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Urlaub im Container

Wenig Komfort, dafür kurze Wege: Viele Fans in Katar wohnen im Fandorf – und es gefällt ihnen

  • Frank Hellmann, Doha
  • Lesedauer: 5 Min.
Gewöhnungsbedürftige Unterkunft: Die Fandörfer in Katar bieten zwar wenig Komfort, dafür aber eine günstigere Alternative zu den teuren Hotels.
Gewöhnungsbedürftige Unterkunft: Die Fandörfer in Katar bieten zwar wenig Komfort, dafür aber eine günstigere Alternative zu den teuren Hotels.

Die Kulisse wirkt fast kitschig. Der Halbmond steht schon am Himmel, als die Sonne am Horizont verschwindet. An bunten Containern hängen weiße Beleuchtungen, die an die Geschichte von Aladin und die Wunderlampe erinnern. Wer Motive für »Märchen aus 1001 Nacht« sucht, findet sie tatsächlich im sogenannten Fan Village am Stadtrand von Doha, unweit der Metrostation Free Zone. Was freie Zone heißt, war früher freies Land. Oder besser gesagt, Wüste. Wer sich keine teure Unterkunft in Doha leisten kann und will, zieht hier ein. So wie Mohammed Abu aus Saudi-Arabien, ein bestens englisch sprechender Fan, der nur eine Stunde nach Katar geflogen ist.

Der 29-Jährige wollte billig wohnen. 500 Katar-Riyal, umgerechnet rund 130 Euro, erklärt er, habe ein Container mit zwei Schlafplätzen für die Nacht gekostet. Von Weitem mutet das Areal mit Behausungen in riesigen Reihen eher wie ein Flüchtlingslager als ein Fancamp an, aber wie bei so vielem bei dieser WM der Widersprüche ist eine nähere Betrachtung lehrreich.

»Wenn man dort nur schläft«, erzählt Abu auf dem Fußweg ins Fandorf, »dann ist es gut.« Die Klimaanlage funktioniert. Natürlich auch die Toilette und die Dusche. Dazu ein Tisch. Ein Schrank. Und an jeder Längsseite ein Bett. Rolladen an kleinen Fenstern. Fertig ist das WM-Zuhause, das über die zentrale Unterkunftsvermittlung unter Fifa-Hoheit vertrieben wird. Angeboten werden verschiedene Ausführungen an verschiedenen Orten. Ähnliche Retortenquartiere finden sich in Al-Rayyan oder auch Al-Chaur. Fandörfer können aus Containern, Zelten oder auch Ein-Zimmer-Apartments bestehen.

Aus solch einem ist Christian Dahler gerade mit einem Kumpel aus Barwa Barahat Al Janoub, etwas südlich von Doha in Al-Wakra, zurückgekommen. Der 39-Jährige hatte sich das vor Monaten für eine Woche bei der WM so ausgesucht. Seine Prämissen: passender Preis, kurze Wege – und das Gefühl, bei der WM »mittendrin« zu sein. Natürlich hat der erste Blick in die spartanische Unterkunft kein Hochgefühl ausgelöst, aber gewöhnt sich der WM-Gast nicht schnell an alles? Wer den Komfort eines Hotelzimmers erwartet, werde definitiv enttäuscht, sagt er. Aber dafür ist in solch einem Domizil eingepreist, in einen Schmelztiegel der Kulturen einzutauchen. Für etwas weniger als 600 Euro für sechs Tage hätten er und sein Kumpel eine »gute Unterkunft zu einem Spitzenpreis« bekommen. Vom Camp fahren täglich Shuttlebusse zu allen Stadien. Zehn Spiele in fünf Tagen – das geht. Sogar richtig gut.

Und im Fandorf kann man mehr tun, als man denkt. Selbst Fußball spielen hinter dem klimatisierten Essenszelt. Grüne Kunstfasern liegen auch in einem von Kisten begrenzten Bereich, der als Gebetsfläche ausgewiesen ist. Nach Sonnenuntergang gehen muslimische Männer zum Gebet auf die Knie. Vor ihnen flattern die Fahnen von Argentinien, Kanada und Ecuador sanft im Wind. In solchen Momenten stört nur der Lärm der Flugzeuge, denn der Airport von Doha ist nicht weit weg. Gut frequentiert sind die Bereiche vor zwei großen Bildschirmen zum Public Viewing, vor denen große Kissen ausgelegt sind. Hat das nicht sogar Charme? Zutritt ist aber nur für Dorfbewohner mit Ausweis. Kontrolleure passen genau auf. Alkohol gibt es übrigens auch hier nicht. Und genug Kontakte kommen auch nüchtern zustande.

Der Berliner Dahler berichtet von einer Taxifahrt mit einem Mexikaner und Israeli, vom Plausch beim Public Viewing mit Argentiniern und Japanern – und einer Zuschauerin, die sich auf dem Weg zum Stadion scherzhaft den Mund zuhielt, als sie die beiden deutschen Anhänger sah. Vermutlich habe sie sich von der Geste der deutschen Nationalspieler angegriffen gefühlt, aber ganz sicher sei das nicht. »Sie hat nur gelächelt und sich den Mund zugehalten.« Beide Seiten nahmen es mit Humor. »Auch über die Geste hat man sich unterhalten, das haben schon viele weltweit wahrgenommen und uns Deutsche immer mal wieder darauf angesprochen«.

Für ihn war es, sagt er, gerade wegen der vielen Nationalitäten auf engem Raum, eine »super Woche«. Sein Blick auf Katar hat sich durch die Vorort-Erfahrung etwas verändert. Die persönlichen Eindrücke seien durch nichts zu ersetzen, auch wenn die Kritik an den Rahmenbedingungen der WM natürlich völlig berechtigt ist. »Ich glaube, wir werden es die nächsten 40 Jahre nicht erleben, dass man als Fan alle WM-Stadien besuchen kann. Das war herausragend.«

In vier Jahren wird das schwer möglich sein. Dann tourt der WM-Tross mit seiner riesigen Begleitung durch drei Länder. Kanada, USA und Mexiko. 16 Spielorte, 48 Mannschaften. Jaime Arcos Marino und Bryan Arcos freuen sich drauf, sie kommen schließlich aus Mexiko, leben in Los Angeles. Der 52-Jährige und sein 29 Jahre alter Sohn haben in Katar erstmals eine WM besucht. In der Nacht, als sich ihre geliebten Mexikaner verabschieden, sitzen sie neben gepackten Koffern auf Klappstühlen vor der Videowand. Der Flieger geht in wenigen Stunden.

Im Gepäck sagen sie, befinden sich Erinnerungen an warmherzige, unglaublich gastfreundliche Menschen in Katar, die immer ein Lächeln auf den Lippen gehabt hätten. Einem Fan aus Ecuador haben sie eine riesige Freude machen können, indem sie ihm ein Trikot ihres Lieblingsvereins Club América aus Mexiko überreichten.

7000 Dollar hat der WM-Trip verschlungen. Gut angelegtes Geld? Ja, sagen beide. Sie warten auf den Check-Out an einem Platz, an dem die meist männlichen Ankömmlinge das Ambiente erst ein bisschen auf sich wirken lassen müssen, um damit wirklich warm zu werden.

Alles ist schließlich in Containern verpackt: Imbissstände, Toiletten, sogar eine Apotheke. Anders als für den Bau der Prachtstadien oder Luxushotels mussten für die Container keine Arbeitsmigranten ihr Leben lassen. Sie sind in China gebaut und dann nach Katar verschifft worden. Gerade erst haben die katarischen Herrscher entschieden, dass sie nach der WM nach Kenia gebracht werden. Dort sollen sie Menschen helfen, die bislang unter wirklich erbärmlichen Bedingungen leben. Ohne kitschige Kulisse.

Lesen Sie alle unsere Beiträge zur Fußball-WM in Katar unter: dasnd.de/katar

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