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  • Fußball-WM in Katar

Selbstbewusste Außenseiter

Fünf Teams aus Afrika spielen bei der WM mit. Senegal hat gute Chancen, muss aber auf Mané verzichten

Auch ohne Sadio Mané (Trikotnummer 10) hat der Senegal gute Chancen auf ein Weiterkommen in die K.o.-Runde.
Auch ohne Sadio Mané (Trikotnummer 10) hat der Senegal gute Chancen auf ein Weiterkommen in die K.o.-Runde.

Der Schock war riesig in Senegal, als sich Sadio Mané knapp zwei Wochen vor Beginn der umstrittenen Weltmeisterschaft in Katar verletzte. Wie schlimm die Blessur tatsächlich ist, darüber herrschte lange Zeit Ungewissheit. Seit Donnerstagabend steht offiziell fest: Der Starspieler, der seit diesem Sommer in Diensten des deutschen Rekordmeisters FC Bayern München steht, fällt komplett aus. Zu schwer war die Verletzung am rechten Wadenbeinköpfchen, die sich der 30 Jahre alte Stürmer im vorletzten Bundesligaspiel des Jahres zugezogen hatte. Mané wurde am Donnerstag in Innsbruck erfolgreich operiert.

Der FC Bayern und der senegalesische Fußballverband hatten die besten Sportmediziner zusammengetrommelt, um den lädierten Ausnahmespieler doch noch fit zu bekommen. Von Nationaltrainer Aliou Cissé hieß es erst, Mané käme um eine Operation wohl herum. Vielleicht auch deshalb wurde der beste Fußballer Senegals nominiert. Er sollte mit seinen »Löwen von Teranga« nach Katar fliegen und ist nach wie vor offiziell im Kader. Er hätte somit theoretisch zum Einsatz kommen können. Das ist seit Donnerstag ausgeschlossen. Der Senegal muss auf seinen Nationalhelden definitiv verzichten.

Der ganze Senegal, eine fußballverrückte Nation, war in den Tagen nach der Verkündung der Verletzung Manés in Aufruhr. Dass der Kapitän ausfallen könnte – unvorstellbar auch für Trainer Aliou Cissé. Selbst Staatspräsident Macky Sall schaltete sich ein. Er wünschte Mané, der im vergangenen Februar mit dem Senegal erstmals Afrikameister wurde, via Twitter alles Gute und baldige Genesung.

Während die Bayern sowohl eine zu schnelle Genesung als auch einen verfrühten Einsatz aus Vereinssicht für gefährlich hielten, wollte naturgemäß der Senegal mit aller Macht versuchen, dass Mané doch an der WM-Endrunde – die insgesamt erst dritte für den Senegal – teilnehmen konnte. Und dafür wurden alle Register gezogen. Denn, wenn die herkömmliche Medizin nicht weiterkommt, muss eben die Mystik in Senegal weiterhelfen. So sollten die im muslimischen Senegal weit verbreiteten Religionsführer, die Marabouts, denen Heilungskräfte nachgesagt werden, Mané fit bekommen für die Gruppenspiele gegen die Niederlande, Ecuador und Gastgeber Katar.

Danach soll es weitergehen für den Senegal, der auch ohne Mané durchaus das Potenzial hat, die Gruppenphase zu überstehen. Denn nach dem grandiosen Sieg beim diesjährigen Afrika-Cup war sich Cissé sicher: Die Zeit könnte nun reif sein für ein afrikanisches Wunder bei der 22. WM. »Ein afrikanischer Weltmeister? Warum denn nicht?«, fragte damals ein ausgelassener Cissé voller Emotionen und Siegesfreude. Selbstredend, dass auch ein hohes Maß an Wunschdenken dabei gewesen war. Denn bislang hat es noch kein einziges Team vom afrikanischen Kontinent unter die besten Vier einer WM-Endrunde geschafft.

Dennoch ist seine Mannschaft seit Monaten in brillanter Verfassung und hat neben Mané auch andere internationale Stars in ihren Reihen. Wenn es ein Team aus Afrika schaffen könnte, die Vorrunde zu überstehen, dann der Senegal. Bei seiner ersten WM-Teilnahme 2002 in Japan und Südkorea hat der Senegal bereits eindrucksvoll bewiesen, dass mit den Löwen zu rechnen ist. Sie besiegten die einstige Kolonialmacht und den damaligen Titelverteidiger Frankreich. Letztlich endete die Reise erst im Viertelfinale.

Dennoch werden – für gewöhnlich – den afrikanischen Mannschaften eher Außenseiterchancen eingeräumt bei großen Turnieren. Zu stark ist die Konkurrenz aus Europa und Südamerika. Zu unstrukturiert und spielerisch zu schwach waren oftmals die Teams aus Afrika, obwohl viele Spieler in Europa spielen und ausgebildet worden sind. Der Vorwurf: gute Einzelakteure, aber weder intaktes Mannschaftsgebilde noch funktionierender Teamgeist. Zudem immer gut für Eskapaden und Skandale.

Und dieses Jahr? Der afrikanische Fußball hat sich nochmals weiterentwickelt, ist reifer und selbstbewusster geworden – auch dank Weltstars wie Mané oder Mo Salah, der mit Ägypten denkbar knapp gegen Senegal in der WM-Qualifikation gescheitert ist. Bei der WM sind mit Ghana, Kamerun, Marokko, Senegal und Tunesien fünf Teams aus Afrika qualifiziert, wobei der Senegal die mit Abstand leichteste Gruppe aller afrikanischen Teams hat.

Deutlich diffiziler wird es für Manés Sturmpartner bei Bayern München Eric Maxim Choupo-Moting. Der in Hamburg geborene Stürmer spielt für Kamerun seine bereits dritte WM. Der 33-Jährige traf zuletzt in der Bundesliga und Champions League, wie er wollte. Ein Wunder, dass er nicht immer in der kamerunischen Nationalmannschaft gesetzt ist. Beim Afrika-Cup Anfang dieses Jahres wurde Kamerun Dritter, »Choupo« spielte aber kaum. Bei der WM wird Trainer Rigobert Song, ein alter Bekannter aus der Bundesliga (1. FC Köln), »Choupo« sicher nicht auf der Bank schmoren lassen. Obwohl Choupo-Moting und Kapitän Vincent Aboubakar in bestechender Form sind, wird es schwer werden für Kamerun, den Erfolg von 1990 zu wiederholen. Damals zog Kamerun als erstes afrikanisches Team überhaupt mit der Legende Roger Milla ins Viertelfinale ein. In einer Gruppe mit Mitfavorit Brasilien, Serbien und der Schweiz scheint ein Weiterkommen dieses Mal nicht möglich zu sein.

Ähnliches gilt für Ghana, das den Erfolg von der WM-Endrunde 2010 in Südafrika wohl nicht wiederholen kann. Vor zwölf Jahren schieden die »Black Stars« letztlich im Elfmeterschießen unglücklich gegen Uruguay aus und verpassten hauchdünn den historischen Einzug ins WM-Halbfinale. Dieses Mal trifft Ghana wieder auf Uruguay. Die Revanchegelüste sind groß in Accra und bei Kapitän André Ayew, der damals schon dabei war. Zu groß dürfte hingegen Gruppenfavorit Portugal sein. Einzig gegen das Team aus Südkorea können sich die Kicker von Nationalcoach Otto Addo, der zugleich auch einer der Co-Trainer von Borussia Dortmund ist, etwas ausrechnen.

Marokko und Tunesien sind nach 2018 wieder dabei, haben aber kaum Chancen aufs Weiterkommen. Marokko mit Top-Abwehrspielern wie Noussair Mazraoui vom FC Bayern oder Achraf Hakimi von Paris Saint-Germain trifft auf Belgien, Kanada und Kroatien. Tunesien, das sich anders als alle anderen vier Nationen noch nie für ein Achtelfinale qualifizieren konnte, bekommt es bei seiner sechsten WM-Teilnahme mit Australien, den EM-Halbfinalisten von 2021 Dänemark und Fußballweltmeister Frankreich zu tun. Sollten sich die beiden maghrebinischen Teams dennoch qualifizieren, wäre dies eine Sensation.

Mit Bakary Gassama aus Gambia ist auch wieder ein afrikanischer Schiedsrichter dabei – wie zuletzt 2014 und 2018. Salima Mukansanga aus Ruanda wird die erste Schiedsrichterin aus Afrika sein, die zum Schiedsrichter-Aufgebot einer Männer-WM gehören wird.

Lesen Sie alle unsere Beiträge zur Fußball-WM in Katar unter: dasnd.de/katar

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