Götter und Plasmawaffen

Nigeria im Jahr 2067: Tade Thompsons Roman »Rosewater – der Aufstand« handelt von Aliens und Unabhängigkeitskämpfen

Ist es schon 2067? Oder doch erst 2013 (als in der nigerianischen Hauptstadt Lagos ein Einkaufszentrum brannte)?
Ist es schon 2067? Oder doch erst 2013 (als in der nigerianischen Hauptstadt Lagos ein Einkaufszentrum brannte)?

Science-Fiction ist zumeist ein sehr weißes Genre, in dem People of Color klassischerweise nur selten eine Rolle spielen. Das gilt vor allem für den Filmbereich, auch wenn beispielsweise in den jüngsten »Star Wars«-Episoden nicht nur weiße Schauspieler zu sehen sind. Und mit Marvels erfolgreicher »Black Panther«-Verfilmung von 2018, die Ende dieses Jahres fortgesetzt wird, hat der Afrofuturismus sogar im Blockbuster-Format in Hollywood Einzug gehalten, wobei der tricktechnikverliebte und waffenfetischistische Action-Streifen leider wenig emanzipatorisches Potenzial hat.

In der Literatur gibt es dagegen eine reiche Tradition bedeutender Schwarzer progressiver SF-Autorinnen vor allem aus den USA wie zum Beispiel Octavia Butler, aber auch jüngere wie Nnedi Okorafor. Mit dem in Nigeria aufgewachsenen und heute in Südengland lebenden Tade Thompson erscheinen nun auch die Bücher eines jüngeren nichtamerikanischen Vertreters des Afrofuturismus in deutscher Übersetzung. Mit dem zweiten Teil seiner preisgekrönten »Rosewater«-Trilogie, die den Untertitel »Der Aufstand« trägt, stellt Thompson, von dem 2021 auch der Thriller »Wild Card« bei Suhrkamp erschien, ein weiteres Mal seine Fähigkeit unter Beweis, phantastische Geschichten in einem unglaublichen Tempo als geniales literarisches Genre-Crossover zu erzählen.

»Rosewater – Der Aufstand« ist ein afrofuturistischer Roman, der im Hightech-Nigeria Mitte des 21. Jahrhunderts spielt. Ein spannender Krimi, ein actiongeladener Agententhriller und eine Science-Fiction-Geschichte, die vom Kontakt der Erdbewohner mit Aliens und einer drohenden Kolonisierung des Planeten erzählt. Es gibt aber auch Fantasy-Elemente mit mythologischen Figuren wie einem Greif, afrikanischen Yoruba-Gottheiten und Zombie-Horden, die durch die titelgebende fiktive Acht-Millionen-Metropole Rosewater laufen, während Krieg mit Plasmawaffen geführt wird. Zugleich geht es auch um Kolonialgeschichte, eine Unabhängigkeitsbewegung, den Biafra-Krieg und um Hochtechnologietransfer bzw. dessen Monopolisierung.

Im ersten Teil seiner Trilogie (unter dem Titel »Rosewater« Anfang 2020 auf Deutsch erschienen) hatte Thompson vor allem die Vorgeschichte des riesigen Aliens Wormwood erzählt, der Mitte des 21. Jahrhunderts in London landet, vom britischen Militär verjagt wird und sich unterirdisch bis Nigeria durchgräbt, wo ihn die Behörden in Ruhe lassen. Um den unförmigen Alien, der irgendwann mehrere Quadratkilometer in die Breite und 70 Meter in die Höhe geht, entsteht eine ganze moderne Großstadt, die sich nicht nur aus der unerschöpflichen Energie von Wormwoods Ganglien speist. Der Alien setzt regelmäßig Sporen frei, die heilende Kräfte haben: Auf der Erde entsteht eine parallelweltliche Xenosphäre, in die einige Menschen eintauchen können.

Stand im ersten Teil der misanthropische Agent Karoo im Zentrum der Erzählung, ist es in »Der Aufstand« seine Frau Aminat, die in den schließlich auch militärisch geführten Konflikt um die Unabhängigkeit Rosewaters gerät. Thompson dreht gewaltig an der Eskalationsschraube auf den rasant erzählten, gut 400 Seiten dieses Romans, in dem neben einem karrieristischen Bürgermeister und seiner Androiden-Referentin noch zahlreiche Mafiosi, riesige Würmer, die sich durch den Sand graben und gegen Sexismus kämpfende Frauen eine Rolle spielen.

Thompsons Roman liest sich über weite Strecken wie ein durchgeknallter Comic, in dem große Bilder entworfen werden. Rosewater versinkt im Krieg, wird schließlich sogar bombardiert, während Wormwood langsam zu sterben scheint. Nur wird plötzlich klar, dass hinter dem eigentlich so friedlich vor sich hin schlummernden Alien eine ganze Strategie zur Eroberung der Erde steht. Im Gegensatz zum ersten Teil spielt in »Der Aufstand« Kolonialismus eine ganz zentrale Rolle. Der Biafra-Krieg (1967–1970), in dem ein Teil Nigerias unter dem Einfluss ehemaliger kolonialer Mächte versuchte unabhängig zu werden, dabei scheiterte, wird zum traumatischen Referenzpunkt der nigerianischen Geschichte. Der Hightech-Standort Rosewater versucht von der Zentralregierung unabhängig zu werden. Die Aliens wiederum wollen sich den ganzen Planeten unter den Nagel reißen. Zwischen diesen unversöhnlichen und in jeder Hinsicht bedrohlichen Fronten steht die weibliche Heldin Aminat, die aber schließlich einen Ausweg findet, sodass es am Ende fast so etwas wie ein Happy End gibt. Im dritten Teil »Rosewater – Redemption« wird sich zeigen, ob die Erde doch erobert wird, Rosewater unabhängig sein kann und Aminat wirklich auf die nigerianische Raumstation »Nautilus« fliegt.

Tade Thompson: Rosewater – Der Aufstand. A. d. Engl. v. Jakob Schmidt, Golkonda-Verlag, 400 S., br., 22 €.

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