»Manta, Manta - Zwoter Teil«: Es geht immer noch schlechter

Mit »Manta, Manta – Zwoter Teil« beweist Til Schweiger: es geht immer noch ein bisschen schlechter

Til Schweiger und Tina Ruland
Til Schweiger und Tina Ruland

Vor 30 Jahren schien die Welt noch in Ordnung. Jedenfalls im Ruhrpott. Von der Wiedervereinigung hatte man so gut wie nichts mitbekommen, war ja auch egal, solange Schalke gegen Dortmund gewann oder andersrum. Die Dauerwelle war ein angesagter Frisurentrend, die Schimmeljeans (Peter Richter) ein zulässiges Kleidungsstück und das Auto war Distinktionsmerkmal Nummer eins. Öko, Yuppi-Arsch oder Prollo, auf die Marke kam es an. In der Reihenfolge: Citroën 2CV (Ente), Mercedes oder Golf GTI. Auf der Proll-Skala am äußeren Rand und damit der unangefochtene King: Der Opel Manta B.

Und so kam es, dass im Jahr 1991 ein Film, der eigentlich kaum eine Handlung, geschweige denn interessante Charaktere besitzt und der sich fast ausschließlich mit tiefergelegten Autos und illegalen Rennen beschäftigt, ein Bombenerfolg wurde. Maximale Zerstreuung, das war das Sonderangebot, das »Manta, Manta« den Zuschauer*innen kurz nach dem Kollaps der alten Weltordnung machte und Til Schweiger gleichzeitig berühmt.

Noch heute fürchtet man sich vor jeder Produktion, an der er beteiligt ist. So auch vor der schon im Jahr 2011 (zum Jubiläum) angekündigten Fortsetzung des Neunzigerjahre-Klassikers »Manta, Manta«, die jedoch Produzent Bernd Eichinger bis zu seinem Tod im selben Jahr stets abgelehnt hatte. Dieses Genie. Aber Til Schweiger wäre nicht Til Schweiger, würde er ein Gespür für gute Stoffe besitzen und so wurde nun auch dieses Vorhaben mit reichlich Verspätung und viel Hick-Hack um die Filmrechte gnadenlos wegproduziert. Auf dem Werbeplakat heißt es: »Ein Film, auf den die Nation 30 Jahre gewartet hat«.

Man tat dem ersten Teil Unrecht, als er einfallslos und strunzdoof genannt wurde. Kaum ein Film ist ein so authentisches Produkt seiner Zeit wie dieser: sexistisch, machistisch, ästhetisch hart an der Grenze zum Ertragbaren. Aber die Musik ist super. Den Titelsong »Wir fahren Manta, Manta« lieferte die Berliner Punkband King Køng, Farin Urlaubs Trost-Band, bis die Ärzte wieder zusammenfanden. Und der stabile Klassenstandpunkt ist den Kritiker*innen damals anscheinend auch nicht aufgefallen. Wenn Klausi (Michael Kessler) in seine zu engen Cowboystiefel pinkelt, weil man ihm erzählt hat, das hätten die Soldaten in Stalingrad auch so gemacht, dann antwortet Bertie (Til Schweiger): »Klausi, die haben den Krieg verloren!« Humor ist in Stefan Cantz’ Drehbuch also wenigstens ansatzweise vorhanden. Und selbst der Rassismus gegenüber der Gastarbeitergeneration und ihren Kindern wird thematisiert. Eine Fortsetzung im Geiste des Originals hätte also einiges über die momentanen Zustände zu sagen.

Nun ist sie also da, die Fortsetzung, auf die wir 30 Jahre gewartet haben, und natürlich ist sie eine veritable Katastrophe geworden. Kann man Wolfgang Bülds Original »Manta, Manta« durchaus parodistische Tendenzen auf den Proletenkult der 90er unterstellen, der sich auch vor gesellschaftskritischen Statements nicht scheute (»Ich brauch kein Abitur, das ist doch nur Luxus«), so ist Schweigers »Manta, Manta – Zwoter Teil« der filmgewordene Ekel vor »Gendergaga« und »Ökoterror«, dem jegliche Selbstironie abgeht. Schweiger stellte vor der Premiere klar, dass er keinen »Woke-Film« machen wollte.

Geschenkt. Aber noch nicht mal was vom Pott-Flair (Fliesenfassaden, Imbissbude, Ruhr-Deutsch) ist übriggeblieben. Stattdessen allerlei Untenrum-Witze und Klischeeparaden (der zu spät kommende Araber, die patriarchalen Türken mit Faible für Zwangsehen, Nerds mit zu großen Brillengestellen und die brummdumme Frau auf dem Beifahrersitz). Und die paar trans- und frauenfeindlichen »Späßchen« werden wohl auch noch erlaubt sein dürfen, damit der Boomer im Boomer-Kino mal wieder so richtig ablachen kann.

Im ersten Teil von »Manta Manta« schafft es Stefan Cantz’ Drehbuch immerhin, diffamierende Witze, die wohl zum deutschen Humor gehören, mit der Bloßstellung der Protagonisten ironisch aufzulösen. Aber Schweiger als Regisseur und Drehbuchautor ist zu so etwas noch nie fähig gewesen. Er findet solche Szenen wohl unendlich viel lustiger: Automechaniker Bertie (schon wieder Schweiger) sitzt vor der Sachbearbeiterin seines MPU-Gutachtens, Frau Winkler, und muss mit Schrecken feststellen, dass aus dem ehemaligen Herrn Winkler nun Frau Winkler (Philippa Jarke) geworden ist, die auch noch eine Frau liebt. Und »bevor Frau Winkler noch heterosexuell wird«, haut er lieber schnell ab. Und so funktioniert der »Humor« über zwei Stunden.

Worum es im zweiten Teil von »Manta Manta« geht, ist wirklich egal, schockierend ist schlicht die unterirdische Qualität des aktuellen deutschen Unterhaltungskinos als dessen Hauptvertreter man Schweiger wenigstens zur Kenntnis nehmen muss. Immerhin produziert seine Firma Barefoot Films seit fast 20 Jahren konstant einen Kinohit pro Jahr auf diesem Niveau (»Keinohrhasen«, »Zweiohrküken«, »Honig im Kopf«, Regie: immer Til Schweiger). »Manta, Manta – Zwoter Teil« verlängert nun diese Reihe um ein weiteres Jahr.

Das Problem ist, dass eine Generation gestandener Regisseur*innen (Schweiger, Dörrie) in diesem Kino-Segment mittlerweile den Ton angibt und sich mit großer Publicity-Maschine im Rücken über den »Zeitgeist« amüsieren darf und sich anschickt, mit ihren Filmen einen Kommentar zum »aktuellen Diskurs« (Dörries »Freibad«) beizusteuern, am Ende aber nur komplett durchgeschimmelte Ressentiments auf die Leinwand bringt.

Schweiger-Filme oll zu finden, ist nicht besonders originell, und naiv war es zu denken, ein Film über einen tiefergelegten Opel würde heute noch irgendeine Art Unterhaltungswert haben, aber eines muss man Schweiger lassen: »Manta, Manta – Zwoter Teil« ist, wenn man ganz genau wegschaut, eigentlich eine liebevolle Hommage an die aussterbende Handwerkskunst des Automechanikers.

»Manta, Manta – Zwoter Teil«: Deutschland 2022. Regie und Drehbuch: Til Schweiger. Mit: Tina Ruhland, Til Schweiger, Michael Kessler. 125 Minuten. Start 30.3.

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