Straßenfest statt Blechlawine

Aus Protest gegen fossile Industrien nimmt Extinction Rebellion vier Tage lang die Straßen ein

  • Von Louisa Theresa Braun
  • Lesedauer: 5 Min.
Mit einem Arm in der Badewanne: Polizist*innen umzingeln Wolfgang Metzeler-Kik (vorne links) und seine Mitstreiter*innen beim »ungehorsamen Straßenfest«.
Mit einem Arm in der Badewanne: Polizist*innen umzingeln Wolfgang Metzeler-Kik (vorne links) und seine Mitstreiter*innen beim »ungehorsamen Straßenfest«.

Es ist dunkel und stickig im Laderaum des Transporters. 13 Personen sitzen darin, reden aufgeregt miteinander und verstummen immer wieder plötzlich, wenn der Wagen an einer Ampel hält. Von draußen soll sie niemand hören. Zwischen ihnen liegen zwei auf den Kopf gedrehte, pinke Badewannen, in deren Wand armdicke Rohre stecken. Die Wannen sind mit Beton gefüllt und mit Sanduhren bemalt, dem Logo der Klimagerechtigkeitsgruppe Extinction Rebellion (XR). Die Stimmung ist angespannt.

Nach 20 Minuten Fahrt klopft der Fahrer gegen die Trennwand zum Laderaum, dann geht alles ganz schnell: Die Türen werden aufgerissen und die tonnenschweren Wannen mit Gurten hinausgezogen. Mit einem lauten Knall landen sie auf der Straße – mitten auf der Kreuzung vor dem Schlesischen Tor in Kreuzberg. In jedes der Rohre im Badewannenrand steckt ein*e Aktivist*in routiniert einen Arm und hakt sich im Inneren mit einen Karabinerhaken fest. Von alleine kommen sie nun nicht mehr los. »Ich sitze hier nicht, weil es so gemütlich ist. Ich sitze hier für die Zukunft meines 15-jährigen Sohnes«, erklärt ein Aktivist, der nicht erkannt werden will, da er als Lehrer arbeitet. Sein Gesicht hat er wie andere Mitstreiter*innen mit schwarzer Farbe beschmiert.

An diesem Samstagmittag beginnt die Herbstrebellion, mit der XR gegen die Nutzung klimaschädlicher fossiler Energien und gegen den Autoverkehr protestiert. »Es gibt kaum noch eine Chance, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Es ist nicht mehr fünf vor zwölf – es schlägt 13«, sagt Wolfgang Metzeler-Kik, der ebenfalls in der Badewanne steckt, zu »nd«. Die gesamte Kreuzung ist bereits blockiert, in wenigen Minuten wird hier ein »ungehorsames Straßenfest« mit Sofas, Pflanzen, Klavieren, Transparenten und sogar einer mobilen Küche errichtet. Der Queen-Song »Don’t stop me now« schallt von einem großen pinken Bus aus über den Platz, rund 350 Menschen beginnen zu tanzen, spielen Frisbee, machen Seifenblasen und essen Kartoffel-Möhren-Eintopf.

Einige Aktivist*innen haben sich mit Fahrradschlössern um den Hals am Bus festgekettet oder mit den Händen an die Klaviere geklebt, um den Verkehr so lange wie möglich zu stoppen. Durchsagen der anrückenden Polizei, die Versammlung auf einen Grünstreifen an der Schlesichen Straße zu verlagern, werden mit Gebrüll und Musik übertönt. Etwa fünf Stunden dauert es, bis die Polizei alle Rebell*innen abgelöst, die Badewannen aufgeflext und den Beton mit einem Presslufthammer entfernt hat.

Die Aktion soll zeigen, wie die Klimaaktivist*innen sich die Stadt der Zukunft vorstellen: mit weniger Autos, die den öffentlichen Raum blockieren, mehr Grünflächen und Sicherheit für Fahrradfahrer*innen. »Wir wollen uns die Straße zurückerobern. Die Städte müssen klimaresilient umgebaut werden«, erklärt Ellen Gerdes, Sprecherin von XR. Die Klimakrise sei in erster Linie eine soziale Krise, deren Folgen vor allem Menschen im globalen Süden zu tragen hätten. Aber auch in Deutschland seien besonders die Ärmsten von schlechten Umweltbedingungen und steigenden Gaspreisen betroffen. Das wäre heute anders, »wenn Deutschland die Klimakrise nicht komplett verschlafen hätte«, meint Gerdes.

Besonders wütend ist XR über die verfehlte Wirtschafts- und Verkehrspolitik der Bundesregierung, über Investitionen in Flüssiggas und die ausbleibende Mobilitätswende, weshalb die Bewegung im Invalidenpark, genau zwischen Wirtschafts- und Verkehrsministerium, ein Camp errichtet hat. Eine Woche lang können die aus ganz Deutschland angereisten Aktivist*innen hier zelten, gemeinsam essen, Workshops oder Yoga machen können. Es brauche zwar zivilen Ungehorsam, aber »wir müssen auch gut auf uns aufpassen, dass wir nicht zu sehr von der Dystopie getrieben sind«, sagt Gerdes zu »nd«. Das rebellische Straßenfest solle zeigen, dass Aktivismus auch Spaß machen könne. Der Sonntag dient der Regeneration im Camp.

Am Montagmorgen geht es dann wieder auf die Straße: Rund 250 Menschen setzen sich in Mitte auf die Kreuzung von Unter den Linden und Friedrichstraße, manche kleben sich fest. Diesmal richtet sich der Protest gegen die dort gelegenen Bundestags- und Lobbybüros. Weitere 100 Aktivist*innen machen den Potsdamer Platz in Richtung Umweltministerium dicht und stellen dort die pinkfarbene Nachahmung eines Ölbohrturms auf. Schon im Vorhinein waren Hunderte Einsatzkräfte der Berliner Polizei im Regierungsviertel im Einsatz, konfiszierten einen Transporter von XR und lösten die Blockaden im Laufe des Mittags auf. Die letzten Proteste im Rahmen der Herbstrebellion sind für diesen Dienstag angekündigt.

Straßen blockieren, gewohnte Abläufe stören – das mache wesentlich mehr Druck auf die Politik als eine normale Demonstration oder eine Petition, findet Gerdes. »Trotzdem hat jeder Akteur in der Klimagerechtigkeitsbewegung seine Funktion.« Am Freitag steht zum Beispiel schon der nächste globale Klimastreik von Fridays for Future an, auch hier ist das Motto: »People not profit«, also »Menschen statt Profite«.

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