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Erfolgreich eingesprungen

Auch mit ihrer zweiten Reihe gelingt den deutschen Basketballern die WM-Qualifikation

  • Oliver Kern
  • Lesedauer: 5 Min.
Der jüngst nach Spanien gewechselte Justus Hollatz (r.) überzeugte gegen Finnland mit ruhiger Spielführung, 18 Punkten und neun Assists.
Der jüngst nach Spanien gewechselte Justus Hollatz (r.) überzeugte gegen Finnland mit ruhiger Spielführung, 18 Punkten und neun Assists.

Gut 14 Monate ist Gordon Herbert nun Bundestrainer der deutschen Basketballer. Als er im September 2021 kurz nach den Olympischen Spielen von Tokio den langjährigen Coach Henrik Rödl ersetzte, waren die Reaktionen verhalten. Der Kanadier Herbert war schon 62, nie Cheftrainer in der NBA, der Euroleague oder auf Nationalmannschaftsebene. Viele Erfolge hatte er auch nicht vorzuweisen – und der sollte nun den deutschen Basketball in die Weltspitze führen?

Im November 2022 ist endgültig klar: Gordon Herbert war und ist der passende Mann für den Job. Er führte das Team des Deutschen Basketball-Bunds (DBB) in seiner kurzen Amtszeit nicht nur zu EM-Bronze in Berlin, sondern durch ein 94:80 gegen Finnland am Freitagabend auch zur Weltmeisterschaft 2023.

Dabei hatte es bei Herberts Debüt noch so ausgesehen, als wären die Zweifler im Recht gewesen, schließlich wurde das erste Qualifikationsspiel gegen Estland zu Hause verloren. Danach aber siegte das DBB-Team achtmal in Serie, spielte zwischenzeitlich sogar die Slowenen um NBA-Superstar Luka Dončić an die Wand. Der verdiente Lohn: Schon drei Spiele vor Ende der Qualifikationsphase ist das WM-Ticket sicher. Und das, obwohl Herbert (wie alle anderen Nationaltrainer auch) fast durchgängig auf die besten Spieler aus der NBA und der Euroleague verzichten musste.

Der Sturheit vieler Funktionäre ist es zu verdanken, dass die größten Publikumslieblinge nur bei großen Turnieren dabei sind, im Qualifikationsalltag aber muss sich Herbert fast jedes Mal ein neues Team zusammenzimmern. Dafür hat er dann auch immer nur wenige Tage Zeit, denn die Vereinsligen legen kaum mal Pausen für die Nationalteams ein. Da Spielmacher Justus Hollatz auch noch mit Reisestrapazen zu kämpfen hatte, waren es diesmal sogar nur zwei volle Trainingstage mit der gesamten Mannschaft. Dennoch passte das Zusammenspiel am Freitagabend in Bamberg schon wieder so gut, dass die deutsche Auswahl 94 Punkte erzielte und mit Ausnahme des Schlussviertels auch in der Defensive die Finnen immer wieder zu schweren Würfen zwang.

»Das war eine harte Woche für uns. Ich kam erst am Dienstag zum Team. Wir hatten nur zwei Trainingseinheiten, und dafür können wir sehr stolz sein auf das, was wir hier geleistet haben«, resümierte Hollatz die Tage in Franken. »Der Coach hat uns super eingestellt und gesagt: Habt Spaß und kommuniziert miteinander! Das hat geklappt.« Offensichtlich hat Herbert für dieses ungewöhnliche Format der Trainerarbeit eine gute Formel gefunden. Er reduziert aufs Einfache, setzt auf wenige, dafür aber klare Aktionen und ansonsten auf viel Leidenschaft. Und die Erfolge geben ihm recht.

Natürlich profitiert Herbert dabei auch von einer starken Spielergeneration. Dass ihm im aktuellen Nationalmannschaftsfenster nur drei der zwölf EM-Bronzemedaillengewinner vom Sommer zur Verfügung stehen, ist zwar ärgerlich, aber auch ein Beweis dafür, wie viele Deutsche es mittlerweile in die stärksten Ligen der Welt geschafft haben; die eben leider ihre Spieler nur selten freistellen.

Diejenigen, die nach den Stars kommen und – so despektierlich wie passend zugleich – oft als B-Team bezeichnet werden, sind trotzdem noch stark genug, um in Europa zu den besten Teams der Qualifikation zu zählen. Hollatz etwa war bei der EM oft nur Bankdrücker hinter den herausragenden Spielmachern Dennis Schröder und Maodo Lô. Gegen Finnland führte der erst 21-Jährige das deutsche Team nun eindrucksvoll mit 18 Punkten und neun Vorlagen zum am Ende ungefährdeten Erfolg. David Krämer (19 Punkte) und Robin Christen (15) standen bei der EM nicht einmal im Kader.

Dennoch geben diese »Aushilfs-Nationalspieler« in den Qualifikationspartien alles, obwohl sie sicher schon ahnen, dass sie im nächsten Sommer erneut kaum zur WM in Japan, den Philippinen und Indonesien mitgenommen werden dürften. »Die Jungs haben sich voll reingehauen. Sie lagen anfangs zurück, haben sich aber zurückgekämpft. Sie haben auch an jedem der drei Tage hier hart gearbeitet. Das macht mich sehr stolz«, sagte Bundestrainer Herbert nach der Partie. Und Hollatz bescheinigte er bereits Euroleague-Niveau.

Für den Fall, dass es am Freitag noch nicht mit der vorzeitigen Qualifikation geklappt hätte, war zuvor diskutiert worden, ob dann eventuell doch ein paar Euroleague-Spieler nachnominiert werden könnten. Schließlich haben die an diesem Montag spielfrei. Wahrscheinlich war dieses Szenario ohnehin nie, doch Herbert erteilte ihm am Freitagabend auch schnell eine Absage: »Wir fahren mit denselben Jungs nach Slowenien. Diese Jungs haben es verdient, dort zu spielen.«

Einziger Wermutstropfen: Der Boom, den sich der DBB von der erfolgreichen Heim-EM erhofft hatte, ist erst mal ausgeblieben. Wie schon in der Bundesliga war auch beim ersten Auftritt der Nationalmannschaft nach dem Sommer die Halle in Bamberg nicht annähernd ausverkauft. Das liegt zum einen in der Abwesenheit der EM-Stars, zum anderen aber auch daran, dass die Basketballer sowohl bei den meisten Spielen der EM als auch komplett in der WM-Ausscheidung nur im Pay-TV zu sehen waren. Der breiten Öffentlichkeit bleiben ihre Erfolge somit eher verborgen.

Welchen Unterschied das macht, zeigt sich an den deutschen Fußballerinnen. Die hatten ihr EM-Silber komplett bei ARD und ZDF feiern und auch danach plötzlich Länderspiele dort zur Primetime absolvieren können. Die Einschaltquoten sind hoch und die Stadien nun deutlich voller. Bei den Basketballern aber zieren sich die Öffentlich-Rechtlichen weiterhin. Dabei könnte man sich deren WM auch mit viel weniger Bauchschmerzen anschauen als die anstehende der Fußballer in Katar.

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