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Chancen bleiben ungleich verteilt

Neuer Bericht stellt Daten zur Kindergesundheit vor und fordert bessere Versorgung

Gesunde Ernährung ist nicht überall die Regel: In einer Kindertagesstätte in Brandenburg verarbeiten Kinder unter Anleitung von Erzieherinnen Äpfel zu Apfelmus.
Gesunde Ernährung ist nicht überall die Regel: In einer Kindertagesstätte in Brandenburg verarbeiten Kinder unter Anleitung von Erzieherinnen Äpfel zu Apfelmus.

Im Verlauf der Corona-Pandemie wurde immer deutlicher, dass Bedürfnisse der Heranwachsenden bei gesundheitspolitischen Entscheidungen schnell hintangestellt werden. Einen Bericht zu diversen Problemen der pädiatrischen Versorgung stellte in dieser Woche die Stiftung Kindergesundheit in Berlin vor.

Zu den Themen gehört der Zustand der Kinderkliniken und -abteilungen. Hier wird vor allem die häufig prekäre Lage beim Personal beklagt. Eine der Ursachen: Das Fallpauschalensystem für die Vergütung der Krankenhäuser wird dem erhöhten Personalaufwand für die Betreuung der Jüngsten nicht gerecht. Insbesondere die hohen Vorhaltekosten bei geringen Fallzahlen machen den Erhalt der Stationen immer schwieriger. In vielen Regionen kann eine bedarfsgerechte Versorgung kaum noch gewährleistet werden.

Ein weiteres Problem zeigt sich bei der Grundimmunisierung von Kindern und Jugendlichen. Hier gebe es teils große Impflücken, heißt es in dem Bericht. Unter anderem die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) hatten bei den Schuleingangsuntersuchungen 2019 im Schnitt 97,2 Prozent der Kinder (eine Dosis) bzw. hatten 92,7 Prozent zwei Dosen bekommen. Zwei Dosen sollten zu diesem Zeitpunkt aber laut bundesweitem Aktionsplan 95 Prozent der Kinder haben. Das Ziel wurde also nicht erreicht, mit den Ausnahmen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Bekräftigt wird das Versagen durch einen Bericht der europäischen WHO-Region, wonach die Bundesrepublik 2019 den Status der Elimination von Masern nicht erreicht hat. Die Situation dürfte sich seitdem verschlechtert haben. Hinzu kommen etwa seit März geflüchtete Kinder und Jugendliche aus der Ukraine, bei denen ebenfalls Lücken in Bezug auf die hierzulande empfohlenen Immunisierungen vermutet werden.

Noch deutlich ungünstiger als bei der MMR-Impfung sieht es in Deutschland mit den Impfungen gegen humane Papillomaviren (HPV) aus. Diese Impfung wurde von der Ständigen Impfkommission 2007 für alle Mädchen von 12 bis 17 Jahren empfohlen, um die Krankheitslast durch Gebärmutterhalskrebs zu reduzieren. Deutschland fehlt hier allerdings ein schulbasiertes Impfprogramm. So bleiben die Quoten niedrig: Mit unter 50 Prozent liegt die Bundesrepublik deutlich unter dem EU-Zielwert von 90 Prozent. Auch die seit August 2018 empfohlene HPV-Impfung für Jungen wird kaum angenommen. Die Quote lag nach einer Erhebung von 2019 bei rund fünf Prozent für 15-Jährige.

Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen unter ungleichen Bedingungen auf, wie die Corona-Pandemie noch einmal verdeutlichte. Lebensumstände wie Bildung, Einkommen der Eltern und Wohnverhältnisse hatten direkten Einfluss darauf, wie es den Familien gelang, insbesondere durch die Lockdown-Phasen zu kommen. Aber auch die pandemieunabhängigen Nachteile sind weiter nachweisbar.

So rauchen die Mütter in Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status häufiger während der Schwangerschaft, ihre Kinder werden seltener gestillt, ungesünder ernährt, und sie leiden häufiger an chronischen Erkrankungen, Entwicklungsstörungen wie auch an psychischen Auffälligkeiten. Hier appelliert der Bericht an die Sozial- und Gesundheitspolitik, diese Diskrepanz bei den Chancen zu verringern. Gefordert wird ein ressortübergreifender Aktionsplan.

Weitere Dauerbrenner in Sachen Kindergesundheit sind Ernährung und Bewegung. Der Bericht der Stiftung sieht erheblichen Verbesserungsbedarf. Die Heranwachsenden sollten mehr Obst, Gemüse und Getreideprodukte und weniger Fleisch und Wurst zu sich nehmen. Besonderes Augenmerk sei auf die Reduktion des hohen Zuckerverzehrs zu legen.

Das Problem hat sich ebenfalls durch die Pandemie verschärft: Übergewicht und Adipositas von Kindern stiegen noch einmal an. In der Debatte ist deshalb auch ein Werbeverbot für Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- und Salzgehalt, das Kinder unter 14 Jahren schützen soll. Das ist sogar im Koalitionsvertrag der jetzigen Regierung festgeschrieben, steckt aber als Vorhaben weiter in der Planung der beteiligten Ministerien fest.

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