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Wiedererschienen: Christine Wolters »Die Alleinseglerin«

Das Boot ist seit Nietzsches »Auf die Schiffe, ihr Philosophen!« eine Metapher für Aufbruch.
Das Boot ist seit Nietzsches »Auf die Schiffe, ihr Philosophen!« eine Metapher für Aufbruch.

»Sich erinnern, das ist: sich von den Gegenständen befreien.« So lesen wir am Ende von »Die Alleinseglerin«, 1982 im Aufbau Verlag erschienen. Da lebte Christine Wolter bereits – als DDR-Bürgerin – in Italien. Sie hatte einen Architekten aus Mailand geheiratet, arbeitete an der dortigen Universität und schrieb weiter Bücher, die in der DDR herauskamen. Aber der Abstand wuchs, der Blick von außen ließ sie ihre eigene Geschichte und die der DDR anders sehen. Er wurde zum doppelten Blick.

Über den suggestiven Anfang dieses Buches verwunderten sich damals nicht wenige: Da sitzt eine Frau im verregneten Mailand und denkt zurück an die DDR – genauer an ihr Segelboot, das nun niemand mehr segelt, das verrottet. In Italien sein dürfen und sich übers Wetter dort beschweren! Der Neid derer, die nicht in den Süden reisen durften, war ihr gewiss. Das Boot ist seit Nietzsches »Auf die Schiffe, ihr Philosophen!« eine Metapher für Aufbruch. Aber es seetüchtig zu halten, oder erst wieder zu machen, wird Schwerstarbeit mit ungewissem Ausgang: »Ein großes, altes Boot, pflegebedürftig und kostspielig. Man soll sein Herz nicht an Dinge hängen. Ich hänge an ihm.«

Es ist ein Buch über das wachsende unglückliche Bewusstsein der zweiten DDR-Generation, zu der die 1939 geborene Christine Wolter gehört. Die Gründergeneration verkörpert im Buch der Vater der Ich-Erzählerin, hochdekoriert, selbstgerecht und privilegiert – wovon der »Drache« zeugt, ein Segelboot der Regatta-Klasse, das ihm gehört. Sie erbt es nicht, sie kauft es ihm ab – denn ihr Verhältnis ist nicht unkompliziert. Sie hat eine schlecht bezahlte Anstellung als wissenschaftliche Mitarbeiterin, die sie wegen des Bootes, das sie überfordert, vernachlässigt. Irgendwann begreift sie: »Ich wollte das Boot nicht besitzen, ich wollte es nur nicht loslassen.« Erst stirbt ihr Vater, dann die anderen Mitkämpfer der Anfangsjahre. Beerdigungen scheinen ein letztes vitales Moment im Alltag dieser Endzeit: »Die Genossen der Glanzjahre waren alt geworden, sie erschienen mir wie Mumien in ihren edlen Pelzen.« Starker Tobak für 1982. »Die Alleinseglerin« ist auch ein schonungsloses Buch über den Bruch zwischen den Generationen.

Nun hat der Ecco Verlag dieses Buch, das zu den wichtigsten der DDR-Literatur gehört, wiederentdeckt und bringt es – unter feministischem Vorzeichen – neu heraus. Das Cover zeigt auf Wunsch der Autorin kein Segelboot (wie schon das der Erstauflage nicht), sondern eine jener feenhaft entrückten Frauenfiguren, wie sie Sibylle Bergemann fotografierte. Sie steht vor einer Wand – und da hinter ihr dann doch, ganz klein mit Kreide gezeichnet: ein Segelboot! Das passt zu der präzisen und dabei höchst subtil-schwebenden Erzählweise Christine Wolters, in der ein elegischer Grundton vorherrscht. Aber eben auch die Entschlossenheit der jungen Frau, sich ihr eigenes Bild von der Welt zu machen.

Ist das ein Stoff von heute? Ja, unbedingt, denn das Unverständnis der Generationen füreinander ist immer noch da, ebenso der Dissens über die Frage nach den Werten, für die es sich lohnt zu leben. Und noch etwas zeigt sich hier: Das Gespräch mit dem Vater, dem nah-fernen, hört nicht auf, setzt sich in der Erinnerung fort. Er bleibt wichtig, obwohl sie sich entschlossen hat, ihm nicht zu folgen, anders zu leben. Der »Drache« wird zum »Reliquienschrein der Erinnerungen an uns selbst«.

Christine Wolter hat mit »Die Alleinseglerin« das Bild einer Frau geprägt, die sehr selbstverständlich selbstbewusst ist, wie es viele Frauen in der DDR waren, die aber aus der Gleichberechtigung keine Ideologie machten, sondern sie einfach lebten. Es wird interessant sein zu sehen, ob und wie eine jüngere Generation sich in diesem Porträt wiedererkennt.

Christine Wolter: Die Alleinseglerin, Ecco Verlag, 206 S., geb., 22 €
Buchpremiere mit Christine Wolter im Berliner Pfefferbergtheater, heute um 19.30 Uhr

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