»Wir sind nicht wie sie«

Die scheinbare Unausweichlichkeit der eigenen Biografie: »Hund, Wolf, Schakal« ist der temporeiche Debütroman von Behzad Karim Khani

Kalte Küche im Vereinszimmer: Das war Neukölln in den 90er Jahren.
Kalte Küche im Vereinszimmer: Das war Neukölln in den 90er Jahren.

Zwei iranische Jungs wachsen in Berlin-Neukölln auf. Dort sind sie mehr oder weniger zufällig nach ihrer Flucht gelandet. Ihr Vater Jamshid hatte in den 80ern keine Präferenz gehabt, ob es nun »Schweden, die Sowjetunion, Jugoslawien oder Deutschland« wird, denn er »rannte vor etwas weg, nicht zu etwas hin«. Vor dem Krieg und vor dem Tod, der seit der Islamischen Revolution 1979 droht. Seine Ehefrau wurde im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran ermordet. Und so kommen er und seine zwei kleinen Söhne Saam und Nima nach Westberlin, als die Mauer noch steht. Sie sind die Protagonisten in Behzad Karim Khanis Debütroman »Hund, Wolf, Schakal«.

Jamshid, ein Marxist und Intellektueller, hält die Familie als Taxifahrer über Wasser, während seine beiden Söhne größtenteils sich selbst überlassen sind. Schon als Kind ist dem älteren Saam bewusst, dass sie anders sind als ihre Nachbar*innen im stark arabisch geprägten Neukölln. »Wir sind nicht wie sie«, erklärt er Nima; er, der immer »auf den Unterschied zwischen ihnen, den Verlorenen und den anderen, den Verlierern, bestanden« hatte.

Saam und Nima werden von Frau Winkler, einer Nachbarin, unter die Fittiche genommen. Sie helfen ihr mit den Einkäufen und sie bringt ihnen geduldig Deutsch bei. Doch in dieser Beziehung gibt es einen harten Cut, als Frau Winkler ihnen einmal fürs Tütentragen Geld geben will. »Fast hörbar« zerbricht da etwas in Saam, der umso entsetzter ist, als sein kleiner Bruder die Münze auch noch annimmt. Denn es ist ja so: »Armut macht jedes Geschenk zu Almosen, jede Großzügigkeit zu Mitleid«, als wäre es »ein Vertrag über oben und unten«, den man unterschreibt, wenn man eine milde Gabe annimmt. Saam merkt: Zwischen den arabischen Migrant*innen des Viertels und den Deutschen der Mehrheitsgesellschaft bleiben sie Außenseiter.

Als Saam, inzwischen etwas älter, in der Schule den Libanesen Heydar kennenlernt, ändert sich sein Leben. Heydar neigt zu brutalen Ausbrüchen und hat ältere Brüder, die mit ihrer Gang das Viertel kontrollieren. Saam macht mit, er entwickelt eine Schlauheit der Straße und beweist durch kleinkriminelle Aktionen, dass er zur Gang gehört. Nima gefällt das nicht, er entfernt sich immer mehr von seinem Bruder, will nichts von Diebesgut und Drogen wissen und hängt lieber mit den alternativen Skatern ab. Doch als Saam schließlich im Gefängnis landet, ändert sich auch Nimas Lebensweg. Es scheint, als sei das Schicksal der beiden Brüder, in der Kindheit traumatisiert, in Deutschland fast ohne Chance, bereits vorherbestimmt.

In Interviews sagte Behzad Karim Khani, Anklänge seiner eigenen Biografie seien sowohl in Saam als auch in Nima wiederzufinden. Geboren in Teheran, floh er 1986 im Alter von neun Jahren mit seiner Familie ins Ruhrgebiet; Anfang der Nullerjahre verschlug es ihn nach Berlin. Seit zehn Jahren führt er in Kreuzberg eine Bar.

Sein Roman hat einen ganz eigenen Sound. Er ist hart, mitunter aber auch poetisch, sehr szenisch geschrieben und nach einem etwas holperigen Beginn mit hohem Tempo erzählt. Man kann fast schon den Film zum Buch sehen. Sprachlich ist »Hund, Wolf, Schakal« eher einfach gehalten, aber das ist Khanis Stil, mit dem er von einer rassistischen Gesellschaft berichtet, ohne dabei aber plump anklagend zu sein. Khanis Figuren sind gut gearbeitet, sodass man trotz zahlreicher fragwürdiger Entscheidungen durchaus mit Saam und Nima mitfühlt, teilweise gar sympathisiert, ohne sie dabei zu entschuldigen. Allein, es wäre spannend gewesen, noch mehr über ihren Vater Jamshid zu erfahren. Mit ihm beginnt der Roman in Teheran, doch sein Leben in Berlin bleibt eher vage.

Und man fragt sich: Muss ein Buch aus dem Jahr 2022, auch wenn es in den neunziger Jahren spielt, wirklich das Z-Wort verwenden? Und, schlimmer noch, einer Figur diese Bezeichnung als Namen verleihen, die obendrein noch mit dem Charakter eines verschlagenen Kleinkriminellen dargestellt wird? Gewiss war die Art zu reden vor dreißig Jahren anders als heute. Bleibt aber die Frage, ob es der Authentizität des Sounds abträglich ist, wenn man bestimmte Begriffe nicht reproduziert.

Andere Nebenfiguren wiederum funktionieren wunderbar. Es gibt kleine Momente im Roman, die richtiggehend leuchten. Etwa wenn der Vater von Nimas (weißdeutscher, gutbürgerlicher) Freundin in seinem Überschwang extra nach Charlottenburg fährt, um iranischen Safran zu kaufen, und sich im Laden dort im alten Persien wähnt und eher eine »Fernreise als eine Einkaufstour« macht, eine »eklektisch anachronistische Reise in den Vorderen Orient, ins alte Persien, nach Mesopotamien«. In dem kleinen Geschäft »war er Assyrern, Aramäern, Juden und Parsen begegnet. Hatte mit Derwischen getanzt, mit Fakiren gefastet, hatte mit Nomaden gejagt, mit persischen Königen Polo gespielt«. Auch der Moment, in dem eine Fliege in Saams Gefängniszelle auftaucht, ist poetisch, denn zwei Jahrzehnte zuvor hatte er als kleines Kind auf der Flucht versucht, Insekten in einem Glas über die türkische Grenze zu bringen.

»Hund, Wolf, Schakal« ist ein temporeicher Roman über zwei Brüder, die die Wahl haben, sich ihrem scheinbar vorgezeichneten Schicksal zu ergeben oder die versuchen, es zu durchbrechen. Trotz einiger kleinerer Schwächen ist das ein spannendes Debüt und sein Autor eine neue Stimme in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, von der man sich mehr wünscht.

Behzad Karim Khani: Hund, Wolf, Schakal. Hanser Berlin, 288 S., geb., 24 €.

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