Zu viele Fälle unentdeckt

Welt-Aids-Tag: Die geschätzte Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland stagniert

Das HI-Virus, hier in einer 3D-Illustration, hat seinen Schrecken noch nicht verloren.
Das HI-Virus, hier in einer 3D-Illustration, hat seinen Schrecken noch nicht verloren.

Am 1. Dezember wird seit 1988 jährlich der Welt-Aids-Tag begangen. Seit vor etwa 40 Jahren die HIV-Epidemie begann, haben sich nach Schätzungen des Gemeinsamen HIV-/Aids-Programms der Vereinten Nationen (UNAIDS) insgesamt 84,2 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert. Etwa die Hälfte ist daran gestorben. In Osteuropa und in afrikanischen Ländern steigen die Zahlen weiter, im Südlichen Afrika ist Aids die häufigste Todesursache. In Mitteleuropa und damit auch in Deutschland konnte mit Aufklärung und Prävention die Zahl der Neuinfektionen auch 2021 auf einem relativ niedrigen Stand gehalten werden.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) schätzt für das Vorjahr, dass sich hierzulande etwa 1800 Menschen neu mit HIV angesteckt haben. Dieser Wert war auch schon für 2020 angegeben worden. Damit sei die Ansteckungszahl wieder so niedrig wie vor zwei Jahrzehnten, heißt es vom RKI. Noch in den 80er Jahren musste Deutschland jährlich teils mehr als 5000 Neuinfektionen vermelden. Die Zahlen sanken bis zur Jahrtausendwende, danach stiegen sie bis 2007 noch einmal an. Schließlich gehen sie seit etwa 2016 zurück.

Zugleich warnt das Institut, dass die aktuellen Zahlen besser erscheinen könnten, als die Situation tatsächlich ist. Auch hier kommt die Corona-Pandemie ins Spiel: In den letzten drei Jahren hatten sich möglicherweise weniger Menschen auf HIV testen lassen. Auch wenn die Zahlen real wären, gäbe es keinen Grund zur Entspannung: Weiterhin fehlen noch Testangebote und bessere Zugänge zu Therapie und Prophylaxe, alles gut an verschiedene Zielgruppen angepasst. Unter anderem die Deutsche Aidshilfe (DAH) fordert, Engpässe in der Drogenhilfe zu beseitigen, ebenso wie bei der Versorgung mit medikamentöser HIV-Prophylaxe (PrEP).

Im Gegensatz zu den allgemeinen Schätzungen ist die Zahl der Neuinfektionen unter jenen Menschen gestiegen, die intravenös Drogen konsumieren, und zwar zumindest zwischen 2010 und 2019. 2021 waren in dieser Gruppe 320 Personen betroffen. Die steigende bzw. konstant hohe Zahl lässt sich relativ einfach erklären: Sie fällt zusammen mit dem Rückgang der verteilten sterilen Spritzen vor Ort.

In einer speziellen Erhebung des RKI hatten mehr als ein Drittel der Drogenhilfe-Einrichtungen angegeben, dass ihr Budget nicht für eine angemessene Versorgung reiche. Die Kostensteigerungen würden für diese Einrichtungen seit Jahren nicht mehr ausgeglichen. Die Aidshilfe warnt davor, dass es in diesem Bereich zu mehr Infektionen, zu weniger Diagnosen und damit auch zu schweren Erkrankungen kommen könne. Länder und Kommunen dürften die Drogenhilfe nicht länger vernachlässigen.

Ebenfalls ein Versorgungsproblem gibt es bei der medikamentösen HIV-Prophylaxe, die seit 2019 für Menschen mit einem erhöhten Risiko von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird. Hier fehlt aber noch ein flächendeckender unkomplizierter Zugang, unter anderem weil in einigen Regionen und Städten spezialisierte Arztpraxen fehlen. »Das Potenzial der PrEP ist noch nicht ausgeschöpft«, erklärte dazu DAH-Vorstand Winfried Holz. Der Zugang zu der hoch wirksamen Schutzmethode sollte auch Menschen ermöglicht werden, die im Ausland sexuelle Kontakte haben.

Wer in Deutschland erst einmal eine HIV-Diagnose hat, bekommt mit einiger Sicherheit auch eine antivirale Therapie. Auf dem Papier gibt es hier eine Deckung von 98 Prozent. Zudem ist die Behandlung bei den meisten Infizierten erfolgreich. Ein Problem bildet aber die Gruppe, die noch nichts von der eigenen Infektion weiß – und aus der heraus dann andere angesteckt werden. Das RKI schätzt ihre Zahl auf 8600 Menschen. Laut Aids-Hilfe ist die Zahl der unwissentlich HIV-positiven Menschen zumindest in der Gruppe der Männer zurückgegangen, die Sex mit Männern haben. Der Fachbegriff unter anderem aus der Epidemiologie, abgekürzt MSM, umfasst sowohl homo-, bi- als auch heterosexuelle Männer.

Auch wenn der Anschein entsteht, in Deutschland sei die Versorgung von HIV-Infizierten schon in einem relativ guten Zustand, gibt es immer noch Diskriminierung im Zusammenhang mit Aids, und zwar sogar im Gesundheitswesen selbst. Aus diesem Anlass hat die infektiologische Klinik mit HIV-Zentrum im Vivantes-Auguste-Viktoria-Klinikum eine Aufklärungskampagne für die Krankenhäuser des Berliner Konzerns gestartet.

Die Infektionsspezialisten weisen auf einige Fakten hin, die vermutlich auch in der Allgemeinbevölkerung zu wenig bekannt sind. Dazu gehört, dass Menschen mit HIV, die unter Therapie stehen, nicht ansteckend sind und die gleiche Lebenserwartung haben wie Menschen ohne HIV. Deren Krankenakten dürfen nicht gesondert gekennzeichnet werden, und sie sind nicht isolationspflichtig. Außerdem gibt es keine dokumentierten Fälle einer HIV-Infektion durch Kontakt mit entsorgten Nadeln oder Spritzen.

Prävention im Zusammenhang mit Aids weist mehr Aspekte auf als den PrEP-Zugang. Mittlerweile sind die seit 25 Jahren verbreiteten antiretroviralen Kombinationstherapien so effektiv, dass HI-Viren im Blut bis unter die Nachweisgrenze reduziert werden können. Das Vollbild der Infektion, die Aids-Erkrankung, ist seltener geworden. Neurologen weisen aktuell darauf hin, dass noch nicht immer alle Folgen und Komplikationen einer HIV-Infektion verhindert werden können. Die Patienten und Patientinnen, so erklärte kürzlich die Deutsche Hirnstiftung, entwickelten verschiedene neurologische Auffälligkeiten. Das HI-Virus greife zwar vor allem Zellen des Immunsystems an, aber auch Nervenzellen.

Insbesondere bei HIV-Positiven über 65 Jahren kann es zu einer virusassoziierten Demenz kommen. Im Spätstadium führt diese zu Lähmungen der Gliedmaßen sowie zur geistigen Erstarrung und endet dann oft tödlich. Das liegt auch daran, dass selbst mit der erprobten Kombinationstherapie im Gehirn nicht ausreichend hohe Wirkstoffspiegel erreicht werden.

Durch das Virus geschädigt werden auch periphere Nerven, wobei diese ebenso von Nebenwirkungen der HIV-Medikamente betroffen sein können. Das zeigt sich in Kribbeln oder Missempfindungen und Schmerzen in Zehen und Füßen. Harmlos sei das nicht, erklärt die Hirnstiftung, damit könnten am Ende Gang und Balance beeinträchtigt werden. Auch weil es gegen HIV keine Impfung gebe, so Frank Erbguth von der Hirnstiftung, sei Safer Sex nach wie vor der einzige Schutz gegen die Krankheit. Das HI-Virus habe seinen Schrecken längst nicht verloren.

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