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Viele Farben Blau

BallHaus Ost: Das viertklassige Derby zwischen Erfurt und Jena

Remis im thüringischen Derby: Jena in Blau bei den rot-weißen Erfurtern
Remis im thüringischen Derby: Jena in Blau bei den rot-weißen Erfurtern

Mein Kumpel Rico neckt mich gern mit der für ihn bewiesenen Tatsache, in Thüringen lebten nur KatzenfresserInnen. Ich lass ihm gelegentlich diesen Spaß durchgehen, weil er aus Riesa kommt und als Kind Nudeln statt Bratwurst bekam (seine Mutti sagte, die Bratwurst sei aus Katzenfleisch) und deshalb mein lebenslanges Mitleid genießt.

Nun die gute Nachricht: Carl Zeiss Jena und Rot-Weiß Erfurt trennen sich vor 12 000 Thüringern und Thüringerinnen bei feinstem Fußballschmuddelwetter mit 1:1. Das Ergebnis ist der Grund, warum ich mich Mitte September vom Schicksal nicht schockgefrostet fühle, obgleich die Dauerexistenz meiner geliebten Jenaer Schafherde in der vierten Liga, wo »einbeinige und blinde Spieler« (Symbolbild) kurz vor der Verrentung unterkommen und ihr unwürdiges Ringen mit dem Ball wenig bis nichts mit richtigem Fußball, wie ihn beispielsweise Turbine Potsdam in der Frauen-Bundesliga (heißt wirklich so) spielt, zu tun hat.

Trotzdem ist meine irrationale Liebe grenzenlos, vielleicht ist das eine Koketterie meines gespannten Geistes? Jedenfalls betone ich gelegentlich den Zusammenhang von Literatur und Spiel, für mich ist Literatur ein Spiel und Fußball ist Kunst. Ein schöner Satz ist so glanzvoll wie ein genial herausgespieltes Tor. Lutz Lindemann (der erst für Erfurt spielte und dann in Jena zum Halbgott wurde) und Goethe blasen auf derselben Flöte, um es fußballdeutsch auszudrücken.

Die Choreografien beider Fanblöcke waren hübsch. Auch wenn das Abbrennen gegnerischer Fanutensilien nicht zu meinen Favoriten zählt, mag ich Rauchpötte und Pyrotechnik, wenn sie nicht in meiner Unterhose, im Block des Gegners oder auf dem Spielfeld brutzelt.

Leider stehe ich seit vielen Jahrzehnten mit meinem Verein auf der Seite des Misserfolgs und darf mir, wie letzten Sonntag, als ich malade auf der grauen Couch ruhte, aus dem Fernsehen anhören, wie Experte Lindemann beim 1:0 für RWE im MDR sagte, er wusste bis eben gar nicht, dass der Vieselbacher Spieler zwei Beine hätte. Als er das sagte, trug er eine blaue Hose und sein Moderatorenpendant ein blaues Jackett.

Nun wusste ich sogleich, das Spiel würde 1:1 ausgehen. Über Fußball und Aberglaube (manche sagen tiefer Glaube) wurde schon viel geredet und ich schweige als Wissender des höchsten Grades ausnahmsweise. Noch eins für alle, die dem Spiel gestern (verständlicherweise) keine Aufmerksamkeit schenkten: Jena spielte in blau. Die Lippen der Kameramänner waren blau vor Kälte und Nässe, einigen betrunkenen = blauen Jenafans wurde der Eintritt verweigert. Ich trug blau auf der grauen Couch, die Augenfarbe der Brigade Weimar (verwirrte Weimarer, die aus einer irren Laune des Schicksals RWE-Fans wurden) war zu einem gewissen Prozentsatz blau, selbst die Polizei trug blau. Daneben ist der gute Himmel blau und die böse Hölle selbstverständlich rot, das wissen doch jeder und jede, Katze und Kater, Maus und Loch.

Im Privatchat unter uns Jenaer Betbrüdern war nach dem Spiel von Erfurter »Penetrationsverweigerung« die Rede. So weit würde ich nicht gehen. Auch mag diese Formulierung manchem Leser nur bedingt behagen. Sagen wir es so, die politische Korrektheit ist im Fußballsprech noch nicht angekommen. Das ist womöglich schlecht, doch schafft es Ablassventile, wie überhaupt der Fußball als Ablenkung vom Wesentlichen im kalten Herbst (auf dem Rennsteig machen die Wölfe bestimmt schon Jagd auf kleine kuschlige Schäfchen) möglicherweise nützlich sein kann.

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