Problempanzer bleiben Problempanzer

Schadensbericht des Verteidigungsministeriums zu havarierten Puma-Panzern lässt viele Fragen offen

  • René Heilig
  • Lesedauer: 4 Min.

Seit Jahresbeginn ist die Bundeswehr Führungsnation der schnellen Eingreiftruppe der Nato, Very High Readiness Joint Task Force (VJTF). Im Ernstfall müssten die Soldaten samt Gerät innerhalb von fünf Tagen abmarschbereit sein. Daher hatte man Soldaten wie Technik lange und intensiv vorbereitet. Schließlich sollte Deutschland angesichts des russischen Angriffskriegs in der Ukraine sowie der damit von Kanzler Olaf Scholz verknüpften »Zeitenwende« Stärke demonstrieren. Also wählte man auch die modernste Variante des von Rheinmetall und Krauss-Maffei-Wegmann hergestellten Schützenpanzers Puma aus. Der Typ verkörpere einen »Quantensprung« des Panzerbaus, jubelte die Bundeswehrführung – bis im Dezember bei einer Gefechtsübung der komplette Bestand einer Panzergrenadierkompanie ausfiel: 18 der Kettenfahrzeuge mit Kanone machten schlapp. Eine Reparatur vor Ort war angeblich nicht möglich.

Bis auf einen stehen alle Panzer der Truppe jetzt wieder zur Verfügung. Mit dieser scheinbar guten Nachricht versuchte die politisch angeschlagene Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) die zuständigen Abgeordneten des Bundestags bei der Vorstellung einer von ihrem Haus in Auftrag gegebenen Schadensanalyse zu beruhigen.

Geht man jedoch ins Detail, bleiben erhebliche Zweifel. Grundsätzlich, heißt es im Bericht des Ministeriums, sei der Puma ein leistungsfähiger Schützenpanzer und verfüge über die Fähigkeit, der Truppe im Gefecht »Wirkungsüberlegenheit« zu verschaffen. Es folgt ein großes Aber: »Für ein kriegstaugliches System muss der Puma allerdings robust und zuverlässig sein.« Dafür bedürfe es eines »eng verzahnten Systems aus Truppe, Heeresinstandsetzungslogistik, Projektleitung und Industrie«. Wie dies in einem echten Kriegseinsatz gelingen soll, bleibt unklar.

Unmittelbar nachdem die Nachricht über den Ausfall der 18 Pumas über eine durchgesickerte Brand-Mail des Divisionskommandeurs bekannt geworden war, ritt Ministerin Lambrecht eine scharfe Attacke gegen die Hersteller. Und sie stellte umgehend die Unterschrift unter einen bereits ausverhandelten und finanzierten Vertrag in Frage, mit dem der komplette Puma-Bestand auf die modernste Konfiguration nachgerüstet werden soll. Die Beschaffung zusätzlicher Schützenpanzer hänge nun davon ab, dass die Industrie »endlich die Hausaufgaben« mache und den Panzer so abliefere, dass dieser wirklich einsatzbereit sei, stellte Lambrecht klar.

Die Industrie jedoch konnte bei der Begutachtung der kaputten Fahrzeuge – bis auf einen – nur »Bagatellfehler« entdecken, die demnach von der Truppe leicht zu beheben gewesen wären. Die Bundeswehr bestreitet das, und das Ministerium merkt an, im Ernstfall könnten auch kleine Mängel »zum Tode führen«.

Insgesamt jedoch ist man im Hause Lambrecht zurückhaltender bei der Schuldzuweisung in Richtung der Hersteller geworden. Man setzt auf eine weitere gute Zusammenarbeit. Schließlich ist man auf diese auch angesichts der Probleme bei der Beschaffung in den eigenen Reihen angewiesen. Und der Puma ist hier nur ein Beispiel für die Notwendigkeit der immer wieder versprochenen, doch nie durchgesetzten Reformen in diesem Bereich.

Seit Projektstart vor rund zwei Jahrzehnten gab es immer wieder Probleme. Das Heer stellte immer neue Anforderungen an den »gepanzerten Kampfcomputer«, und die Konstrukteure optimierten ihn bei laufender Produktion so lange, bis die eingegangenen Kompromisse zu langen Fehlerlisten wurden.

In der Truppe selbst wurden derweil Instandsetzungskapazitäten abgebaut. Zudem reichte man die relativ wenigen hochgerüsteten VJTF-Pumas zum Training möglichst vieler Soldaten in verschiedenen Einheiten herum, was erfahrungsgemäß das Verantwortungsbewusstsein für das Gerät nicht erhöht. Wegen des Ausfalls der 18 Panzer musste Lambrecht kurz vor Weihnachten bekanntgeben, dass Deutschland der VJTF den seit Jahrzehnten eingesetzten Vorgängertyp Marder zur Verfügung stellen wird.

In Sachen Puma-Panne wird man sich intern nun vermutlich darauf einigen, dass ein für die Instandsetzung zuständiger Feldwebel seinen Job nicht ordentlich beherrsche und ein Divisionskommandeur seine Brand-Mail zu eilig verfasst habe.

Offiziell will das Verteidigungsministerium »zeitnah« zu einem »Spitzengespräch unter Beteiligung der Industrie, der Truppe und der Beschaffungsorganisation einladen«. Dabei dürften Maßnahmen zur weiteren Ertüchtigung des Geräts, zur Beschaffung von mehr Ersatzteilen und zum Einsatz von besser geschultem Personal beschlossen werden. Die damit verbundenen Mehrkosten sind nicht nur dem »System Puma« immanent. Doch, so betonte Kanzler Olaf Scholz auf der Bundeswehrtagung im September, eine gut ausgerüstete Armee, die ihren »Auftrag zum Schutz unseres Landes erfüllen« könne, sei für ihn »eine Selbstverständlichkeit«.

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