Sexualisierte Gewalt: Gemeinden im Fokus

Sozialwissenschaftliche Untersuchung zum Missbrauch in der katholischen Kirche

  • Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.

423 Fälle sexualisierter Gewalt durch Priester und Ordensleute. Die am Dienstag veröffentlichte Zahl übersteigt das bisher bekannte Ausmaß um ein Vielfaches. Hinzu kommen 201 Beschuldigte. 2018 waren in Essen nur 60 Täter und 85 Betroffene bekannt. Zahlen die aufrütteln. Zahlen, die, wie so oft, wenn es um sexualisierte Gewalt im kirchlichen Kontext geht, zeigen, dass die Fallzahlen steigen, sobald genauer hingeschaut wird.

Anlass für die Bekanntgabe der neuen Zahlen war die Veröffentlichung einer Studie mit dem Titel »Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen von 1958 bis heute«, die vom Münchener Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) erstellt wurde. Das Besondere an der Arbeit: Die Forscher blickten mit einem sozialwissenschaftlichen und sozialpsychologischen Ansatz auf die sexualisierte Gewalt im Bistum. Statt sich nur mit den Zahlen zu beschäftigen oder juristische Bewertungen zum Umgang der Kirchenleitung mit den einzelnen Fällen abzugeben, schauten die Wissenschaftler*innen bei sechs ausgewählten Fällen besonders genau hin. Ihre Methoden: Interviews mit Betroffenen, Gemeindemitgliedern und auch Tätern, dazu Gruppendiskussionen und Gespräche mit aktuellen und ehemaligen Verantwortlichen des Bistums.

Unter den Fällen, die sich das IPP exemplarisch angeschaut hat, sind auch solche, die schon in der Vergangenheit für Aufregung gesorgt hatten. Da wäre Priester A., der aus dem Erzbistum Köln kommt. Nach einer Verurteilung wegen eines sexualisierten Übergriffs auf ein Kind wechselte er ins Bistum Münster. Dort wurde er ein zweites Mal verurteilt, trotzdem konnte er nach Köln zurückkehren. Seinen Ruhestand verbrachte er im Bistum Essen, genauer in Bochum-Wattenscheid; hier half er von 2002 bis 2015 weiter in der Seelsorge. Erst 2019 wurden A. vom Kölner Erzbischof Woelki die priesterlichen Tätigkeiten verboten. Mittlerweile ist er aus dem Priesterstand entlassen. »Ich habe Schuld auf mich geladen«, erklärte Essens Bischof Franz-Josef Overbeck im Jahr 2020. Er habe es versäumt, die Personalakte von Priester A. einzusehen, und so die Dimension des Falls nicht erkannt.

Auch am Dienstag bei der Vorstellung der Studie gab Overbeck sich zerknirscht. Sein Bistum habe »Betroffenen keinen Glauben geschenkt« und »Menschen alleingelassen«. Der Bischof erklärte: »Die abscheulichen Taten von Priestern, die wir seit der juristischen Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in den vergangenen Jahren kennen, wurden vertuscht, kleingeredet oder durch Versetzungen und Lügen verheimlicht.« Am Missbrauch seien nicht nur einzelne Täter schuld, es gebe auch ein »systemisches« Versagen der Kirche. Da gelte es, »sich ehrlich zu machen«. Overbeck kündigte an, die Präventionsarbeit in seinem Bistum professionalisieren zu wollen. Auch müsse die Kommunikation mit Betroffenen, ihren Familien und den Kirchengemeinden deutlich verbessert werden.

Einen großen Dank sprach der Essener Bischof den Betroffenen aus; nur mit ihrer Hilfe sei man in der Lage, »zu einem Bistum zu werden, in dem wir Gewalt und Grenzverletzungen bestmöglich verhindern«.

Das dürfte noch ein weiter Weg sein. Die Studie des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung nahm besonders die Dynamiken in den Kirchgemeinden in den Blick. Damit knüpft sie an eine im letzten Jahr vorgestellte Studie zum Bistum Münster an, die besonders die »klerikale Macht« kritisierte, die in der Kirche herrscht.

Wie diese Macht konkret aussieht, erzählte Helga Dill vom IPP anhand der Essener Fälle. Nachdem ein Priester wegen einer Tat versetzt worden war, habe sich in der Gemeinde ein regelrechter »Fanclub« gebildet, der dem Geistlichen hinterherreiste. Der Priester habe auch mit Briefen und durch seine Schilderungen in der alten Gemeinde den Ton angeben können. Die Solidarisierung mit dem Pfarrer bezeichnete Dill als »Idealisierung«, die typisch für das katholische Milieu sei, in der der Priester eine herausgehobene Stellung hat. Dill betont, dass sich die Solidarisierung mit den beschuldigten Pfarrern »nahezu durchgängig« in den untersuchten Fällen feststellen lasse. Für Betroffene und ihre Angehörigen habe das erhebliche negative Auswirkungen gehabt. Sie seien Ausgrenzungen und Anfeindungen ausgesetzt worden.

Eine Mitschuld dafür geben die Wissenschaftler*innen auch der Bistumsleitung. Bis in die »jüngste Vergangenheit« habe sich deren Kommunikation darauf beschränkt, Sanktionen gegen einen Pfarrer zu verkünden. Über das Ereignis, das zur Sanktionierung führte, wurde allerdings nicht aufgeklärt. In den Gemeinden habe das zu einer »Entfremdung« vom Bistum geführt. »Die da oben wollten unseren Pfarrer fertigmachen« sei eine typische Reaktion. Es liegt also wohl noch viel Arbeit vor dem Bistum. Nicht nur in der Kommunikation, auch bei der Mentalität braucht es Veränderung.

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