Späte Ehrung

Ruth Winkelmann erhielt das Bundesverdienstkreuz

Als Zeitzeugin geehrt: Ruth Winkelmann
Als Zeitzeugin geehrt: Ruth Winkelmann

Das Erste, was sie nach der Befreiung Berlins von faschistischer Bestie tat, war: den »Judenstern« in »tausend kleine Schmipsel« zu zerschneiden. Es war ein Aufatmen. In die Freude mischte sich tiefe Trauer. Um die neun Jahre jüngere Schwester Ernestine, ihre geliebte »Eddi«, die kurz zuvor, im März 1945, unterernährt an Typhus verstorben war. Hinzu kam der Schmerz um den in Auschwitz ermordeten Vater.

Ruth Winkelmann, geborene Jacks, erblickte 1928 das Licht der Welt. Ihr Vater Hermann war Jude, ihre Mutter Elly Christin, ist jedoch vor der Hochzeit zum Judentum konvertiert. »Wir feierten den Sabbath, aßen aber nicht koscher«, erinnert sich Ruth. Als die Nazis an die Macht kamen, wurde das Leben auch für die Familie Jacks beschwerlich, unerträglich. Die Eltern hofften, Ruth mit der Einschulung in die jüdische Volksschule für Mädchen im Berliner Scheunenviertel 1935 ein wenig vor der feindlichen Umgebung in zu schützen. Drei Jahre später erlebt Ruth den Novemberpogrom und kann sich mit ihren Freundinnen vor den ihre Schule belagernden Nazis nur mit Not über angrenzende Häuser retten. Ruth und ihre Mutter überleben mörderischen Judenhass in einer Laube in der Kolonie »Einigkeit« in Wittenau. Tagsüber muss Ruth Zwangsarbeit in einer Uniformfabrik leisten.

Erst sieben Jahrzehnte nach der Befreiung vom Faschismus bringt Ruth Winkelmann die Kraft auf, ihre Geschichte publik zu machen: »Plötzlich hieß ich Sara«. Seitdem ist sie als Zeitzeugin unterwegs. Am Freitag erhielt sie das Bundesverdienstkreuz entgegen.

Beschämend, dass erst in jüngster Zeit mit dieser höchsten Auszeichnung hierzulande Überlebende des NS-Terrors geehrt werden. Zuvor waren blutbefleckte Täter mit ihr bedacht worden, wie KZ-Baumeister Heinrich Lübke, der Kommentator der NS-Rassengesetze Hans Globke, NS-Marinerichter Hans Filbinger oder Goebbels Protegé Elisabeth Noelle-Neumann. Aus diesem Grund wohl haderte 2005 Kurt Julius Goldstein, Jude, Kommunist, Auschwitz-Überlebender, das Bundesverdienstkreuz anzunehmen. Er tat es dann doch. Um die Täter zu beschämen.

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