Kein Wohlfühlklima bei der Entbindung

Das Sterben der Geburtseinrichtungen in Schleswig-Holstein geht weiter

Der Kampf für die Stärkung der Geburtshilfe hat im Norden eine lange Vorgeschichte: Hier eine Demo in Kiel.
Der Kampf für die Stärkung der Geburtshilfe hat im Norden eine lange Vorgeschichte: Hier eine Demo in Kiel.

Die Schließung von Entbindungsstationen bringt werdenden Mütter längere Wege in den Kreißsaal. Hebammen schlagen Alarm, in Geburtsstationen herrscht Arbeitsüberlastung. Für Schleswig-Holsteins Gesundheitsministerin Kerstin von der Decken (CDU) ist die Geburtshilfe-Versorgung im Land dennoch nicht zu beanstanden.

Jetzt kündigte die Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg (Kreis Segeberg) an, die Geburtsklinik bis Jahresende zu schließen. Ob die seit Wochen wegen fehlendem Personal geschlossene Station in Preetz (Kreis Plön) wieder öffnet, ist fraglich. Somit bleiben landesweit derzeit 16 Kliniken mit Kreißsälen. Im Jahr 2000 waren es noch doppelt so viele. Bevölkerung, Klinikpersonal und Kommunalpolitik wehren sich auf unterschiedliche Weise. So steht zur Rettung der seit Monaten beschlossenen Geburtenstation in Eckernförde am 6. November ein Bürgerentscheid an. In Henstedt-Ulzburg gab es eine erste Demonstration.

Andernorts meldet sich aus Angst vor beruflichen Konsequenzen anonym das Krankenhauspersonal und rüttelt die Öffentlichkeit auf. So wird von katastrophalen Behandlungszuständen berichtet, so gerade geschehen an den Standorten Kiel und Lübeck des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH). Die Personalräte dort wissen: Der Druck auf die verbliebenen Standorte wächst gerade auch durch die erfolgten oder angekündigten Schließungen, und das bei einem ohnehin schon bestehenden Berg an Überstunden.

Um nicht zu kollabieren, wurde in Preetz am 22. August die Notbremse gezogen. Für den Hebammenverband Schleswig-Holstein sind die dort angeführten Personalprobleme hausgemacht, wurde die Geburtshilfe in der vom Kreis Plön betriebenen Klinik doch nicht zum ersten Mal vorübergehend ausgesetzt. Die organisierten Hebammen sehen seitens der Klinikleitung jedenfalls kaum Engagement für die Besetzung erforderlicher offener Stellen. Ein Teil der ursprünglich geplanten Geburten findet in Kiel statt, Krankenhäuser in Eutin und Neumünster sind Alternativen.

In Henstedt-Ulzburg fungiert der Klinikkonzern Paracelsus, der in Deutschland 37 Einrichtungen an 19 Standorten betreibt, als Träger. Dort wird neben der Geburtsstation auch die Gynäkologie abgewickelt. Die Klinikleitung, die vor ihrer einschneidenden Schließungsentscheidung den Betriebsrat nicht kontaktierte, spricht davon, dass die betroffene Abteilung »wegen sich immer weiter erschwerender Rahmenbedingungen« nicht wirtschaftlich arbeiten könne. Dabei geht es um steigende Anforderungen und Vorhaltekosten in der Geburtshilfe.

Für den CDU-Fraktionsvorsitzenden Peter Holle aus dem benachbarten Norderstedt ist dies keine schlüssige Erklärung. Gegenüber dem »Hamburger Abendblatt« sagte er: »Seit dem Ankauf der Paracelsus-Kliniken durch den Schweizer Milliardär Felix Happel geht es nur noch um Effizienz.«

Bisher wurden in Henstedt-Ulzburg jährlich über 800 Entbindungen begleitet. Wie diese Zahl durch andere Kliniken künftig aufgefangen werden soll, sei ihr bei der zuletzt festgestellten Arbeitsverdichtung schleierhaft, sagt Anke Bertram vom Hebammenverband. Für die Gewerkschaft Verdi liegt der Ball nun im Feld der Landespolitik.

Auch die Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein erkennt systemische Baustellen und fordert die bisherige Juraprofessorin und neue Gesundheitsministerin von der Decken, zugleich Justizministerin des Landes, zur Einflussnahme auf Bundesebene auf, etwa wenn es darum geht, dass für jeden Kreißsaal unabhängig von der Anzahl der Entbindungen oder Risikogeburten hochqualifiziertes Personal und hochspezialisierte Technik vorgehalten werden müssen – ein Kostenfaktor gerade für kleinere Geburtsstationen.

Doch auch die großen Stationen im Land bereiten Sorgen. Dass beim UKSH in Lübeck und Kiel Schwangere inzwischen stundenlange Wartezeiten und eine suboptimale Betreuung erfahren, wird zum Teil vom dortigen Sprecher eingeräumt: Da gäbe es nichts schönzureden, so Oliver Grieve.

Personalmangel, aber auch fehlende Räumlichkeiten sorgen aus Sicht von Beschäftigten in der Frauenheilkunde für katastrophale Zustände. Oft genug nur zwei Ärzte, die bis zu sechs Geburten gleichzeitig betreuen, zu wenig Hebammen und Pflegekräfte am Rande der Erschöpfung – das ist weit weg vom eigentlich erwünschten Wohlfühlklima bei der Geburt.

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