Langer Weg zur Rohstoffwende

Der Bedarf an Metallen nimmt stark zu. NGOs fordern ein Umdenken bei Beschaffung und Verbrauch

  • Kurt Stenger
  • Lesedauer: 5 Min.

»Sulfobacillus harzensis« heißt eine Bakterienart, die Forscher der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) bei Untersuchungen von Aufbereitungsrückständen aus dem ehemaligen Bergbau am Rammelsberg bei Goslar im Harz entdeckt haben. Die »säureliebenden« Bakterien könnten helfen, durch das Verfahren der Biolaugung einen Schatz zu heben: Rund 1200 Tonnen Kobalt schlummern am Boden des dortigen Bergeteichs. Und solche Gewässer gibt es im Harz, in früheren Jahrhunderten eines der größten Bergbaugebiete Europas, eine ganze Menge. »Die Untersuchungen zeigen, dass Biolaugung eine geeignete Technologie zur Extraktion von Wertmetallen aus Bergbaurückständen ist«, erklärte BGR-Geomikrobiologe Axel Schippers bei der Vorstellung der ersten Ergebnisse vor einem Jahr.

Wann im Harz mit der Kobaltgewinnung begonnen werden kann, ist unklar. Dass staatliche Stellen überhaupt solch ungewöhnliche Forschungswege beschreiten, hängt mit dem Hunger der Industrie nach »kritischen Rohstoffen« zusammen: Metalle, die weltweit verstärkt nachgefragt, jedoch in ganz wenigen Ländern oder nur von einzelnen Unternehmen gefördert und intransparent gehandelt werden. Dazu gehört Kobalt, das bei der Batterieproduktion für die Elektromobilität verwendet wird. Hauptanbieter ist die Demokratische Republik Kongo, wo das Schwermetall oft unter menschenunwürdigen Bedingungen gefördert wird und die Einnahmen auch in die Taschen von Bürgerkriegsmilizen wandern.

Gerade die Energiewende und die Digitalisierung sorgen für einen Wandel bei der Rohstoffnachfrage: Zwar werden künftig keine fossilen Brennstoffe mehr benötigt, aber in der Produktion von Anlagen und Geräten nimmt der Bedarf an Metallen erheblich zu. Es braucht Lithium für Autobatterien, Neodym für Permanentmagnete in Windkraftanlagen, Gallium für Photovoltaikzellen, Iridium und Scandium für Membrane von Elektrolyseuren zur Herstellung grünen Wasserstoffs und, und, und. »In einem Computerchip für die digitale Steuerung eines Kraftwerks stecken rund 60 verschiedene Elemente«, heißt es in einer Studie des Wissenschaftsakademienprojekts »Energiesysteme der Zukunft«.

Bereits im Jahr 2010 hatte die Bundesregierung eine Rohstoffstrategie verabschiedet, um die Versorgung zu sichern. Hier wie auch in der Überarbeitung zehn Jahre später ging es vor allem um bilaterale Partnerschaften. Sehr zum Ärger von Umwelt- und entwicklungspolitischen Organisationen, die ihre Arbeit zu dem Thema im Arbeitskreis Rohstoffe bündeln: »Die bisherige Rohstoffpolitik Deutschlands geht auf Kosten von Mensch und Umwelt weltweit, verstetigt den global ungerechten Handel und schafft es nicht, den viel zu hohen Primärrohstoffbedarf auf ein zukunftsfähiges Niveau zu reduzieren«, erklärt das Netzwerk, das an diesem Dienstag mit einem Alternativen Rohstoffgipfel auf seine Anliegen aufmerksam macht.

Bei der Veranstaltung in Berlin soll mit zivilgesellschaftlichen Vertretern aus Argentinien, Brasilien und der DR Kongo sowie Politikern, Gewerkschaftern, Wissenschaftlern und Wirtschaftsleuten diskutiert werden, wie die Rohstoffpolitik von morgen aussehen sollte. Notwendig, so der AK Rohstoffe, sei ein »Paradigmenwechsel, der eine zukunftsfähige und global gerechte Rohstoffpolitik im Sinne einer Rohstoffwende einleitet und umsetzt«. Die NGO-Vertreter werden dabei auch die Ampel-Regierung an ihre Ankündigung erinnern, den primären Rohstoffverbrauch zu senken und die Kreislaufwirtschaft zu stärken.

Die Anliegen sind hochaktuell, wie das tödliche Bergwerksunglück am Wochenende in der Türkei zeigt. Und die sich zuspitzenden außenpolitischen Konflikte scheinen die traditionelle Rohstoffpolitik eher noch zu befördern. So vereinbarte Kanzler Olaf Scholz gerade erst mit der Mongolei eine engere Kooperation, die auch Lieferungen von Kupfer und Seltenerdmetallen umfassen soll. Letztere werden bisher zu über 90 Prozent aus China geliefert. Die Metalle sind zwar weltweit alles andere als selten, aber es müssen große Mengen Erz gefördert werden, um geringe Mengen etwa von Scandium, Yttrium und Lanthan zu gewinnen. Das ist unrentabel und bringt erhebliche Umweltprobleme mit sich, da beim Abbau Säuren verwendet werden und giftige Abwässer entstehen.

Die Abhängigkeit insbesondere von China hat auch die EU auf den Plan gerufen. Sie möchte die Versorgung mit kritischen Rohstoffen europäisieren, damit nicht einzelne Mitgliedsländer anderen die potenziell knappen Güter wegkaufen. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte im September einen Gesetzesvorschlag an, der beschleunigte Genehmigungsverfahren und Finanzmittel für Förderprojekte in der EU, eine gemeinsame Lagerhaltung und ein Netzwerk nationaler Rohstoffagenturen beinhalten soll. »Lithium und seltene Erden werden bald wichtiger sein als Öl und Gas«, betonte die CDU-Politikerin.

Doch gegen Bergbauprojekte regt sich wegen der Umweltprobleme meist Widerstand. Bei Lithium, wichtiger Grundstoff für Batterien, gibt es große Vorkommen auf der iberischen Halbinsel. In Spanien kommen die Pläne nicht voran, in Portugal wurden sie beerdigt. Im Schnitt dauert es bei einem Bergwerk oder Tagebau 15 Jahre von der Planung bis zum Förderbeginn. So ist es etwa im östlichen Erzgebirge, wo nahe Zinnwald ab dem Jahr 2025 unter strengen Umweltvorkehrungen und ohne Störung des Tourismus Lithium gefördert werden soll.

Allen Beteiligten, auch in der Industrie, ist längst klar, dass der Rohstoffverbrauch durch Recycling stark gesenkt werden muss. Doch hierbei gibt es zwei Probleme: Bei manchen Rohstoffen wie etwa Lithium mangelt es noch an »industriell einsetzbaren und wirtschaftlichen Recyclingtechnologien«, wie Jens Gutzmer, Direktor des Helmholtz-Instituts Freiberg für Ressourcentechnologie, erläutert. Auch die Forschung in Sachsen soll dazu beitragen, dass »wir dann gut vorbereitet sind, wenn die erste Batteriegeneration von Elektroautos und Grundlastspeichern das Ende ihres Lebenszyklus erreicht haben«. Und selbst wenn längst recycelt wird, fehlt es an der Menge: »Der Kupferbedarf wird zukünftig viel stärker steigen als der verfügbare Kupferschrott«, so Gutzmer. Es gehe daher auch darum, wie Lagerstätten effizienter und »vor allem mit weniger Eingriffen in die Landschaft abgebaut und umweltverträglicher aufbereitet werden können«.

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