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  • Roman »Von Frauen und Salz«

»Alles ist immer komplexer als jede Art von Identitätsmarker«

Die Schriftstellerin Gabriela Garcia sprach mit dem »nd« über ihren Roman »Von Frauen und Salz« und die unterschiedlichen Erfahrungen lateinamerikanischer Einwander*innen in den USA

  • Isabella Caldart
  • Lesedauer: 5 Min.

Gabriela Garcia, Ihr Roman behandelt mehrere intensive Themen – Einwanderung, komplizierte Mutter-Tochter-Beziehungen, intergenerationelle Traumata, Drogenmissbrauch –, spielt in verschiedenen Ländern und führt von der Gegenwart bis ins 19. Jahrhundert. Wie haben Sie das alles unter einen Hut gebracht?

Ein Buch kann wie eine Landkarte für die Gedanken eines Menschen sein. Zu der Zeit, als ich den Roman geschrieben habe, hatte ich schon jahrelang mit inhaftierten migrantischen Frauen gearbeitet, bin außerdem oft nach Kuba gereist. Vieles von dem, worüber ich schreibe, spiegelt das wider, worüber ich nachgedacht habe. Ich bin den Themen nachgegangen, die mich interessierten, und habe nach Wegen gesucht, sie miteinander zu verbinden. Durch die Struktur des Romans konnte ich mich in jedem Kapitel auf verschiedene Figuren in verschiedenen Situationen konzentrieren und diese dann zusammenfügen.

War Ihre Arbeit mit inhaftierten Frauen die Inspiration für den Roman?

Ich habe während dieser Arbeit angefangen zu schreiben, noch bevor ich wusste, dass es ein Roman werden würde. Aber der Großteil kam erst Jahre später. Ich denke nicht explizit darüber nach, politisch zu sein. Was ich schreibe, ist einfach durchdrungen von allem, woran ich interessiert bin, womit ich mich befasse.

In einer der ersten Szenen beschließt Jeanette, die sich um die kleine Ana kümmert, nachdem deren Mutter von der Einwanderungsbehörde ICE abgeholt wurde, schließlich doch, die Polizei zu rufen. Warum tut sie das?

Das thematisiert die komplizierte Natur dieser Beziehungen. Wenn man über lateinamerikanische oder migrantische Gemeinschaften in den USA spricht, glauben viele, es gäbe eine Art monolithische Identität und eine automatische Solidarität zwischen den einzelnen Gruppen. Ich wollte das infrage stellen. Wissen Sie, Jeanette kommt aus einem ganz anderen Umfeld als Ana. Ihre Überlegungen sind also anders. Ich wollte in der Szene diese Komplexität und Spannung einfangen.

Gerade diese Nuancen, die Unterschiede zwischen der mexikanischen und mittelamerikanischen Erfahrung im Vergleich zur kubanischen, sind hiesigen Leser*innen vielleicht unbekannt. Eine kubanische Figur im Buch sagt auch: »Wir sind nicht wie sie, wir sind politische Flüchtlinge.« Können Sie das genauer erläutern?

Alles ist immer komplexer als jede Art von Identitätsmarker. Die Einwanderungsgesetze und die Privilegien, die bestimmte Gruppen in den USA haben, sind sehr unterschiedlich. Meine kubanische Mutter konnte anders als mein Vater, der aus Mexiko stammt, sehr leicht einwandern. Lange Zeit wurde Kubaner*innen automatisch der Weg zur Staatsbürgerschaft geebnet. Sie kamen in Gemeinschaften, die bereits die Infrastruktur hatten, um Einwanderer*innen aus Kuba zu unterstützen, was ganz anders ist als die Migration aus Mexiko, wo es diese Möglichkeiten nie gab. Selbst als Kind war mir immer klar, wie unterschiedlich die Erfahrungen der lateinamerikanischen Einwohner*innen Miamis sind.

Später im Roman besucht Jeanette Kuba, aber kann mit der Kultur, dem Land und seinen Bewohner*innen nicht so viel anfangen. Was ist das für ein Gefühl?

So wie verschiedene Einwanderungsgemeinschaften sehr unterschiedliche Erfahrungen in den USA machen, unterscheiden sich auch die Erfahrungen, selbst eingewandert oder aber das Kind von Einwander*innen zu sein, voneinander. Viele Kinder von kubanischen Eingewanderten identifizieren sich als Kubaner*innen, auch wenn sie noch nie in Kuba waren, weil sie mit Verbindungen zu diesem Land aufwachsen. Die Spannungen und das Unbehagen, das Jeanette fühlt, ergibt sich daraus, einerseits einen Ort zu haben, der sich nach der eigenen Identität anfühlt, andererseits aber zu erkennen, dass er in der Realität ein fremdes Land ist.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, einen großen Sprung in die Vergangenheit zu machen und auch die Geschichte einer Kubanerin im 19. Jahrhundert zu erzählen?

Ich denke darüber nach, wie diese weit entfernten historischen Momente die Gegenwart beeinflussen können. Viele der Bücher von Cuban Americans über Kuba konzentrieren sich auf die Revolution von 1959, aber weniger auf andere Bewegungen im Laufe der Geschichte, wie zum Beispiel die Unabhängigkeitsbewegungen des 19. Jahrhunderts. Mich interessieren die Verbindungen zwischen all diesen historischen Momenten und auch die Erfahrungen von Frauen zu diesen unterschiedlichen historischen Zeitpunkten.

Auch der französische Schriftsteller Victor Hugo (1802–1885) ist für Sie relevant. Warum haben Sie sich dazu entschieden, Literatur von einem weißen europäischen Mann in einen Roman einzubauen, der von Latina-Frauen handelt?

Ich war immer sehr fasziniert von der Geschichte der Vorleser in den kubanischen Tabakwerkstätten. All die Bücher und Autoren, die dort gelesen wurden, wurden zu einem großen Teil der intellektuellen Bewegung in Kuba: Zahlreiche revolutionäre Figuren sind Dichter. Viele dieser überragenden Persönlichkeiten waren weiße europäische Männer oder weiße Männer kubanischer Herkunft – ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, eine Frau in diesem intellektuellen Raum zu sein. Und ich habe daran gedacht, wie diese Geschichten im Laufe der Generationen unterschiedliche Bedeutungen annehmen können. Für meine im 19. Jahrhundert lebende Figur María Isabel ist der Roman »Die Elenden« von Hugo ein wirklich wichtiges Buch, während es für Jeanette später zu einer monetär wertvollen Sache wird.

Worauf bezieht sich das Salz im Titel? Geht es um Schweiß oder Tränen?

Der Titel gefällt mir, weil er so viele verschiedene Assoziationen hervorrufen kann. Damit repräsentiert er das Buch, in dem aus vielen unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird – Salz passt zu vielen Motiven, die darin vorkommen.

Gabriela Garcia: Von Frauen und Salz. Claassen, 304 S., geb., 22 €

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