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Eine bewusste Eskalation

Die Schiedsrichter der Basketball-EM stehen in der Kritik. Dabei sind sie nur Sündenbock in einem Funktionärsstreit

Auch Deutschlands Teamkapitän Dennis Schröder (l.) meckerte häufig über die Entscheidungen der Schiedsrichter dieser Basketball-EM.
Auch Deutschlands Teamkapitän Dennis Schröder (l.) meckerte häufig über die Entscheidungen der Schiedsrichter dieser Basketball-EM.

Natürlich blafft Luka Dončić auch in diesem Moment den Schiedsrichter an. Egal, ob er pfeift oder nicht – nach jeder Situation, in die Sloweniens Basketball-Superstar involviert ist, gehen sein erster Blick und Worte der Kritik in Richtung des Unparteiischen. Als Dončić im EM-Viertelfinale gegen Polen drei Minuten vor Spielende ein weiteres Foul angekreidet bekommt, ist das nicht anders. Diesmal aber ist es sein fünftes, er wird damit disqualifiziert und kann seinem Team nicht mehr helfen, den Sensationssieg der Polen gegen die Titelverteidiger noch zu verhindern. Dončić nimmt Platz auf der Bank und zertrümmert sogleich eine Plastik-Wasserflasche. Nach dem Griechen Giannis Antetokounmpo ist er am Mittwochabend der zweite NBA-Star, den das Turnier binnen zwei Tagen verliert, und das auch noch unrühmlich nach Disqualifikationen durch die Schiedsrichter. So ist die Diskussion um die Referees auch bei der K.o.-Runde in Berlin wieder voll im Gange. Dabei ist es nur eine Stellvertreterdebatte, die auf dem Rücken der Schiedsrichter ausgetragen wird.

Ihr Ursprung liegt inzwischen mehr als sechs Jahre zurück. Anfang 2016 führte die Fiba sogenannte Länderspielfenster ein. Der Basketballweltverband verdient nur Geld mit Nationalmannschaftsturnieren. Bis dahin waren die Termine dafür und entsprechende Qualifikationen auf den Sommer beschränkt, während von Herbst bis Frühjahr Basketball reine Klubsache war: von der Bundesliga in Deutschland bis zur NBA in Nordamerika. Da auch der höchste und lukrativste Europapokalwettbewerb, die Euroleague, im Gegensatz zum Fußball von den Klubs selbst organisiert wird, verdient die Fiba auch daran nichts.

Also drückte der Verband die Länderspielfenster durch, um ganzjährig medial präsent zu sein und neue Umsätze zu generieren. Der Fußball hatte es vorgemacht, schließlich sind Klubs und Ligen hier verpflichtet, mitten in der Saison immer wieder zu pausieren und Spieler an die Nationalteams abzugeben, wenn zum Beispiel WM-Qualifikationsspiele anstehen. Im Basketball aber sperrten sich die Vereine. Mit der mächtigen NBA nahm es die Fiba gar nicht erst auf, doch nach diesem Beispiel stellte auch die Euroleague ihre Spieler nicht frei.

Die Fiba verfehlte somit ihr Ziel, mehr Aufmerksamkeit zu erlangen, fehlten den Nationalteams doch nun die besten Profis. Stattdessen rackern sich zweitklassige Spieler in Qualifikationen für Turniere ab, nur um für diese im Sommer dann nicht nominiert zu werden, wenn die Stars aus NBA und Euroleague endlich mitspielen dürfen. Ein Streit zwischen Funktionären von Verbänden und Profiligen wird somit seit Jahren auf dem Rücken der Spieler ausgetragen.

Dabei blieb bislang völlig unter dem Radar, dass es noch eine zweite Gruppe Leidtragender gibt: die Schiedsrichter. Weil die Fiba sauer war über die Verweigerungshaltung der Euroleague, verbot sie ihren Referees fortan, dort zu pfeifen. Seitdem müssen sich die Unparteiischen entscheiden: Wer im Alltag in den höchsten und lukrativsten Ligen pfeifen will, für den sind Europa- und Weltmeisterschaften ebenso ausgeschlossen wie ein Einsatz bei Olympia. »Du arbeitest die ganze Saison hart, zählst zu den Besten in Europa und plötzlich werden dir EM, WM und Olympia weggenommen«, fasst der ehemalige Fiba- und Euroleague-Schiedsrichter Benjamin Barth die Situation im Podcast »Got Nexxt« zusammen.

Der Hauptvorwurf gegen die EM-Schiedsrichter lautet, sie seien nur zweitklassig, machten daher zu viele Fehler. Wer hier pfeift, versichert Barth jedoch, habe sich jahrelang in einem anstrengenden Procedere hochgearbeitet. Zunächst müssten sich Schiedsrichter national bewähren, um der Fiba vorgeschlagen zu werden. »Dann dienst du dich wieder durch die vielen untersten Ligen des Europapokals hoch. Dazu musst du jeden Sommer die EM-Juniorenturniere machen: U16, U18, U20, männlich, weiblich. Da beobachten sie dich über zehn Tage am Stück«, so Barth, der auf mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung zurückblickt. »Wenn du dich gut darstellst, kommst du weiter nach oben: zur Champions League, U19-Weltmeisterschaften oder zur Universiade. Am Ende stehen Europa- und Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele.« Die Euroleague hingegen rekrutiert zumeist einfach nur die hervorstechendsten Fiba-Schiedsrichter.

Das hielt Frankreichs Trainer Vincent Collet nicht davon ab, nach einer Niederlage gegen Slowenien in der Vorrunde über die Unparteiischen herzuziehen: »Wir haben hier die besten Spieler und ein sehr hohes Niveau, und dann sieht man das. Basketball ist ein fantastisches Spiel, wenn es von den Spielern entschieden wird. So aber hatten wir keine Chance«, so Collet. Übrigens regte er sich vor allem darüber auf, dass die Referees ausgerechnet Luka Dončić zu viel durchgehen ließen. Wie man’s macht, macht man’s falsch.

Das Narrativ der unerfahrenen EM-Schiedsrichter ist jedenfalls falsch, das der vielen Fehler hingegen hat seine Berechtigung. Allerdings gibt es keine Garantie, dass Euroleague-Schiedsrichtern diese nicht auch unterlaufen wären. Luka Dončić jedenfalls ist kein guter Gradmesser, diskutiert er doch auch in der NBA regelmäßig mit den Referees. Selbst in der Euroleague tat er das bereits ausgiebig, als er diese 2018 mit Real Madrid im Alter von nur 19 Jahren gewann. »Luka braucht das einfach. Er ist sehr mitteilungsbedürftig und will das Feedback. Das ist seine Art der Kommunikation, und er ist da nicht der einzige«, berichtet Anne Panther im Podcast »Abteilung Basketball«. Sie ist schon seit vielen Jahren in der Bundesliga und der Euroleague aktiv. »Wir Schiedsrichter müssen dann entscheiden, ob wir darauf eingehen oder es ignorieren. Aber das ist Teil des Spiels.«

Die Pfiffe ihrer Kollegen, die im EM-Viertelfinale zu den Disqualifikationen von Dončić und Antetokounmpo geführt hatten, waren übrigens allesamt korrekt. Speziell den fünften und letzten gegen Dončić provoziert dieser als Angreifer selbst oft. Diesmal fiel nun der Slowene auf die Finte des Polen Mateusz Ponitka herein und beging ein klares Foul. So steckte im Frust des Slowenen wahrscheinlich ebenso viel Ärger über die Schiedsrichter wie über seine eigenen Fehler.

An anderer Stelle hatte es in der Vorrunde aber tatsächlich grobe Schnitzer gegeben. Die größten Aufreger waren 20 verschwundene Sekunden in der hitzigen Partie zwischen Georgien und der Türkei in Tbilissi sowie ein vergessener Freiwurf für Litauens Basketballer im Duell gegen das deutsche Team in Köln. Beide Male profitierten die Heimteams von den Fehlern, weshalb zum Vorwurf der Inkompetenz auch noch der der Manipulation hinzukam.

Auch diesmal trafen die Kritiker mit den Schiedsrichtern jedoch die falschen Adressaten, denn beide Male waren die Unregelmäßigkeiten eher Mitgliedern des Kampfgerichts am Anschreibetisch anzurechnen: Der Zeitnehmer in Tbilissi hatte während einer Prügelei auf dem Feld die Uhr einfach weiterlaufen lassen. In Köln hatte derweil der Anschreiber den fehlenden Freiwurf zunächst in den Spielbericht eingetragen, und der Technische Kommissar hatte diesen Fehler dann zu spät erkannt, obwohl er genau auf diese Dinge achten muss.

Die Kritik aber bekamen die Schiedsrichter ab. Ihr Kollege Benjamin Barth vermutet darin eine bewusste Eskalation des Streits zwischen Euroleague und Fiba: »In der Qualifikation ist nie etwas aufgefallen, obwohl da dieselben Schiedsrichter am Start waren. Jetzt aber redet man nicht mehr über fehlende Stars, also konzentriert man sich auf die Schiedsrichter. Und alle haben nur darauf gewartet: Manche Eurolegaue-Schiedsrichter, die nicht hindurften, sagen jetzt, die seien nicht so gut wie sie. Und die Spieler und Trainer regen sich beim ersten Fehler sofort auf, warum nicht die besten Referees da wären.«

Anne Panther ist keine jener Euroleague-Schiedsrichterinnen, die nun auf die Kollegen der Fiba eindrischt. Sie übt sich vielmehr in Solidarität, auch mit denjenigen im Kampfgericht: »Für jeden, der dort sitzt, ist das eine Riesen-Auszeichnung. Die haben auch jahrelang darauf hingearbeitet und sich auf das Turnier gefreut. Bei ganz viel Hektik kommen schon mal Fehler vor, die auch jedem von uns hätten passieren können. Den Vorwurf, den Leuten fehle die Qualität oder sie würden sogar manipulieren, finde ich falsch.«

Barth und Panther sind sich einig: Die Kritik an den Fiba-Schiedsrichtern ist bei allem verständlichen Ärger über menschliche Fehler deplatziert und unfair. »Jetzt wird der ganze Konflikt auf dem Rücken von ein paar armen Jungs ausgetragen«, meint Barth. Und Panther fügt hinzu: »Dieser Streit geht jetzt schon seit sechs Jahren. Und wir sind alle gestraft: die Fiba-Schiedsrichter, denen vorgeworfen wird, nur zweite Wahl zu sein. Und wir, die gerne bei diesen Turnieren pfeifen würden.«

Die erhöhte Aufmerksamkeit verstärke sogar noch das Problem, meint Barth. »Wenn der Druck so groß ist und dir mal ein Fehler passiert, bist du im Kopf verkrampft. Dann willst du nicht noch mehr Fehler machen. Wenn du aber Angst davor hast, ist die Wahrscheinlichkeit viel höher, weitere Fehler zu begehen«, berichtet er aus eigener Erfahrung. Schließlich wüssten auch seine EM-Kolllegen, dass sie bei Aussetzern wie in Tbilissi und Köln sofort nach Hause geschickt werden.

Der Fiba wiederum bleibt kaum etwas anderes übrig, auch wenn dadurch ganze Karrieren zerstört werden können. Schließlich würden sich Spieler und Trainer bei einem weiteren Einsatz in jeder strittigen Situation sofort wieder auf die vorbelasteten Schiedsrichter stürzen. »Manche kommen von so was nicht zurück. Die pfeifen nie wieder international, obwohl sie so viel investiert haben«, weiß Barth.

Seine einzige Hoffnung zur Lösung der Debatte: »Fiba und Euroleague müssen endlich lernen: Sie schaden dem Basketball. Das sagen alle: die Spieler, die Schiedsrichter, die Mannschaften, die Presse. Aber keiner will sich bewegen.« Seinen Kollegen in den Finalspielen am Sonntag in Berlin wünscht er das Glück, dass die Partien nicht mit nur einem Punkt entschieden werden, sondern klarer ausfallen. Wenn dann auch noch die Technischen Kommissare und Zeitnehmer fehlerfrei arbeiten, werde weniger über die Referees gesprochen. Und wenn Fiba und Euroleague endlich einen Kompromiss fänden, wäre auch der größte Anstoß zur Aufregung endlich getilgt.

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