• Sport
  • Olympia und Russland

Eine »Goldmedaille für Feigheit und Heuchelei« für das IOC

Weltweite Kritik für die Empfehlung einer Rückkehr von russischen und belarussischen Aktiven in den Sport

  • Cai-Simon Preuten und Christoph Stukenbrock
  • Lesedauer: 4 Min.
In der Kritik: IOC-Chef Thomas Bach
In der Kritik: IOC-Chef Thomas Bach

»Verheerendes Signal«, »Verhöhnung der Toten« – und der Weltsport vor dem Sturz ins Chaos? Thomas Bach hatte mit Gegenwind gerechnet, doch was am Morgen nach dem »Tag der Schande« auf den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) einprasselte, sucht auch in der Ära des umstrittenen Sportfunktionärs aus Würzburg seinesgleichen. Politiker, Medien und Sportler aus den westlich geprägten Teilen der Welt reagierten mit Wut und Entsetzen auf die IOC-Entscheidung in der Russland-Frage. Die Zeitung »USA Today« verlieh Bachs IOC die »Goldmedaille für Feigheit und Heuchelei«.

Athletenvertreter Maximilian Klein hält die Wiederzulassung der russischen und belarussischen Sportlerinnen und Sportler selbst unter den vom IOC definierten Bedingungen für falsch. »Wenn ein Aggressor, der einen Staat überfällt, Teil dieser Bewegung bleiben darf, obwohl diese sich für Frieden einsetzt, dann ist das Hohn und Spott für die Opfer dieses Krieges«, sagt Klein. »Es betrifft auch die ukrainischen Athleten, die im Bombenhagel sterben, deren Sportstätten zerstört werden und die kämpfen müssen.« Olga Charlan, als Säbelfechterin ein Star in ihrer ukrainischen Heimat, ist am Boden zerstört. »Alle reden von den Russen. Die haben alles. Training in den besten Hallen, in ihren Riesenpalästen in Russland. Ein friedliches Leben im Familienkreis«, sagt die Olympiasiegerin. »Bei ihnen geht es um die Möglichkeit anzutreten. Bei uns geht es ums Überleben.«

Doch auch in Russland rief die IOC-Entscheidung Kritik hervor. Über »Diskriminierung« beschwerte sich Stanislaw Posdnjakow, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees Russlands, im Staatsfernsehen und nannte Bachs Beschluss eine »Farce«.

Zur selbigen könnten viele Sportwettkämpfe verkommen, auch die Olympischen Spiele in Paris. Das Beispiel Charlan und der ukrainischen Fechter, die den sportlichen Vertretern des Aggressors im Weltcup und der Olympia-Qualifikation gewichen sind, weist den Weg, den das IOC mit seiner Entscheidung für Russland beschritten hat. »Es kann sein, dass die eigentlichen Opfer boykottieren, und dass sie zum Rückzug gezwungen werden«, sagt Klein.

Boykott. Das böse Wort. Eines, das beim IOC niemand hören mag. Bislang deutet allerdings noch wenig darauf hin, dass sich westliche Staaten einem möglichen Rückzug ukrainischer Sportler anschließen könnten. Einen deutschen Boykott schließt Thomas Weikert »aus grundsätzlichen Erwägungen aus«. Bis zu den Olympischen Spielen im kommenden Jahr hofft er offenbar auf die Einsicht der Verbände. Es sei schließlich, so der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes, eine »Empfehlung« und »noch keine Entscheidung«.

Sehr viel schärfere Töne schlägt die Politik an. Vertreter verschiedener Länder und Parteien verurteilten die Linie des Internationalen Olympischen Komitees und forderten vehement, den Ausschluss der kriegstreibenden Nationen aus dem Weltsport aufrechtzuerhalten. Polens Außenminister Piotr Wawrzyk nannte den Mittwoch einen »Tag der Schande für das IOC«. Die »Wiederzulassung« sei »eine Verhöhnung der über 220 toten ukrainischen Trainer, Athletinnen und Athleten. Zum Wohl, Herr Bach«, schrieb Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) bei Twitter.

Die empfohlenen Schritte mögen auf dem Papier gut aussehen, das IOC hat klare Neutralitätskriterien definiert und sie vor allem geschärft – begrüßenswert. Doch die Zweifel an der Umsetzung sind massiv.

Der deutsche Athletenvertreter Maximilian Klein spricht von Empfehlungen, die von den Weltverbänden übergangen werden könnten. »So entsteht organisierte Verantwortungslosigkeit, wie wir das auch schon im russischen Staatsdoping-Skandal beobachtet haben.« Und der neutrale Status schütze Russen und Belarussen nicht davor, »dass die Individualathleten von dritter Seite für Kriegspropaganda instrumentalisiert werden«.

Auch in vielen Medien – vor allem in Europa und den USA – hinterließ die Entscheidung Wut, Entsetzen und Zweifel. Besonders hart ging die italienische Presse mit dem IOC und seinem Chef ins Gericht. »Pontius Pilatus ist ein Dilettant im Vergleich zu Bach«, schrieb das Mailänder Blatt »Il Giornale« und fällte ein eindeutiges Urteil: »Der westliche Boykott steht vor der Tür.« Zur Ultima Ratio wird es wohl nicht kommen. Dennoch stehen Bach, dem IOC und dem Weltsport stürmische Wochen und Monate bevor. SID/nd

Werde Mitglied der nd.Genossenschaft!
Seit dem 1. Januar 2022 wird das »nd« als unabhängige linke Zeitung herausgeben, welche der Belegschaft und den Leser*innen gehört. Sei dabei und unterstütze als Genossenschaftsmitglied Medienvielfalt und sichtbare linke Positionen. Jetzt die Beitrittserklärung ausfüllen.
Mehr Infos auf www.dasnd.de/genossenschaft

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal