Reuse me!

Leo Fischer über Zippbeutel und den Bewusstseinswandel beim Klimaschutz

  • Leo Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.
Klimaschutz: Reuse me!

Auf den Zippbeuteln, die ich im Supermarkt kaufe, um darin Essensreste einzumachen, steht in einer Art Endlosbanderole »Reuse me! Reuse me! Reuse me!«, kaum vom Dekor zu unterscheiden, wie ein Mantra oder ein automatisiertes Gebet. Es ist mehr als ein gut gemeinter Rat, es steckt etwas vom schlechten Gewissen des ganzen Warenkreislauf darin; der Aufschrei eines auf exponentieller Ressourcenvernichtung ausgerichteten Wirtschaftssystems. Hier, am Ende zahlloser Verwertungs- und Profitentscheidungen, flackert zum ersten Mal schüchtern eine ethische Idee auf wie ein Kerzenflämmchen im Orkan. Ein obsoleter Hinweis auf Recycling, den niemand ernst nimmt, der vollkommen optional und ohne Konsequenzen ignoriert werden kann, ironische Suggestion einer Lebensstilentscheidung – und auch ein ökonomischer Widersinn, denn natürlich hat der Zippbeutelhersteller keinerlei reales Interesse an einer Wiederverwertung seines Produkts, außer eben das allerabstrakteste, das Menschheitsinteresse, für das es aber keine Key Performance Indices gibt, sondern vielleicht eine lobende Erwähnung auf einem Corporate-Responsibility-Forum; die Teilnahme daran fällt unter Werbungskosten.

Leo Fischer

Leo Fischer ist Journalist, Buchautor und ehemaliger Chef des Satiremagazins »Titanic«. In seiner Kolumne »Die Stimme der Vernunft« unterbreitet er der aufgeregten Öffentlichkeit nützliche Vorschläge und entsorgt den liegengelassenen Politikmüll. Alle Texte auf dasnd.de/vernunft.

Natürlich, als Menschen sind sie alle mehr oder minder besorgt um die Umwelt, die Kund*innen, die Hersteller*innen, die Händler*innen, aber sie alle reusen den Zippbeutel natürlich nicht, oder nicht oft genug, als dass dadurch 52,1 Millionen Tonnen Kraftstoffverbrauch im Jahr ausgeglichen werden könnte oder rund 11.500 Quadratkilometer Wald im Amazonasgebiet, abgeholzt allein Jahr 2022. Kein ausgespültes Joghurtschälchen, kein ausgeschalteter Standby-Modus kann diese Verwüstung auffangen, und doch haben solche Gesten, als Vorgriff auf die Möglichkeit vernünftigen Lebens, endlos mehr Würde als der FDPler, der im Stau stehend auf »neue Technologien« hofft wie auf eine messianische Wunderwaffe, nachdem seine Rasselbande seit vierzig Jahren systematisch jede Chance auf ihre Einführung zerstörte.

Eine große Recherche der »Zeit« hat vor wenigen Tagen gezeigt, wie wenig die Klimaschutz-Zertifikate wert sind, die Produkten von Aldi, Gucci und Zalando den Anstrich der Unbedenklichkeit geben sollten – sie waren grob gesprochen nur das Papier gewordene Versprechen, Wälder nicht abholzen, die in dieser Größenordnung gar nicht existierten. Nicht existierende Wälder nicht abzuholzen spart kein einziges Gramm CO2, die Herstellung der wertlosen Zertifikate sorgte wahrscheinlich sogar für ein erhöhtes Aufkommen: Es wäre klimaschonender gewesen, das Klima nicht zu schonen als auf diese Weise. Aber wie auch beim Zippbeutel wird die gesellschaftliche Schuld, die alle vage spüren, ständig als Optionsschein hin- und hergeschoben, zersplittert, vereinzelt, bis bei allen nur mehr ein vages, kaum mehr wahrnehmbares Gefühl der Bedrohung vorhanden ist, aber kein Handlungsdruck.

Fragt man Unternehmer*innen, sagen die: Ganz klar, die Politik muss uns strenge Vorgaben machen, die Wirtschaft kann nicht aufholen, was die Politik verschläft! Die Politik hingegen verlangt von der Wirtschaft freiwillige Selbstkontrollen und ein bisschen Zurückhaltung beim Planetenzerstören, denn macht man der Wirtschaft zu viele Auflagen, wandert sie ab, an Orte, wo die Augen noch fester zugedrückt werden. Die Presse wünscht sich reißerische Bilder, aber ein verheizter Regenwald ist halt nur eine grünbraune Pixelmasse; als Irre inszenierte Aktivist*innen, die braven Bürger*innen den Weg zur Arbeit versperren, hingegen eine fassbare Gefahr. So hoffen alle still auf den Bewusstseinswandel der anderen – und dass irgendwann die Menschheit insgesamt genug Zippbeutel auswäscht.

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