ich habe vorhin gesagt, dass die Leute inzwischen online einkaufen, weil die Sachen da günstiger sind. Aber viele geben sich auch bewusst Mühe. Die New Yorker kümmern sich wirklich um die Geschäfte in ihrem Viertel, vielleicht mehr als in anderen Städten. Das politische, kulturelle und soziale Bewusstsein spielt hier eine große Rolle. New Yorker sagen immer: Du bist nicht in Amerika, du bist in New York.

Also denken Sie, dass das Chess Forum in zehn oder zwanzig Jahren in der Form noch existiert?

Fragen Sie mich das nächsten Monat noch mal. Und dann den Monat darauf. Man weiß es nie. Aber: Die Menschen haben große Erwartungen an New York City, und wenn man hierherkommt, werden sie erfüllt. Zumindest für mich war das so. Ich will nicht reich oder berühmt sein. Ich bin einfach so glücklich.

Die Recherchen wurden teilweise durch ein Stipendium des Programms Neustart Kultur der VG Wort ermöglicht.

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