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Hertha BSC: Mit Demut und Pal Dardai im Abstiegskampf

Warum das blau-weiße Urgestein zum neuen Berliner Weg passt

  • Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 5 Min.
Gelacht wird auf dem Trainingsplatz: Trainer Pal Dardai ist zurück.
Gelacht wird auf dem Trainingsplatz: Trainer Pal Dardai ist zurück.

Trainerwechsel gehören zum Fußball wie Tore, Zweikämpfe oder die Abseitsfalle. Auch der Ablauf gleicht sich zumeist. Der neue Coach bedankt sich bei seiner Vorstellung für das Vertrauen und sprüht vor Energie und Lust auf die neue Aufgabe. Als Pal Dardai am Montag im Medienraum von Hertha BSC auf dem Podium Platz nahm, schaute er fast grimmig in die Runde. Ein Lachen kam ihm erst über die Lippen, als er erzählte, dass seine Frau Mónika zu Hause die Hosen anhabe und er nur mit ihrer Erlaubnis wieder auf die Trainerbank des Berliner Bundesligisten zurückkehren konnte.

Schlechter als Hertha geht es keinem Erstligisten, in erster Linie und ganz offensichtlich sportlich. Seit dem 2:5 im Abstiegsduell am Freitagabend beim FC Schalke 04 stehen die Berliner am Tabellenende. Die daraufhin am Sonntag verkündete Trennung von Trainer Sandro Schwarz folgte zwar den Mechanismen der Branche, wurde aber – ebenso wie die Vorstellung des Nachfolgers Dardai – von einer eher unüblichen Stimmung begleitet. Mit emotionalen Worten, ohne Groll und Schuldzuweisungen, verabschiedete sich Schwarz vom Verein und seinen Fans: »Ich gehe nicht im Bösen. Im Gegenteil. Ich drücke die Daumen, dass unser Team in den letzten Spielen noch die Punkte holen kann, die nötig sind, um in der Liga zu bleiben.«

Diese schwere Aufgabe soll nun Pal Dardai lösen. Dafür bleiben ihm sechs Partien: drei Heimspiele gegen Werder Bremen, den VfB Stuttgart und den VfL Bochum sowie auswärts beim FC Bayern München, gegen den 1. FC Köln und in Wolfsburg. Und dann »vielleicht noch zwei mehr«, hofft Dardai auf eine mögliche Relegation. Viel mehr wollte er zu den sportlichen Aussichten nicht sagen. Und schon gar nichts »versprechen«. Der Blick auf Gegner wie Aufsteiger Bremen oder die Abstiegskonkurrenten aus Stuttgart und Bochum darf auch erst der zweite sein. Die wichtigste Aufgabe ist, die eigene Mannschaft zu stärken. Und einen wirklichen Eindruck von deren Innenleben und Problemen konnte sich Dardai erst am Nachmittag bei der ersten Trainingseinheit verschaffen.

Hilfreich bei der Rettungsmission kann zudem die Stimmung im Verein sein. Und die hat sich, wie auch der Abschied von Sandro Schwarz zeigt, im Vergleich zu den Vorjahren stark verbessert. In der vergangenen Saison gelang Felix Magath zwar die späte Rettung in der Relegation gegen den Hamburger SV, danach fällte er aber ein vernichtendes Urteil: »Ich habe fast nirgendwo Unterstützung gespürt.« Viele der »strukturellen Probleme«, die Magath ausgemacht hatte, stören die Entwicklung noch immer. Manche, wie die ungesunde Abhängigkeit von einem Investor oder den Gestaltungsspielraum stark einschränkende Schulden, werden den Verein noch jahrelang belasten. Welche Kraft aber allein ein vertrauensvolles Arbeiten, ein Miteinander statt persönlicher Eitelkeiten, bewirken kann, das beweisen einige Beispiele, auch in der Bundesliga.

Das klingt nach Hoffnung. Ebenso der Name Dardai. »Das Wort Hoffnung mag ich nicht«, sagte er am Montag. Allerdings nur, weil es Ausdruck der sportlichen Situation ist: Der Klassenerhalt ist nicht mehr aus eigener Kraft zu schaffen. Dafür brauche es jetzt auch etwas Glück, weiß Dardai. Aber er weiß auch, wie es geht. Erfolgreich bewahrte er Hertha sowohl 2015 als auch 2021 vor dem Abstieg. Die jeweilige Entwicklung danach zeigt, woran der Verein gescheitert ist. Als »Größenwahn« beschreibt es Kay Bernstein. Der seit vergangenem Sommer amtierende Präsident steht maßgeblich für den Stimmungsumschwung.

In den vergangenen 14 Jahren standen 18 verschiedene Fußballlehrer auf Herthas Trainingsplatz. Keiner war erfolgreicher als Pal Dardai. Er rettete den Klub nicht nur vor dem Gang in die zweite Liga, den die Berliner zuvor unter Präsident Werner Gegenbauer und Manager Michael Preetz schon zweimal hatten antreten müssen. Dardai schaffte es auch, die Berliner in der Bundesliga zu etablieren und führte sie sogar in die Europa League. Hertha wollte höher hinaus, verlor ohne Dardai aber mehr.

Jetzt ist der Ungar, nach eigener Analyse mit »blau-weißem Blut in den Adern«, wieder da. Eine richtige Entscheidung. Der neue Sportdirektor Benjamin Weber lieferte am Montag eine Begründung dafür: »Wir wollten einen Trainer, der uns sofort weiterhelfen kann. Pal kennt hier jeden Grashalm, das Umfeld und die Mannschaft.« Und wenn Kay Bernstein im Großen und Ganzen über notwendige »Demut« spricht, liegt der Klub mit der Wahl Dardais ebenso richtig. Termine wie am Montag waren für ihn schon immer mehr Pflicht als Vergnügen. Sobald er das Podium, nicht selten eine Bühne für Selbstdarsteller in diesem Business, mit dem Trainingsplatz getauscht hat, blüht er auf. Er will arbeiten – für den Klassenerhalt. Und auf dem grünen Rasen hat man Dardai dann am Montagnachmittag auch lachen sehen.

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